Kira Stein, 57, ist Expertin für das Thema „Frau und Technik“. Seit Jahren kämpft die promovierte Maschinenbau-Ingenieurin für Chancengleichheit und Geschlechtergerechtigkeit in einem von Männern dominierten Berufsfeld. Deshalb ist sie unter anderem als Mitglied der Vorstände des deutschen ingenieurinnenbundes, des Kompetenzzentrums Technik-Diversity-Chancengleichheit und des Deutschen Frauenrates aktiv. Für ihr Engagement wurde sie nun mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Ein Gespräch mit Kira Stein über soziale Rollen, Karrierechancen von Ingenieurinnen und demokratischere Entscheidungsprozesse.
Frau Stein, was werden Sie mit dem Bundesverdienstkreuz anfangen? Wollen Sie es tragen, rahmen und aufhängen oder lieber wegschließen?
Das weiß ich noch nicht. Mir geht es auch weniger um den Orden selbst als dass sichtbar wird, dass nicht nur soziales Engagement eine Ehrung verdient. Die Auszeichnung zeigt, dass es auch andere gesellschaftlich relevante Themen gibt.
Sie wurden für ihr Engagement rund um das Thema „Frauen in Naturwissenschaft und Technik“ ausgezeichnet. Was ist Ihr Anliegen auf diesem Gebiet?
Im deutschen ingenieurinnenbund setzen wir uns als Lobby für Frauen im Beruf ein, unterstützen uns gegenseitig im Netzwerk und versuchen junge Mädchen für diesen Beruf zu begeistern. Im Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit entwickeln wir Projekte, die beitragen sollen, Diversity und Geschlechtergerechtigkeit in der Informationsgesellschaft zu sichern. Dabei nutzen wir gezielt auch die Potenziale von Frauen, nach dem Motto: „Zukunft gestalten - Kompetenzen aller nutzen“. Gleichzeitig beschäftige ich mich mit der Frage, wie man mehr BürgerInnenbeteiligung im Bereich Technik und gleichzeitig eine positivere Einstellung dazu erreichen kann. Denn wer Technik gestaltet, gestaltet auch die Gesellschaft mit. Dafür werbe ich auch im Deutschen Frauenrat. Darüber hinaus vertrete ich ingenieurinnenbund und Frauenrat im nationalen Pakt „Komm, mach MINT“ für Frauen in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.
Worum dreht sich dieser Pakt?
Dieser Zusammenschluss aus Vertretern von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Medien ist Bestandteil der Qualifizierungsinitiative der Bundesregierung „Aufstieg durch Bildung“. Ziel ist es, das Bild der MINT-Berufe in der Gesellschaft verändern, junge Frauen für entsprechende Studiengänge und Absolventinnen für Karrieren in der Wirtschaft zu gewinnen.
Woher kommen Ihre Leidenschaft und die Kraft für dieses Engagement?
Politisch sensibilisiert wurde ich schon 1967 durch den Tod von Benno Ohnesorg und die Notstandsgesetze. Außerdem habe ich über meinen langjährigen griechischen Freund viel mitbekommen, was zur Zeit der Militärjunta in Griechenland abgelaufen ist. Diese Erfahrungen haben mich gelehrt, dass man die Gesellschaft, in der man lebt, auch kritisieren muss, um sie zu verändern. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich empfinde unseren demokratischen Staat als positiv, habe aber gelernt, dass man für die Erhaltung dieser Demokratie kämpfen muss.
Über Geschlechterfragen haben Sie sich damals aber noch keine Gedanken gemacht…
Nein. Vor dem Maschinenbau-Studium war mir überhaupt nicht klar, dass ich allein unter Männern sein und einen Exotinnen-Status haben könnte. Erst als ich gegen Ende des Studiums ein Seminar zum Thema „Frau und Wissenschaft“ besucht habe, begann ich, bewusst darüber nachzudenken. Die Initialzündung, um selbst aktiv zu werden, kam auf dem FiNuT-Kongress, der seit 1977 jährlich stattfindet. FiNuT steht für „Frauen in Naturwissenschaft und Technik“. Wir haben uns zusammengetan, weil wir sowohl die einzigen Frauen in unserem Berufsumfeld waren als auch die einzigen Ingenieurinnen oder Naturwissenschaftlerinnern in unseren Gruppen der Frauenbewegung. Außerdem wollten wir auch unsere jeweiligen Disziplinen kritisch hinterfragen.
Inwiefern?
Technik wird immer noch meist von Männern zwischen 25 und 65 entwickelt. Erfahrungen Älterer, Behinderter, Kinder und eben auch Frauen bleiben außen vor. Um umwelt- und sozialverträgliche Produkte herzustellen, brauchen wir aber die Beteiligung aller gesellschaftlichen Gruppen. Deshalb sagen wir auch immer: Ohne Frauen fehlt der Technik was.
Werden Innovationen nicht vor allem durch unternehmerische Entscheidungen vorangetrieben?
Zur Technik gehören z.B. auch die Stadt- und Verkehrsplanung. Da sollten Bürgerinnen und Bürger schon mitentscheiden können, wo die Reise hingeht. Vorraussetzung ist, dass es neutrale, verständliche Informationen über geplante Projekte gibt und eine Plattform, auf der die Leute darüber diskutieren können. Im Regelfall läuft es leider anders: Die Projekte werden in Hochglanzwerbebroschüren hochgelobt und meist auch erst dann, wenn schon alles beschlossen ist.
Warum können sich junge Frauen bis heute eigentlich so wenig für Technik begeistern?
Dieser Bereich wird immer noch stark mit Männlichkeit in Verbindung gebracht. Wenn etwa ein Kleidungsstück nach Zeichnung an der Nähmaschine genäht wird, ist das kein technischer Vorgang. Wird aber eine Achse an einer Drehmaschine nach Zeichnung bearbeitet, schon. Das liegt schlicht daran, dass in der Textilwirtschaft die Frauen arbeiten und im Maschinenbau die Männer. Und was Männer tun ist eben Technik. Diese Auffassung ist allerdings eine deutsche Spezialität.
Das müssen Sie erklären.
Hier herrscht die Vorstellung, der Beruf verändere die Persönlichkeit und das geschlechtsspezifische Verhalten. Noch immer gelten Frauen in technischen Berufen als „unweiblich“. In Griechenland, wo ich eine Zeit lang geforscht habe, lacht man über so einen Quatsch. Selbst in arabischen Ländern ist das anders. An deutschen Fachhochschulen studieren zum Beispiel viele Frauen aus dem Irak und dem Iran. Dabei interessieren sich viele Mädchen unabhängig von ihrer Herkunft vor der Pubertät sehr wohl für Technik. Erst wenn sie ihre Rolle als Frau zu suchen beginnen, wird das von ihren peergroups, also ihren Freunden, nicht gerne gesehen
Wie sind Sie selbst eigentlich zum Maschinenbau gekommen?
Ich hatte das typische Elternhaus von Ingenieurinnen: Keine Brüder, mein Vater war Ingenieur und brauchte einen „Lehrbuben“, der ihm bei seinen Reparaturen half. Ich selbst wollte beruflich etwas mit Mathematik und Physik machen, weil ich in Sprachen sehr schlecht war. Beim Maschinenbau dachte ich mir: Da sieht, hört und riecht man etwas, das spricht alle Sinne an. Ein Praktikum in einer Druckmaschinenfabrik hat mich dann so begeistert, dass meine Entscheidung feststand.
Gelingt es Ihnen, jüngeren Frauen diese Begeisterung zu vermitteln?
Ich kann den Mädchen zumindest zeigen, dass mir mein Beruf sehr viel Spaß macht, weil die Aufgaben so vielfältig sind. Und dass ich eine ganz normale, nette, glückliche Frau bin und keine weltfremde Exotin…(lacht). Darüber hinaus wollen wir das negative Image technischer Berufe verbessern. Frauen sagen oft, sie wollten im Job „etwas mit Menschen machen“. Wir sagen: Da passt der Ingenieursberuf doch gut! Erstens entsteht heutzutage alles in enger Teamarbeit. Zweitens müssen Ingenieurinnen und Ingenieure – und das war schon immer so – Produktionsabläufe organisieren. Da hat man ziemlich viel mit Menschen zu tun. Außerdem sage ich jungen Frauen immer wieder: „Ihr könnt über die Weiterentwicklung der Geräte, die ihr täglich benutzt, mitentscheiden!“
Was antworten Sie Interessentinnen, die Sie nach der Vereinbarkeit von Ingenieursberuf und der Familie fragen?
So lange in unserer Gesellschaft noch die Frauen für die Kindererziehung zuständig sind, versuchen wir diese Frage so zu beantworten: Bei den Betreuungsmöglichkeiten hat sich eine Menge getan. Während Ingenieurinnen in Westdeutschland früher kaum Kinder hatten, unterscheiden sie sich heute kaum noch von anderen Berufsgruppen. Gerade durch den relativ guten Verdienst, haben sie gute Chancen, beides organisiert zu bekommen. Allerdings stellen wir auch die Gegenfrage: Warum geht das nur die Frauen an? Die Ingenieure haben ja auch Kinder.
Stichwort Generationenkonflikt: Ernten Sie auch Widerspruch von jungen Frauen, die sich längst gleichberechtigt fühlen und mit ihren Forderungen nichts mehr anzufangen wissen?
Durchaus. Viele junge Frauen lehnen ihren Exotinnen-Status schlicht ab. Doch Veränderungen erreicht man nur, indem man das Problem erkennt, benennt und analysiert. Spannend wird es übrigens, wenn etwa bei einer Podiumsdiskussion ein Mann aufsteht und der Frau die Stellen in ihrem Lebenslauf aufzeigt, an denen sie sehr wohl benachteiligt worden ist. Deshalb fordern wir heute auch nicht unbedingt mehr Frauen in Entscheidungsgremien, sondern gendersensible Menschen.
Was haben die engagierten MINT-Frauen denn bislang erreicht?
Auf den unteren Ebenen ist es inzwischen nahezu selbstverständlich, auch mal eine Frau einzustellen. Das ist auch eine Frage der Gewöhnung, denn die Männer wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Wenn ein Vorgesetzter aber mal eine Frau eingestellt und das funktioniert hat, wird er es auch wieder tun. In jüngster Zeit ist es ja beinahe „in“, für Frauen in MINT-Berufen zu werben.
Dennoch heißt es oft, Ingenieurinnen müssten noch immer mehr leisten als ihre männlichen Kollegen, um anerkannt zu werden.
Sagen wir mal so: Sie müssen das bessere Preis-Leistungsverhältnis bieten, das heißt mehr leisten, um das gleiche Geld zu verdienen. Bringt eine Frau die gleiche Leistung wie ihre männlichen Kollegen, wird sie dafür oft schlechter bezahlt. So lange eine Ingenieurin noch als Sonderfall gilt, ist ihre Beschäftigung in vielen Männerköpfen noch mit einem gewissen Risiko verbunden. Falls sie „versagt“, ist der Chef, der sie eingestellt hat, im Zweifel dem Spott der Kollegen ausgesetzt. Aber natürlich gibt es inzwischen auch Betriebe, die das mit der Frauenförderung ernst nehmen.
Gibt es Schlüsselkompetenzen, die die Karrierechancen für Ingenieurinnen verbessern?
Man muss sich Verbündete suchen und ein Netzwerk aufbauen. Viele erliegen aber dem Irrtum, Leistung allein reiche, um befördert zu werden. Dabei müssen Frauen, ebenso wie Männer, ihre Leistung auch sichtbar machen. Sie müssen sich melden.
Ihrem Berufsweg zufolge, hat das „Netzwerken“ bei Ihnen gut funktioniert.
Anscheinend. Nach meiner Promotion an der TU Darmstadt bin ich zum Forschen nach Griechenland gegangen. Der Co-Referent meiner Promotion hatte mich dort empfohlen. Als ich zurückkam, war es wieder ein Zufall, dass ein anderer Kollege mich meinem künftigen Chef vorgeschlagen hatte. Dieser Chef hat mich wiederum zum nächsten Arbeitsgeber mitgezogen. Als ich dort ausgestiegen bin, haben wir zusammen eine Firma für Qualitätsmanagement-, Prozessoptimierungsberatung und Softwareentwicklung gegründet.
Der Tag hat nur 24 Stunden, wie kriegen Sie Ehrenamt und Beruf unter einen Hut?
An meiner Steuererklärung kann man ablesen, in welchen Jahren ich besonders viel ehrenamtlich gearbeitet habe – die Einnahmen schwanken entsprechend. Die Zeit, die das Ehrenamt kostet, könnte ich mir nicht nehmen, wenn ich angestellt wäre.
Es sei denn, sie hätten einen sehr flexiblen, kooperativen Arbeitgeber…
Stimmt. In meiner letzten Anstellung habe ich zehn Jahre lang jeden ungraden Monat als Leiterin des Qualitätsmanagements für die Firma gearbeitet, jeden graden Monat habe ich mich mit Frauenforschung und -förderung beschäftigt. Das ist der beste Beweis, dass man als Führungskraft nicht Tag und Nacht verfügbar sein muss. Ich hatte einfach eine gute Arbeitsteilung mit den Mitarbeitern, die unter mir angesiedelt waren: Ich habe eher die langfristigen Projekte betreut, die anderen haben Kurzfristiges in meiner Vertretung übernommen.
Das ließe sich ja auch auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf übertragen.
Eben. Man muss sich solche Möglichkeiten allerdings erkämpfen und sie einfordern. Freiwillig bekommt man sie nicht geboten.
Interview: Selina Byfield