Am 18. und 19. September 2008 kamen erstmals Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis zusammen, um einem interdisziplinären Dialog zu den Perspektiven und Potenzialen der Internetnutzung von Migrantinnen und Migranten in Deutschland zu führen. Die Tagung verfolgte das Ziel
Das Tagungsprogramm umfasste Vorträge, Fachgespräche und Workshops um den Expertinnen und Experten aus den verschiedenen Fachgebieten und gesellschaftlichen Bereichen ausreichend Gelegenheit zur intensiven Analyse und Bewertung des aktuellen Sachstandes zu bieten. Die Moderatorinnen Carola Ritterhoff und Canan Topcu begleiteten sachkundig die unterschiedlichen Programmpunkte.
14.00 Begrüßung: Birgit Kampmann
14:15 Keynote: Annette Niewöhner, Leiterin des Referats 406 "Rollenwandel und Partizipation, Männer, Migration, Milieus"
14:30 Migrantinnen und Migranten in der Informationsgesellschaft: Cornelia Lins
14:40 Neue Medien im Nationalen Integrationsplan: Jutta Croll
14:50 Internetnutzung von Migrantinnen und Migranten in Deutschland. Ergebnisse der Sonderauswertung „Internetnutzung und Migrationshintergrund“ des (N)ONLINER Atlas 2008: Birgit Kampmann
15:30 Themenblock 1: Migrantinnen und Migranten im Internet - eine „unsichtbare“ Größe?
17:00 Themenblock 2: Integration durch Internet! Internet durch Integration?
9:00 Internet-Plattformen für Migrantinnen und Migranten | Audiodatei
9:30 Workshoprunde I: Alter und Geschlecht
10:45 Workshoprunde II: Herkunft
12:00 Abschlussplenum: Präsentation der Workshopergebnisse, moderiert von Canan Topçu: Foto | Audiodatei
13:30 Ende
Am ersten Tag standen Vorträge und Talk-Runden auf dem Programm. Mit ihrer Keynote eröffnete Annette Niewöhner, Referatsleiterin in der Abteilung Gleichstellung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, den Einstieg in die Thematiken des Tages. Eine ihrer Kernaussagen, dass mit der Veröffentlichung des Mikrozensus' 2005 des Statistischen Bundesamts Deutschland als Einwanderungsland gilt, stieß bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf breite Zustimmung.
Die Einberufung des Nationalen Integrationsgipfels 2006 war ein politisches Signal, das dieser Realität Rechnung trägt. Im Zusammenhang mit digitaler Integration geht es um Integration in einem umfassend verstandenen Sinn, so Annette Niewöhner: Es geht um Teilhabe am politischen, sozioökonomischen und gesellschaftlichen Leben in Deutschland.
Im Themenaufriss Migration - Intergration - Internet wurden die Kernergebenisse der Bestandsaufnahme, die Rolle der Neuen Medien im Nationalen Integrationsplan sowie die Ergebnisse der Sonderauswertung des (N)ONLINER Atlas 2008 vorgestellt. Die Untersuchungen ergaben, dass die Merkmale der digitalen Spaltung:
auf Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in ähnlicher Weise wirken; die Herkunft konnte nicht als alleiniges Merkmal digitaler Spaltung identifiziert werden. Fehlende Deutschkenntnisse aber wirken als Barriere der Internetnutzung.
Zur ersten Talk-Runde waren Vertreterinnen und Vertreter der Medien- und Online-Forschung sowie des Statistischen Bundesamts geladen, um die Frage "Migrantinnen und Migranten im Internet - eine unsichtbare Größe?" zu erörtern.
In der zweiten Talk-Runde diskutierten Expertinnen und Experten aus der Medienpädagogik und Kommunikationsforschung die Frage "Integration durch Internet! Internet durch Integration?" Die Auswertung der Untersuchung "Migranten und Medien 2007" in Hinblick auf die Internetnutzung ergab, dass die Tagesreichweite des Internet für die einheimisch Deutschen bei 36 Prozent liegt, diejenige der migrantischen Bevölkerung um 16 bzw. 7 Prozentpunkte niedriger. Die niedrigste Nutzung wird bei der türkischstämmigen Bevölkerung mit 20 Prozent, die höchste bei der polnischstämmigen mit 29 Prozent angegeben.
Dass die Unterschiede hier größer sind, als die Ergebnisse der Sonderauswertung des (N)ONLINER Atlas 2008 "Internetnutzung und Migrationshintergrund", die ebenfalls vorgestellt wurden, liegt in der Art der Befragung begründet.In der Studie der ARD/ZDF Medienkommission konnten die Befragten wählen, ob sie das Interview in Deutsch oder ihrer Muttersprache führen wollen; in der Sonderauswertung hingegen wurden die Fragen nur auf Deutsch gestellt und beantwortet.
Die Talk-Runden machten deutlich, dass weiterhin differenzierter Forschungsbedarf besteht. Es ist wichtig sich mit den Gruppen zu befassen, über deren Internetnutzung wenig bekannt ist. Dem müssen die Forschungsentwürfe angepasst werden.
In einer begleitenden Ausstellung am ersten Tag konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer
auf dem Markt der Möglichkeiten über ausgewählte Projekte, Initiativen und Einrichtungen informieren, die im Rahmen der Primärerhebung "Gute Beispiele" durch ihr Angebot und ihre Erfolge überzeugt haben.
Den Einstieg am zweiten Tag der Fachtagung boten drei Referentinnen und Referenten mit der Vorstellung sogenannter Ethno-Portale: Qantara.de, In-Augsburg-Ist-Die-Welt-Zuhause sowie Petekweb als Beispiele mit ganz unterschiedlicher Ausrichtung wurden vorgestellt.
So hat Qantara zum Ziel, den Austausch mit der islamischen Welt zu fördern. Im Webangebot
finden sich Nachrichten, Dossiers und Bildergalerien, die in vier Sprachen angeboten werden: Deutsch, Englisch, Türkisch und Arabisch.
Der Interkulturelle Stadtplan Augsburg verzeichnet Angebote von Menschen anderer Kulturen in der Stadt, die eigentlich in das Stadtportal der Stadt Augsburg integriert werden müssten, wie in der Diskussion deutlich wurde.
Petekweb schließlich ist ein Portal türkischer Unternehmerinnen, dass von einer ihrer Gründerinnen vorgestellt wurde.
Anschließend wurden in zwei Workshop-Leisten:
die spezifischen Erkenntnisse zur Internetnutzung einzelner Zielgruppen erörtert. Diese Aufteilung erwies sich als sinnvoll, da der so der jeweils spezifische Nutzen und der spezielle Förderbedarf herausgearbeitet werden konnte.
Einerseits sehen Frauen - unabhängig von der Herkunft - nicht gleich den praktischen Nutzen, den das Internet bietet, andererseits kann das Internet als Qualifizierungshebel für junge Frauen mit Migrationshintergrund eingesetzt werden.
Unterschiede im Nutzungsverhalten nach Herkunft wurden auch deutlich: So besteht eine ausgeprägte türkische Gemeinschaft, die sich im Internet eher über Themen des Aufnahmelands in deutsch oder türkischer Sprache austauscht, wohingegen sich die Gemeinschaft der postsowjetischen Migranten eher international formiert und Themen überwiegend in russischer Sprache miteinander diskutiert.
Für alle Migrantengruppen wurde ein enger Zusammenhang zwischen Bildung und Teilhabe an der Wissens- und Informationsgesellschaft festgestellt. So ist die Forderung, Zugang zu Bildung für alle zu ermöglichen und Medienkompetenzerwerb verbindlich in die Curricula des Bildungssystems aufzunehmen, ein wichtiges Ergebnis der Tagung.
Fortgesetzt wird die Diskussion im Projektbeirat, der die Ergebnisse zu Handlungsempfehlungen verdichtet.
In der alphabetischen Liste finden Sie die 67 Expertinnen und Experten, die ihren Sachverstand in die Präsentation und Diskussion der Themengebiete eingebracht haben.