Sinus-Studie: Zugewanderte in Deutschland sind antifundamentalistisch, integrationswillig und aufstiegsorientiert!

Die neue Sinus-Studie über Migrantenmilieus zeigt ein facettenreiches Bild der Lebenswelt von Migrantinnen und Migranten in Deutschland und widerlegt viele in Deutschland verbreiteteten Negativ-Klischees über Zuwanderer. Der Großteil von ihnen orientiert sich wie die übrige Bevölkerung an modernen, gebildeten und beruflich wie gesellschaftlich erfolgreichen Vorbildern.

 

Die wichtigsten Ergebnisse der Studie

  • Bei den in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund handelt es sich keineswegs um eine sozio-kulturell homogene Gruppe. Vielmehr zeigt sich - wie in der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund - eine vielfältige differenzierte Milieulandschaft.Die den verbreiteten Negativ-Klischees entsprechenden Teilgruppen gibt es zwar, aber es sind sowohl soziodemografisch als auch soziokulturell marginale Randgruppen.
  • Insgesamt acht Migranten-Milieus mit jeweils ganz unterschiedlichen Lebensauffassungen und Lebensweisen konnten identifiziert, beschrieben und qualitativ bestätigt werden. Die Milieus gruppieren Menschen, die sich in ihrer Lebensauffassung und Lebensweise ähneln. Zwischen den Milieus gibt es Berührungspunkte und Übergänge. Diese Überlappungen und die Position der Migrantenmilieus in der deutschen Gesellschaft soll die folgende Grafik veranschaulichen. Je gehobener die Bildung, das Einkommen und die Berufsgruppe eines Milieus bewertet wird, desto höher ist es inder Grafik angesiedelt, je moderner die Grundorientierung, desto weiter rechts ist es positioniert:

    Quelle: www.sociovision.de


    Bürgerliche Migranten-Milieus

  • B23: Adaptives bürgerliches Milieu (16 %)
    Die pragmatische, moderne Mitte der Migrantenpopulation, die nach sozialer Integration und einem Leben in gesicherten Verhälnissen strebt
  • AB12: Statusorientiertes Milieu (12 %)
    Klassisches Aufsteiger-Milieu, das durch Leistung und Zielstrebigkeit materiellen Wohlstand und soziale Anerkennung erreichen will


    Ambitionierte Migranten-Milieus

  • BC2: Multikulturelles Performermilieu (13 %)
    Junges, leistungsorientiertee Milieu mit bi-kulturellem Selbstverständnis, das nach beruflichem Erfolg und intensivem Leben strebt und sich mit dem westlichen Lebensstil identifiziert
  • B12: Intellektuell-kosmopolitisches Milieu (11 %)
    Aufgeklärtes, global denkendes Bildungsmilieu mit einer weltoffenen, multikulturellen Grundhaltung und vielfältigen interkulturellen Interessen

    Traditionsverwurzelte Migranten-Milieus
  • A3: Religiös-Verwurzeltes Milieu (7 %)
    Vormodernes, sozial und kulturell isoliertes Milieu, verhaftet in den patriachalischen und religiösen Traditionen der Herkunftregion
  • AB3: Traditionelles Arbeitermilieu (16 %)
    Arbeitsmigrantinnen und -migranten sowie Spätaussiedlerinnen und -aussiedler, die nach materieller Sicherheit für sich und ihre Familien streben

    Prekäre Migranten-Milieus
  • B3: Entwurzeltes Milieu (9 %)
    Sozial und kulturell entwurzeltes Milieu, das Problemfreiheit und Heimat / Identität sucht und nach Geld, Konsum, Ansehen strebt
  • BC3: Hedonistisch-subkulturelles Milieu (15 %)
    Unangepasstes Jugendmilieu mit defizitärer Perspektive, verweigert die Erwartungen der Mehrheitsgesellschaft, "Spaßhaben" steht im Vordergrund

Quelle: www.sinus-sociovision.de

  • Die verschiedenen Milieus unterscheiden sich weniger nach ethnischer Herkunft und sozialer Lage sondern eher nach ihren Wertvorstellungen, Lebensstilen und ästhetischen Vorlieben.
    Menschen des gleichen Milieus aber mit unterschiedlicher Herkunft haben mehr miteinander gemeinsam als Menschen gleicher Herkunft und unterschiedlichen Milieus.

    Es kann also nicht von der Herkunftskultur auf das Milieu und auch nicht vom Milieu auf die Herkunftskultur geschlossen werden.

  • Der Einfluss religiöser Traditionen wird oft überschätzt. 84 Prozent sind der Meinung, Religion sei reine Privatsache. Drei Viertel dder Befragten zeigen eine starke Aversion gegenüber fundamentalistischen Einstellungen und Gruppierungen. Faktoren wie ethnische Zugehörigkeit, Religion und Zuwanderungsgeschichte beeinflussen zwar die Alltagskultur, sind aber nicht milieuprägend und auf Dauer nicht identitätsstiftend. Insgesamt 56 Prozent der Befragten bezeichnen sich als Angehörige einer großen christlichen Konfession, 22 Prozent als Muslime.
    Lediglich im Religiös-verwurzelten Milieu spielt die Religion, als Rahmen eines rural-(ländlich) traditionellen, von autoritärem Familismus geprägten Wertesystems, eine alltagsbestimmende Rolle. Menschen türkischer Abstammung und muslimischer Religionszugehörigkeit sind in dieser Gruppe deutlich überrepräsentiert.
  • Die meisten Migrantinnen und Migranten vestehen sich als Angehörige einer ethnisch vielfältigen deutschen Gesellschaft und wollen sich aktiv einfügen, ohne dabei ihre kulturellen Wurzeln zu vergessen.
    Erfahrungen mit Diskriminierung und Ausgrenzung haben ein Viertel der Befragten gemacht. Insbesondere Angehörige der bildungsferneren Milieus fühlen sich isoliert und ausgegrenzt. Quer durch alle Migrantenmilieus beklagen viele ein geringes Interesse an den Eingewanderten sowie eine mangelde Integrationsbereitschaft der Mehrheitsgesellschaft. Andererseits zeigt sich, dass die Erfahrungen mit Ausgrenzung und Diskriminierung nur für einen Teil der Migranten belastend sind. Typisch für das Entwurzelte Milieu und das Hedonistisch-subkulturelle Milieu ist die Selbststilisierung als benachteiligt und chancenlos, ähnlich jedoch wie in den einheimischen Milieus ohne Migrationshintergrund.
  • Die Integrationsbereitschaft ist sehr groß. Mehr als die Hälfte der Befragten zeigt einen uneingeschränkten Integrationswillen. Integrationsdefizite finden sich am ehesten in den bildungsfernen Milieus. Die Barrieren gegenüber kultureller Anpassung sind im Relgiös-verwurzelten Milieu am größten.
    87 Prozent der Befragten sagen: Alles in allem war es richtig, dass ich bzw. meine Familien nach Deutschland gekommen sind.
  • Ohne das Beherrschen der deutschen Sprache kann man als Einwanderer keinen Erfolg haben. Dieser Aussage stimmen 85 Prozent der Befragten zu. Für 82 Prozent ist die Deutsch die Umgangssprache im Freundes- und Bekanntenkreis.
    Insbesondere in den soziokulturell modernen Milieus haben viele Migrantinnen und Migranten ein bi-kulturelles Bewusstsein. Sie sehen Migrationshintergrund und Mehrsprachigkeit für sich selbst und die Gesellschaft als Bereicherung. 61 Prozent sagen, sie hätten einen international gemischten Freundeskreis. In den gehobenen Milieus liegt dieser Anteil bei deutlich über 70 Prozent.
  • 45 Prozent nennen die Schaffung von gleichen Bildungs- und Berufschancen eine sehr wichtige politische Aufgabe. Die erfolgreiche Etablierung in der Aufnahmegesellschaft ist wesentlich bildungsabhängig. Je höher das Bildungsniveau und je urbaner die Herkunftregion, desto leichter und besser gelingt dies. Die großer Mehrheit der Zuwanderer ist sich dessen bewusst und sind dementsprechend bildungsoptimistisch. Aufgrund von strukturellen Hürden, Informationsdefiziten und Fehleinschätzungen erlangen sie jedoch nicht immer adäquate Abschlüsse und Berufspositionen.
  • Die Gleichstellung von Frauen und Männern als eigenständiges Thema voranzutreiben wünschen sich 24 Prozent. 78 Prozent der Migrantinnen und 58 Prozent der Migranten befürworten die Einrichtung von Frauenhäusern, das Gesetz zum Schutz vor häuslicher Gewalt wird von 83 Prozent der weiblichen und von zwei Dritteln der männlichen Zugewanderten als sinnvoll erachtet.
  • Eine partnerschaftliche Aufgabenteilung (Erwerbsarbeit, Haushalt, Erziehung) ist auch unter Zugewanderten das am häufigsten angestrebte Lebensmodell; im Intellektuell-kosmopolitischen Milieu zu zwei Dritteln gewünscht und zu einem Drittel praktiziert. Im Vergleich dazu realisiert die deutsche Gesamtbevölkerung dieses Modell nur zu acht Prozent.
    Das Modell des Allenverdieners ist im Religiös-verwurzelten Milieu sowohl was den Wunsch angeht (60 Prozent) als auch in der Umsetzung (50 Prozent) am häufigsten vertreten.

Die Sinus-Studien erlaubt zum ersten Mal Aussagen auf gesicherter repräsentativer Basis über den Migrationshintergrund der in Deutschland lebenden Zugewanderten (Ausländer/innen und Eingebürgerte). Dabei ergibt sich für die fünf größten Gruppen folgende Verteilung:

- ehemalige Sowjetunion: 21 %

- Türkei: 19 %

- Südeuropa (Italien, Spanien, Portugal, Griechenland): 12 %

- Polen: 11 %

- Ex-Jugoslawien: 10 %

Erhebungsmethode der Studie

Zunächst wurden über 100 mehrstündige Interviews mit Migrantinnen und Migranten unterschiedlicher ethnischer Herkunft, Bildung und unterschiedlichen Alters und Geschlecht durchgeführt und ausgewertet. Darauf aufbauend erfolgte eine Befragung von 2.072 Personsn ab 14 Jahren. Ziel dabei war die Validierung und Strukturbeschreibung der in der vorangegangenen Leitstudie identifizierten Migranten-Milieus.

Die Erhebungsmethode orientiert sich konsequent an einem qualitativ-psychologischen Untersuchungsansatz: Zur Erkundung der Lebenswelt wurden keine schematischen Frage-Antworten, Denkstrukturen oder Kategorien vorgegeben. Mit den Mitteln des narrativen Interviews und dem offenen Gespräch wurden die gefühlsmäßig geprägten Einstellungen, Überzeugungen und Motive der Befragten herausgearbeitet. Die Befragungen wurden in Berlin, Hamburg und Umgebung, Dresden, Düsseldorf/Neuss, München und Umgebung und der Rhein-Neckar-Region durchgeführt.

Fazit

Im Licht der Untersuchungsergebnisse erscheint der Diskurs um Zuwanderung und Integration noch stark auf eine Defizitperspektive verengt. Die Ressourcen an kulturellem Kapital von Migrantinnen und Migranten, ihre Anpassungsleistung und der Stand ihrer Etablierung in der Mitte der Gesellschaft werden häufig unterschätzt.

Weiterführende Informationen:

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