Türkinnen und Türken in Deutschland
Für den intensiven fachlichen Austausch zu Einzelaspekten der Bestandsaufnahme wurden zwei Workshoprunden durchgeführt. In jeder Workshoprunde fanden vier Workshops mit bis zu 15 geladenen Expertinnen und Experten parallel statt. Für die zweite Workshoprunde war die Herkunft Ausgangspunkt der Fragestellung. Für alle Workshops bildete die Genderperspektive eine wichtige Grundlage. Im Abschlussplenum wurden die Ergebnisse aus den Workshops zusammengeführt und diskutiert.
1. Teilnehmerinnen und Teilnehmer
- Handan Aksünger
- Dr. Kemal Bozay
- Beatrix Heilmann
- Angelika Heßling
- Wolfgang Kirst
- Bettina Kloppig
- Ilkay Koparan
- Holger Kruse
- Isabel Merchan
- Tülay Polat
- Daniel Poli
- Nina Reining
- Kirsten Schellack
- Dr. Martina Sauer (Leitung)
- Erk Simon (Leitung)
- Prof. Dr. Annette Treibel-Illian
- Birsen Ürek
- Hakan Uzun
- Hans Weißmann
- Dr. Andreas Wojcik
2. Ergebnisse der Bestandsaufnahme
Im Rahmen des Projektes wird eine Bestandsaufnahme von Primär- und Sekundärstudien zur Online-Kompetenz von Migrantinnen und Migranten durchgeführt. Ausgangspunkt sind die vom Statistischen Bundesamt im Mikrozensus 2005 vorgelegte Definition von „Migrationshintergrund“ und der nationale Integrationsplan, der in den neuen Medien Computer und Internet erhebliche Potenziale für die Integration sieht. Die Bestandsaufnahme umfasst neben den Ergebnissen der Internet-, Migrations- und Medienforschung auch eine Übersicht der Internetportale für Migrantinnen und Migranten sowie Beispiele guter Praxis.
Migrationshintergrund und ethnisch-kulturelle Prägung bzw. Zugehörigkeit
- Internetangebote für Migrantinnen und Migranten
Internet – ein Raum für Diskurse
Bei vielen Migrantinnen und Migranten besteht der Wunsch nach Anerkennung und einer angemessenen Repräsentanz in den Massenmedien. Da aber die Berichterstattung gefühlt oder real diesem Wunsch nicht entspricht, wird das Internet als Diskursraum genutzt, um sich gegen das negative Bild der Migrantinnen und Migranten in den deutschen Massenmedien zu wehren und eine Gegenöffentlichkeit herzustellen.
Die Berichterstattungen in den Massenmedien werden kritisch verfolgt und zwischen den Mitgliedern der Communities diskutiert. Gleichzeitig ist das Internet ein Raum, wo sich Gleichgesinnte auf gleicher Höhe austauschen und diskutieren können.
Androutsopoulus (2005) prägt den Begriff der hybriden Diskursräume, in denen ein Dialog zwischen den Kulturen stattfindet. Die kulturelle Identität ist nicht abgrenzbar zwischen Herkunfts- und Aufenthaltsland, sondern ist in einem ständigen Dialog zwischen den beiden Kulturen zu verstehen, der im Rahmen einer Spannung zwischen der Bewahrung der ethnischen Identität und der Aneignung der Aufnahmekultur stattfindet.
Auch Hugger (2007: 173) thematisiert in seinen Arbeiten die hybride Identität, die als eine Möglichkeit des Auslebens von Mehrfachidentitäten gesehen wird.
Das Aushandeln der gemachten Erfahrungen als Migrantin oder Migrant im virtuellen Raum führt nach Goel (2007) zu einer erhöhten Handlungsfähigkeit.
Eine weitere Ebene der Auseinandersetzung in den Communities bezieht sich nicht nur auf das „wir“ und den „Deutschen“, sondern bezieht sich auch auf die heterogene Zusammensetzung der verschiedenen Individuen in den ethnischen Gruppen. Die Gegenöffentlichkeit versteht sich nicht als eine Form der Abgrenzung, sondern ist in der Vielfältigkeit von Öffentlichkeiten zu sehen. Außerdem werden in der Diskussion von Migrantinnen und Migranten mit Menschen ohne Migrationshintergrund Potenziale gesehen, gegenseitige Vorurteile abzubauen (Murt 2007).
Weiterhin ist es auch ein virtueller Raum, in denen Menschen ohne Migrationshintergrund teilnehmen, z.B. als Interessierte an der Kultur. Dies ist deutlich am Portal Theinder.net zu beobachten, wo mittlerweile 40 Prozent der User Menschen ohne Migrationshintergrund sind.
Für die deutschtürkische Gruppe ist der virtuelle Raum ein Medium zur Gestaltung einer selbstbewussten deutschtürkischen Identität, der sich entwickelt und ein Teil der öffentlichen Meinungsbildung in Deutschland darstellt (Kissau 2008: 9).
Virtuelle Räume befriedigen soziale Bedürfnisse
Immer mehr Migrantenselbstorganisationen weiten ihre Aktivitäten auf das Internet aus. Dadurch werden ihre Anliegen nicht nur für Migrantinnen und Migranten öffentlich gemacht, sondern sie werden auch in die deutsche Öffentlichkeit getragen. Im Internet etablieren sich neben den Migrantenselbstorganisationen neue Formen der Vernetzung. In sogenannten Online-Vereinen sind zum Teil mehr registrierte Mitglieder als durchschnittlich in den klassischen Vereinen der Migrantenselbstorganisationen. Beispielsweise hat das Portal Bizimalem 470.000 registrierte Mitglieder .
Die Besonderheit der Online-Vereine liegt darin, dass sie soziale Bedürfnisse ihrer Mitglieder online lösen. Das Internet schafft so neue virtuelle Räume für flexible, vielleicht auch flüchtige, neue Gefüge von Gemeinschaften (Kissau 2008).
Wer steckt hinter den Ethnoportalen?
Nach den Ergebnissen der Studien zum „Politischen Potenzial des Internet“ (PPI) werden die Webportale für Migrantinnen und Migranten sehr häufig von Vereinen und nicht kommerziellen Organisationen oder von Einzelpersonen betrieben.
Bemerkenswert bei der türkischen Community ist, obwohl sie über einen hohen Organisationsgrad in den Migrantenselbstorganisationen verfügen, werden mehr Angebote von Einzelpersonen als von Vereinen bereitgestellt (vgl. Kissau 2007, 2008; Murt 2007).
Das Potenzial für politische Partizipation
Das Internet hat für politische Informationen eine zentrale Rolle eingenommen, die mit einem Bedeutungsverlust für die klassischen Massenmedien einhergeht. Gleichzeitig hat das Internet zu einer generellen Mobilisierung der türkischstämmigen und auch für einen Teil der postsowjetischen Migrantinnen und Migranten geführt. Dies zeigt sich, dass durch die Nutzung des Internet auch offline eine stärkere Auseinandersetzung mit politischen Themen stattfindet (Kissau 2008, 2007).
Aksünger hebt auch die politische Partizipation und die Erweiterung der kulturellen Vielfalt, die sie als Ressource für Deutschland betrachtet, als Potenzial der ethnischen Internetangebote hervor. Weiteres Potenzial sieht sie in der Integration und in der Stärkung des bürgerschaftlichen und ehrenamtlichen Engagements.
Internetnutzung und Migrationshintergrund
Aus den Erfahrungen verschiedener Projekte hat Hinkelbein drei Barrieren für die Internetnutzung von Migrantinnen und Migranten als wesentlich erkannt. Es sind:
- mangelnde Medienkompetenzen sowie
- deutsche Sprachkompetenzen und die
- Nichtberücksichtigung spezifischer Bedürfnisse der Menschen mit Migrationshintergrund bei den angebotenen Maßnahmen und Internetangeboten
Medienkompetenz ist eine zentrale Grundlage zur Integration in die Informationsgesellschaft. Viele Migrantinnen und Migranten waren und sind in Arbeitsfeldern tätig, in denen digitale Medien entweder keine oder nur eine geringe Rolle spielen, so dass sie kaum Möglichkeiten haben und hatten, sich Medienkompetenzen anzueignen (Hinkelbein 2007: 95).
Geringe deutsche Sprachkompetenzen spielen auf den Ebenen der Inhalte und deren Vermittlung eine Rolle (Hinkelbein 2007: 94).
Um spezifische Zugangsbarrieren identifizieren zu können, ist es nötig, die Lebenswelten der betroffenen Menschen zu kennen. Hier bedarf es mehr Forschungen.
Wird auf die spezifischen Bedürfnisse der Menschen mit Migrationshintergrund eingegangen, so müssten auf jeden Fall Internetkursangebote für Menschen mit geringen oder keinen Deutschkenntnissen angeboten werden und mehr fremdsprachige Internetangebote im Rahmen von eGovernment-Maßnahmen zur Verfügung stehen.
Hinkelbein hat verschiedene Projekte analysiert. Ein Best-Practice ist das Projekt „buerger-gehen-online“ der Stadt Esslingen, das PC-Treffpunkte an öffentlich zugänglichen Orten zur Verfügung stellt. Ausgebildete Mentorinnen und Mentoren bieten bei Bedarf Unterstützung beim Erwerb von Medienkompetenzen an. Es gibt vielfältige Angebote, darunter auch zielgruppenspezifische Kursangebote mit muttersprachlicher Unterstützung und computergestützte Sprachkurse.
Nicht die kulturelle Herkunft, sondern das Milieu entscheidet über Internetnutzung: Hinkelbein hat die These aufgesellt, dass die kulturelle Herkunft ein Merkmal der digitalen Spaltung darstellt, wenn er auch zu Recht auf die Heterogenität der Gruppe hinweist und auch die ökonomische Situation als Merkmal der digitalen Spaltung ansieht.
Einen ganz anderen Hinweis liefert die Sinus-Studie „Migranten in Deutschland“ von Sinus Sociovision. Ein wichtiges Ergebnis der Studie ist, dass die Herkunft nicht auf eine Milieuzughörigkeit und umgekehrt auch eine Milieuzugehörigkeit nicht auf die Herkunft schließen lässt. Das legt den Schluss nah, dass die Internetnutzung eher in den Milieus und nicht in den Ethnien variiert. Dies festzustellen, bleibt weiteren Studien vorbehalten. Die Sinus-Studie „Migranten in Deutschland“ ist eine repräsentative, qualitative Vorstudie. Darin enthalten sind auch Untersuchungen zur Mediennutzung und Ausstattung von Computer und Internet. Die Ergebnisse dieser sind im Dezember 2008 veröffentlicht worden.
Lebenswelten Deutschtürken 2002
Die Studie „Lebenswelten Deutschtürken 2002“ von lab one war lange Zeit die einzige Quelle für die Internetnutzung von türkeistämmigen Migrantinnen und Migranten.
Kernergebnis dieser Studie ist, dass nur 25 Prozent einen Internetzugang haben. Davon nutzen 61,6 Prozent das Internet in deutscher Sprache. „Lebenswelten Deutschtürken 2002“ ist eine Marktstudie und hat Werte, Lebensstile, Einstellungen sowie Konsum- und Mediennutzungsverhalten der Deutschtürkinnen und -türken herausgearbeitet.
Gruppenspezifisch ähnliche Lebenseinstellungen sind zu fünf Gruppen zusammengefasst, die durch unterschiedliche soziale, kulturelle und politische Vorstellungen geprägt sind. Folgende Ergebnisse stammen aus der Studie, die nicht öffentlich zugänglich ist und für die Bestandsaufnahme freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurde (siehe Abbildung 1).
Die Internetnutzung ist unter den Gruppen der Deutschtürkinnen und -türken unterschiedlich ausgeprägt.
- den niedrigsten Internetzugang haben die „Konservativen“ mit 17 Prozent
- den höchsten Wert die „Intellektuellen“ mit 34 Prozent
- den zweithöchsten Wert haben die „Skeptiker“ mit 30 Prozent
- die Gruppe der „Skeptiker“ und die der „Konservativen“ haben gemeinsam, dass die Mitglieder über eine geringe Bildung verfügen. Sie unterscheiden sich aber in ihrer Zusammensetzung beim Geschlecht (Skeptiker 65 Prozent Männer, Konservative 60 Prozent Frauen), in der Altersstruktur und auch im Konsumverhalten.
Abbildung 1:
Lebenswelten Deutschtürken 2002 - Zielgruppensegmente und Internetnutzung
Quelle: Lebenswelten Deutschtürken 2002. Kapitel 1
Die Mediennutzung von türkischen und deutschen Medien hängt von den individuellen Sprachkompetenzen der Migrantinnen und Migranten ab. Die deutsche Sprache stellt einen Hemmnisfaktor dar, wenn sie anspruchsvoll daher kommt. Wenn sie als zu schwierig empfunden wird, dann wird auf Medien mit einfacherer Ansprache oder den Fernseher ausgewichen (Lebenswelten Deutschtürken 2002. Kapitel 1: 16).
Stiftung Zentrum für Türkeistudien
Seit 2001 wird in der im Auftrag des Ministeriums für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen durchgeführten Mehrthemenbefragung die Nutzung deutscher und türkischer Medien erhoben. In der achten Mehrthemenbefragung wurden 1.000 türkeistämmige Migrantinnen und Migranten in Nordrhein-Westfalen gefragt:
- „Über welche der folgenden deutschen/türkischen Medien informieren Sie sich hauptsächlich?“
Die Frage bezieht sich erstens nur auf die Informationsfunktion der Medien und schließt kommunikative Motive aus. Zweitens wird durch die Frage eine Priorisierung bei der Informationsbeschaffung der Medien angeregt. Im Folgenden wird auch hier das Wort Internetnutzung gewählt, aber mit dem Wissen, dass Internetnutzung mehr als Informationsnutzung beinhaltet.
- Deutschsprachige Internetangebote werden von 29,9 Prozent der türkischstämmigen Bevölkerung genutzt und liegen mit 5 Prozentpunkten vor den türkischen Internetangeboten (24,9 Prozent).
- Von 2001 bis 2006 ist die Nutzung der deutschsprachigen Internetangebote für Informationen von 13,3 Prozent auf 29,9 Prozent gestiegen, die Nutzung der türkischen Angebote von 7,1 bis 24, 9 Prozent.
- Das Internet ist nach Fernsehen und Tageszeitung das drittwichtigste Informationsmedium, egal ob es sich um die Nutzung deutscher oder türkischer Medien handelt. Das Internet hat im Zeitvergleich (2001 – 2006) das Radio als drittstärkstes Medium abgelöst.
- Von 2005 auf 2006 gab es eine enorme Zuwachsrate von 9,9 Prozentpunkten sowohl bei den deutschen als auch den türkischen Internetangeboten.
Die Stiftung Zentrum für Türkeistudien hat dankenswerterweise für die Bestandsaufnahme eine zusätzliche Auswertung für die Internetnutzung nach soziodemografischen Angaben für das Jahr 2005 und 2006 erstellt (siehe Abbildung 2).
Abbildung 2:
Internetnutzung der Deutschtürkinnen und –türken nach soziodemografischen Merkmalen. Internetnutzung türkischstämmiger Migrantinnen und Migranten in NRW 2006 und 2005 in Prozent
- Das Internet wird zur Information mehr von Männern als von Frauen genutzt (Differenz 5 PP deutschsprachiges Angebot, 4,2 PP bei türkischem Angebot).
-
Mit zunehmendem Alter nimmt die Internetnutzung ab. Von den 18 – 29-Jährigen nutzen 49,1 Prozent deutschsprachige und 39,4 Prozent türkischsprachige Angebote als Informationsmedium, bei den 30 – 44-Jährigen sind es noch 30,5 Prozent des deutschsprachigen Angebots und der Wert halbiert sich bei den bis 59 Jährigen auf 16,4 Prozent.
Die Gruppe der 60plus nutzt das deutsche Internet nur noch zu 1,9 Prozent und das türkische zu 1 Prozent. In der Gruppe der Älteren gab es eine Abnahme der Nutzung von 3,1 bzw. 4 PP im Vergleich von 2005 und 2006.
- Je höher der Bildungsabschluss, desto höher liegt die Internetnutzung. Wer keinen Schulabschluss besitzt, informiert sich zu 5,8 Prozent auf deutschsprachigen und zu 9,3 Prozent auf türkischen Internetseiten. Dagegen liegen die Zahlen der Menschen mit Abitur bei 71,4 Prozent (deutsches Internet) und 60,7 Prozent (türkisches Internet). Schülerinnen und Schüler nutzen das Internet zu 84,2 Prozent.
- Je besser die Deutschkenntnisse, desto höher liegt der Anteil derjenigen, der das Internet zur Information nutzt. Werden die Deutschkenntnisse als sehr und eher gut eingestuft, so wird das deutschsprachige Internet von 43,7 Prozent für Informationen aufgesucht, sind sie eher schlecht, so sind es nur noch 5,8 Prozent.
Die hohe Zuwachsrate von 9,9 Prozentpunkten von 2005 zu 2006 ist durch Zuwächse in folgenden Gruppen zustande gekommen:
- Die höchsten Steigerungsraten liegen in den beiden Altersgruppen 18 bis 29 (15,8 PP türkisches Internet ) und 30 bis 44 Jahre und bei Frauen (10,7 PP türkisches Internet), bei solchen Befragten, die noch Schüler oder Schülerinnen sind (16 PP deutsches Internet).
- Bei den Schulabschlüssen ist die höchste Steigerungsrate mit 31,7 PP (deutsches Internet) bei der Fachschule und dem Fachabitur zu verzeichnen, gefolgt von Lise mit 25,5 PP. Dagegen gab es beim Ortaokul eine Abnahme von minus 8,2 PP.
- Die hohe Zuwachsrate bei der Internetnutzung der türkischstämmigen Bevölkerung ist möglicherweise als Nachholbedarf zu sehen, weil sie noch auf einem niedrigeren Niveau liegen als die Einheimischen, so eine Erklärung von Dr. Sauer von der Stiftung Zentrum für Türkeistudien. „Generell hat natürlich das Angebot von Portalen für Migranten in Deutschland in den letzten Jahren zugenommen, darüber hinaus nimmt der Bildungsstand zu und möglicherweise hat auch die Verbreitung von Computern und Internetanschlüssen in den Haushalten zugenommen“ sind weitere Erklärungen.
Mediennutzung von Älteren
Im Jahr 2002 wurden im Rahmen einer Studie zur „Erschließung der Seniorenwirtschaft für ältere Migrantinnen und Migranten“ von der Stiftung Zentrum für Türkeistudien Daten zum Computerbesitz von Älteren erhoben. Danach besitzen 33 Prozent der türkeistämmigen Haushalte mit Personen von 55 Jahren und älter einen Computer. Die Jüngeren der 18 bis 54-Jährigen sind dagegen mit 59 Prozent ausgestattet.
Der „hohe Anteil “ der Älteren wird darauf zurückgeführt, dass ältere türkischstämmige Migrantinnen und Migranten vielfach in Mehrgenerationen-Haushalten leben. Es wird jedoch vermutet, dass es zwar einen Zugang zu einem Computer gibt, dieser aber nicht unbedingt von den Älteren genutzt wird und sie somit nicht über eigene Medienerfahrungen und Medienkompetenzen verfügen.
Der fünfte Altenbericht beschreibt die Situation der älteren Migrantenbevölkerung: Ältere Migrantinnen und Migranten der ersten Generation aus den Anwerbeländern gehören zu den bildungsfernen Gruppen und verfügen über mittelmäßige bis schlechte Deutschkenntnisse. Durch die Verrentung nehmen nicht nur die Kontakte zu Einheimischen ab, sondern auch die erworbenen Deutschkenntnisse der Älteren über 64 Jahre (Deutsches Zentrum für Altersfragen o.J.: 2).
Ellerbrock hat die Lebensbedingungen von älteren türkischstämmigen Frauen analysiert und Handlungsempfehlungen für Angebote mit älteren Migrantinnen entwickelt. Sinnvoll sind Angebote von Frauen für Frauen. Die Maßnahmen sollten generationsübergreifend, themenorientiert und Kultur angemessen konzipiert sein und Angebote in der Muttersprache einschließen. Bei dem Aspekt Zeit, sollte berücksichtigt werden, dass Frauen unabhängig vom Alter für die Familienarbeit verantwortlich sind. Hier bieten sich Angebote ohne zeitliche Befristung an in Form eines ständigen Treffpunkts. Familienarbeit heißt auch, dass Kinder oder Enkelkinder von den Frauen betreut werden. Außerdem sollte auf die Erreichbarkeit der Angebote durch öffentliche Verkehrsmittel geachtet werden (Ellerbrock 2003).
Türkischstämmige und postsowjetische Migrantinnen und Migranten
Die folgenden Ergebnisse stammen aus den Untersuchungen aus dem Projekt „Politisches Potenzial des Internet“ der Universität Münster. Dabei ist zu beachten, dass die beiden befragten Gruppen der türkischstämmigen und postsowjetischen Migrantinnen und Migranten über eine hohe Internetaffinität verfügen (90 bis 94,1 Prozent sind täglich online).
In der türkischen Gruppe der Befragten ist der Bildungsgrad sehr hoch , dafür liegt der Frauenanteil bei knapp einem Viertel. Bei den Befragten mit postsowjetischem Migrationshintergrund ist das Geschlechterverhältnis ausgeglichen. Das Durchschnittsalter liegt bei 35,9 (türkische Gruppe) und 35,8 Jahren (postsowjetische Gruppe).
Für politische Themen wird das Internet immer wichtiger, dagegen müssen traditionelle Medien einen Bedeutungsverlust als Informationsquelle für politische Informationen hinnehmen. Das Internet dient als Ausgleich zu den „informationellen Defiziten“ der offline angebotenen Massenmedien (Kissau 2008: 5).
Migrantinnen und Migranten sehen sich in den Massenmedien in der Häufigkeit und in der Darstellung schlecht vertreten. Die Besonderheit des Internet wird von den Migrantinnen und Migranten darin gesehen, dass dort Themen angeboten werden, die besonders Migrantinnen und Migranten interessieren.
Das Internet ist Gestaltungs- und Diskursraum und stellt für die Migrantinnen und Migranten eine virtuelle Heimat dar. In dieser virtuellen Heimat wird der Migrationshintergrund ein verbindendes Element, da im Gegensatz zu der Offline-Welt, der Migrationshintergrund in der ethnischen Gemeinschaft positiv besetzt ist. Das Internet wird zu einem identitätsstiftenden Raum, der die Möglichkeit bietet, eine Vielzahl von Öffentlichkeiten mit vielen kulturellen Ausdrucksformen zu kreieren (Kissau 2008: 6f.).
Websiteangebote von Parteien, Behörden und Regierung: Wie auch die Studie „E-Commerce“ kommen auch die Untersuchungen des Projekts „Politisches Potenzial des Internet“ zu dem Ergebnis, dass Informationsangebote von Parteien, Behörden und der Regierung bei den postsowjetischen und den türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten eine geringe Relevanz haben. Dass Projekt stellt die These auf, dass die Migrantinnen und Migranten keine Zielgruppe der politischen Akteurinnen und Akteure sind und sie von deren Onlineangeboten nicht angesprochen fühlen (Kissau 2008: 4). Die E-Commerce-Studie sieht die schwer verständliche Fachsprache als Hemmnis an, die nicht nur für Menschen mit geringen deutschen Sprachkenntnissen, sondern auch, unabhängig eines Migrationshintergrundes, für Menschen, die über gute deutsche Sprachkenntnisse verfügen, ein Problem darstellen.
Sprachverwendung im Internet: Viele Migrantinnen und Migranten sind mehrsprachig und setzen dieses Potenzial entsprechend ein. Dabei ist eine Hinwendung zur deutschen Sprache im Internet zu erkennen, wobei auch die Herkunftssprachen auf den Websites zu finden sind. Dies entspricht einem Trend, der auch bei der Verwendung von klassischen Medien in der zweiten und dritten Generation von Migrantinnen und Migranten zu beobachten ist. Bei den Angeboten für postsowjetische Migrantinnen und Migranten ist der Anteil der verwendeten russischen Sprache höher im Vergleich zur deutschen Sprache.
Bei der türkischen Community überwiegen die Angebote in deutscher Sprache. Interessant ist das Ergebnis, dass türkischstämmige Migrantinnen und Migranten online häufiger deutsch verwenden als offline, sei es im Alltagsgeschehen oder bei politischen Gesprächen (Kissau 2008: 6) .
Kommunikation: Bei den Gesprächspartnerinnen und –partnern im sozialen Raum Internet gibt es bei Personen mit türkischstämmigem und postsowjetischem Migrationshintergrund unterschiedliche Präferenzen.
Türkische Migrantinnen und Migranten kommunizieren am häufigsten mit anderen Personen mit türkischem Migrationshintergrund (59 Prozent), dann mit Personen ohne Migrationshintergrund (52 Prozent) und erst an dritter Stelle mit Personen aus der Türkei (41 Prozent).
An erster Stelle stehen bei den postsowjetischen Migrantinnen und Migranten auch Personen mit gleichem Migrationshintergrund (57 Prozent). Doch an zweiter Stelle folgen hier Diskussionspartner(innen) aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion (56 Prozent) und an dritter Stelle folgt die Kommunikation mit Einheimischen (34 Prozent).
Themen: Bei den Themen interessieren sich die türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten am meisten für „Migration und Integration“ (29,3 Prozent). Dieses Thema steht für die Menschen mit postsowjetischem Migrationshintergrund erst an vierter Stelle. Für sie ist das Thema "Internationale Beziehungen" mit 46,6 Prozent am wichtigsten (siehe Abbildung 3). Abbildung 3:
Interessensthemen von türkischen und postsowjetischen Migrantinnen und Migranten
Politische Partizipation: Das Internet wird von den Migrantinnen und Migranten für den politischen Austausch, zur Meinungsbildung und zur politischen Partizipation genutzt. Neben der Diskussion haben 68,2 Prozent der türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten an einer Unterschriftenaktion und 65,9 Prozent an einer Online-Demo oder einem Abstimmungsverfahren teilgenommen (Kissau 2008).
Die postsowjetischen Migrantinnen und Migranten nahmen zu 46,6 Prozent an einer Online-Abstimmung teil und haben sich mit 35,8 Prozent einer Online-Petition angeschlossen. 61 Prozent der postsowjetischen Migrantinnen und Migranten sind auf den Ebenen „Informationen“, „Diskussion“ und „Partizipation“ aktiv (Kissau 2007).
Fazit: Das Internet stellt für die Migrantinnen und Migranten und auch für die Aufnahmegesellschaft enorme Potenziale dar. Es ist ein Gestaltungsraum, in dem mit Gleichgesinnten über Themen gesprochen und diskutiert wird, die insbesondere Migrantinnen und Migranten interessieren und in den Massenmedien keinen Eingang finden.
Gleichzeitig stellt das Internet eine virtuelle Heimat dar, in der der Migrationshintergrund ein verbindendes Element ist und die Möglichkeit bietet, eine Vielzahl von Öffentlichkeiten mit vielen kulturellen Ausdrucksformen zu kreieren.
Studien zur Internetnutzung türkischer Migrantinnen und Migranten überwiegen bei Untersuchungen nach Herkunft. Mit Abstand folgt dann die Gruppe der Personen mit postsowjetischem Migrationshintergrund. Für andere Gruppen liegen bis auf die Studie „Migranten und Medien 2007“ keine speziellen Untersuchungen zur Internetnutzung in Deutschland vor. Dort sind Ergebnisse zu italienischen, griechischen, polnischen und ex-jugoslawische Migrantinnen und Migranten zu finden. In der Sekundäranalyse von Billes-Gerhart (2003) stammen 57 Jugendliche aus 18 Nationen: u.a.: türkisch, italienisch, russisch, iranisch, albanisch, kroatisch …
Bei der Gruppe der türkischen Migrantinnen und Migranten sind die klassischen Merkmale der digitalen Spaltung wie Geschlecht, Alter und Bildung wirksam:
- mehr türkische Männer als Frauen, weniger ältere Türkinnen und Türken nutzen das Internet
- je höher der (deutsche oder türkische) Bildungsabschluss, desto stärker wird das Internet genutzt
Als weiteres Merkmal der digitalen Spaltung kommt aber die Kenntnis der deutschen Sprache hinzu:
- je besser die Deutschkenntnisse, desto ausgeprägter die Internetnutzung
Für medienpädagogische Maßnahmen empfiehlt Theunert, Zugänge zu ermöglichen, die auf sozio-kulturelle Milieubedingungen zugeschnitten sind, die unabhängig vom Migrationshintergrund wirksam werden. Damit wird die Defizitperspektive verlassen, um „die Bedeutung transnationaler Kulturmuster und Werthaltungen für den Mediengebrauch sichtbar zu machen“ (Theunert 2007: 18).
Ein Handlungsbedarf besteht in der Forschung und bei integrativen Zugängen, die milieuspezifisch angelegt sind und Geschlechterunterschiede berücksichtigen (Theunert 2007: 17).
3. Präsentation Dr. Martina Sauer
4. Präsentation Erk Simon
5. Ergebnisbericht
Der Workshop wurde von Frau Dr. Martina Sauer und Herrn Erk Simon geleitet, die aufgrund ihrer Expertise zu diesem Thema ausgewählt wurden. Sie führten in die Themenstellung ein. Anschließend erfolgte die Diskussion anhand der Leitfragen sowie die Formulierung von Thesen, die im Abschlussplenum vorgestellt wurden.
Dr. Martina Sauer gibt einen Überblick über die türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten in Deutschland, die die größte Migrationsgruppe in Deutschland darstellen. Dabei geht sie auf den Anteil in der Gesamtbevölkerung ein und stellt Zahlen zu Schulbildung und Deutschkenntnissen vor bevor sie auf die Internetnutzung eingeht.
Die Daten zur Internetnutzung kommen aus der Mehrthemenbefragung, die sich auf türkische Migrantinnen und Migranten in Nordrhein-Westfalen beziehen. Die Nutzung des Internet nach soziodemografischen Merkmalen zeigt, dass männliche türkischstämmige Migranten das Internet mehr nutzen als die weiblichen. Die Nutzung geht mit steigendem Alter zurück. Sie liegt in der Altersgruppe 18 - 29 Jahre bei 52,8 Prozent und sinkt in der Gruppe der über 60-Jährigen auf 1,9 Prozent ab. Schülerinnen und Schüler nutzen das Internet deutlich am häufigsten. Die Nutzung aller Gruppen steigt mit dem Bildungsabschluss. Die Daten zeigen in Hinblick auf die berufliche Stellung, dass mehr als die Hälfte der Angestellten und Selbständigen das Internet nutzen, Arbeiterinnen und Arbeiter nur zu leicht über einem Viertel. Deutschkenntnisse haben Einfluss auf die Internetnutzung:
- Türkischstämmige Migrantinnen und Migranten mit sehr und eher guten aber auch mit mittelmäßige Sprachkenntnisse, besuchen überwiegend deutsche und türkische Internetseiten
- Eher und sehr schlechte Sprachkenntnisse haben zur Folge, dass die Hälfte der Befragten nur türkische Internetseiten besucht, 40 Prozent aber deutsche und türkische Angebote nutzen
Mangelnde deutsche Sprachkenntnisse sind anscheinend kein Grund, nur türkische Internetseiten aufzurufen. Die Internetnutzung von türkischen und deutschen Internetangeboten ist komplementär. Dr. Sauer stellt zahlreiche Forschungslücken fest. Unter anderem zu Motiven, Interessen und Wirkung. Sie plädiert bei der Entwicklung von Maßnahmen das besondere Interesse der Migrantinnen und Migranten sowie die Mischidentitäten zu berücksichtigen.
Erk Simon stellt Ergebnisse aus der WDR-Studie „Zwischen den Kulturen“ (2006) vor, die sich mit der Mediennutzung und Einstellungen junger türkischstämmiger Erwachsener in Nordrhein-Westfalen befasst. Die 30 – 49-Jährigen fühlen sich als „Türken in Deutschland“ recht gut integriert. Gleichzeitig bekennen sie sich zu ihren türkischen Wurzeln und haben eine starke Bindung an die Türkei.
Die jüngeren Befragten (14 - 29 Jahre) sehen sich entschieden als „Türkin“ und „Türken“ und sind stolz darauf. Sie haben nicht den Anspruch, als Deutsche gesehen zu werden. Auch wenn sie die Türkei weniger kennen, definieren sie sich stark über die türkische Kultur sowie über die Religion.
Bemerkenswert ist, dass laut der WDR-Studie Gespräche mit Freundinnen, Freunden und Verwandten hinter dem Fernsehen als die wichtigste Informationsquelle hinsichtlich des aktuellen Geschehens in Deutschland und der Türkei genannt wird. An dritter Stelle folgen Tageszeitungen und schließlich das Internet.
In der Mediennutzung der türkischstämmigen Bevölkerung in Deutschland in Hinblick auf das Fernsehen spiegelt sich die Prägung durch zwei Länder und Kulturen in der Nutzung von deutschem und türkischem Fernsehen wider. Am türkischen Fernsehen wird die Emotionalität geschätzt, die über Spielfilme, und Serien aber auch über Nachrichten und Magazinsendungen vermittelt wird. Türkisches Fernsehen bietet Familienfernsehen im klassischen Sinne: Es thematisiert familiäre Bindungen, betont die Einheit und ermöglicht ein Zusammengehörigkeitsgefühl der Familie vor dem Fernseher. Deutsches Fernsehen steht für Sachlichkeit und Distanz; dies gilt sowohl für Informationsangebote als auch für fiktionale Sendungen. Es gilt als inhaltlich substanzieller und glaubwürdiger.
Gesammelte Schlagworte an den Stellwänden:
Barrieren/Hemmnisse:
- Aufgrund großer Familien immer die Möglichkeit zum Internet keine „natürlichen“ Barrieren
- Ausstattung nicht Hauptproblem
- Bei Jugendlichen hohe Internetkompetenz
- Gleiche Hemmnisse wie bei Menschen ohne Migrationshintergrund - Problem des Bildungssystems/sozioökonomischer Status
Handlungsbedarf
- Eigenethnische Portale einbinden, keine weitere Segregation
- Eigenethnische Portale nicht nur zur Kommunikation, sondern auch Wissen und Transport positiver Vorbilder
- Angebote gehen an Bedarf vorbei
- Interkulturelle Öffnung
- Bedarf bei Migrant(inn)en/Multiplikator(inn)en nachfragen
- Klare Ziele, klare Differenzierung
- Es macht keinen Sinn, alles zu übersetzen
- Mehr Medienexperten mit Migrationshintergrund
- Kompetenz in Internetnutzung besser für Ausbildung und Beruf nutzen
- Zugang für sozial Benachteiligte über Institutionen (Schulen/Organisationen)
- Kompetenz in Schulen stärken, Familien und Kindergarten
- Familien einbeziehen, Erziehungshilfe
Diskussionsergebnisse zu den Leitfragen:
1. Welchen Nutzen hat das Internet für diese spezielle Gruppe mit Migrationshintergrund?
Besonders Jugendliche verfügen über eine hohe Internetkompetenz. Diese Kompetenzen können insbesondere für Ausbildung und Beruf genutzt werden.
2. Welche Erkenntnisse über spezifische Merkmale der Nutzung, Nicht-Nutzung und -art der Nutzung liegen vor?
Türkischstämmige Migrantinnen und Migranten sind in ihrer Mediennutzung komplementär. Deutschsprachige Angebote werden ebenso genutzt wie türkischsprachige, was dem Entwurf der medialen Parallelgesellschaft deutlich widerspricht.
Die Nutzung des Internet steigt stetig, vor allem bei der jüngeren Bevölkerung. In dem Vortag von Dr. Sauer wurde deutlich, dass Geschlecht und Bildungsabschluss eine Rolle beim Nutzungsverhalten spielt. Sie erläuterte kurz das türkische Bildungssystem und wird dabei von Ilkay Koparan ergänzt. Die Schulpflicht in der Türkei ist seit der Erziehungsreform von 1997 von fünf auf acht Jahre erhöht worden, der höchste Abschluss konnte früher bereits nach elf, heute nach zwölf Jahren erreicht werden. Für die Hochschulzugangsberechtigung steht eine gesonderte Prüfung an.
3. Welche Hemmnisse oder Barrieren lassen sich für diese Gruppe identifizieren?
Tülay Polat konstatiert, dass Türkinnen und Türken in Deutschland oftmals in Mehrgenerationenhaushalten leben und somit auch für die Älteren potentiell die Möglichkeit gegeben ist, durch die jüngeren den Zugang zum Internet zu bekommen. Insofern existieren keine „natürlichen“ Barrieren.
Angelika Heßling berichtet von ihrer Erfahrung in der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, dass Menschen aus bildungsfernen Milieus generell sehr schwer zu erreichen seien.
Daniel Poli hält es für problematisch, ein Portal speziell für türkische Jugendliche zu konzipieren. Er betont, dass deutsche Hauptschülerinnen und –schüler die gleichen Probleme haben, wie die türkischen und fordert, entsprechende Angebote an alle Jugendlichen zu wenden, die Probleme im deutschen Bildungssystem haben.
4. Worin besteht der Handlungsbedarf für diese Gruppe und wie können gezielte Maßnahmen aussehen?
Die Menschen, die über keinen „natürlichen“ Zugang zu Internet verfügen, sollten entsprechend gefördert und Familien für das Nutzungsverhalten sensibilisiert werden. Eine entscheidende Rolle für die Konzeption von Maßnahmen spielt dabei der Einbezug von Migrantenselbstorganisationen, die durch ihre Kenntnis der Zielgruppe zur adressatengerechten Gestaltung entsprechender Aktionen beitragen können.
Offensichtlich weist die türkischstämmige Bevölkerung in Deutschland ein Bildungsdefizit auf. Der Blick auf das sehr undurchlässige deutsche Erziehungs- und Bildungssystem darf in diesem Zusammenhang nicht außer Acht gelassen werden. Der Bildungserfolg von Schülerinnen und Schülern ist in Deutschland nach wie vor stark von der sozioökonomischen Herkunft abhängig.
In der Diskussion wird deutlich, dass es sinnvoll wäre, für den Bereich der Online-Kompetenz klare Ziele zu definieren. Multiplikatorinnen und Multiplikatoren sowie Lehrerinnen und Lehrer sollten stärker qualifiziert werden, denn es zeigt sich, dass das Lehrpersonal der jüngeren Generation in punkto Internetnutzung und –kenntnis oft unterlegen ist.
Im Hinblick auf die Medienpädagogik und das Lehramt ist die Beteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund unverzichtbar und sollte stärker forciert werden.
Bezüglich der inhaltlichen Ausrichtung von Internet-Angeboten für migrantische Zielgruppen besteht die Sorge der Ethnisierung dieser Portale. Um der digitalen Segregation Einhalt zu gebieten, sollte die Gemeinschaft gesehen und eher auf Ansprache gesetzt werden, die auf gemeinsamen Interessen, (z.B. Musik, Lifestyle, Kultur etc.) basiert. In die kommerziellen Angebote sollten auch Lerninhalte eingebettet werden.
Es wird zudem angemerkt, dass es keinen Sinn macht, alle Inhalte auf entsprechenden Portalen zu übersetzten, sondern dass Deutsch als gemeinsame Sprache genutzt werden sollte.
Aus den vorhandenen Daten lässt sich schließen, dass sich jüngere Türkinnen und Türken offensiver zu ihrem Türkischsein bekennen, als die ältere Generation. Gerade Jugendliche fühlen sich eigentlich als einen Teil der Gesellschaft, werden jedoch immer wieder mit Ausgrenzungen konfrontiert, sodass Fremdzuschreibungen aus einer Art Protesthaltung letztendlich übernommen werden. Die ältere damalige Gastarbeiter-Generation hingegen ist mit einer anderen Erwartungshaltung nach Deutschland gekommen. Primär ging es darum, Geld zu verdienen. Mit Diskriminierungen oder dem Gefühl „fremd zu sein“ wurde quasi gerechnet.Umso wichtiger ist es, positive Vorbilder für die jüngere Generation zu nutzen und Identifikationsfiguren zu bieten.Besonders die Medien spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie müssen sich interkulturell öffnen und Zugewanderte selbstverständlich und außerhalb von Rollen-Klischees einbeziehen.Der Blick nach Europa zeigt, dass viele Länder Deutschland in diesem Punkt um einige Jahre voraus sind.
6. Thesen des Workshops
Aus den Punkten bezüglich des Handlungsbedarfs wurden zwei Punkte als die wesentlichsten gekennzeichnet:
- Die Medien müssen sich interkulturell öffnen.
- Die Medienkompetenz in Familien, Kindergärten und Schulen muss gestärkt werden.
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