Workshops
- Mädchen und Jungen im Kindes- und Jugendalter
- Ältere Frauen und Männer
- Frauen und Männer in Erwerbsarbeit und Familie
- Mädchen und Frauen
- Türkinnen und Türken in Deutschland
- Migrantinnen und Migranten aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion (GUS)
- Frauen und Männer aus der Heimat Afrika
- Frauen und Männer aus Italien in den Norden
Mädchen und Jungen im Kindes- und Jugendalter
Für den intensiven fachlichen Austausch zu Einzelaspekten der Bestandsaufnahme wurden zwei Workshoprunden durchgeführt. In jeder Workshoprunde fanden vier Workshops mit bis zu 15 geladenen Expertinnen und Experten parallel statt. Für die erste Workshoprunde bildeten die klassischen Merkmale der digitalen Spaltung „Alter und Geschlecht“ die Ausgangspunkte. Für alle Workshops bildete die Genderperspektive eine wichtige Grundlage. Im Abschlussplenum wurden die Ergebnisse aus den Workshops zusammengeführt und diskutiert.
1. Teilnehmerinnen und Teilnehmer
- Dr. Kemal Bozay (Leitung)
- Jutta Croll
- Susanne Eggert (Leitung)
- Dr. Christine Feil
- Beatrix Heilmann
- Dr. Kathrin Kissau
- Ilkay Koparan
- Holger Kruse
- Daniel Poli
- Kirsten Schellack
- Andreas Scherer
- Canan Topçu
- Nina Reining
- Hakan Uzun
2. Ergebnisse der Bestandsaufnahme
Im Rahmen des Projektes wird eine Bestandsaufnahme von Primär- und Sekundärstudien zur Online-Kompetenz von Migrantinnen und Migranten durchgeführt. Ausgangspunkt sind die vom Statistischen Bundesamt im Mikrozensus 2005 vorgelegte Definition von „Migrationshintergrund“ und der nationale Integrationsplan, der in den neuen Medien Computer und Internet erhebliche Potenziale für die Integration sieht. Die Bestandsaufnahme umfasst neben den Ergebnissen der Internet-, Migrations- und Medienforschung auch eine Übersicht der Internetportale für Migrantinnen und Migranten sowie Beispiele guter Praxis.
Digitale Integration in der Migrationsforschung
In der Informationsgesellschaft Deutschland gibt es eine digitale Spaltung, die entlang der demografischen Merkmale Bildung, Geschlecht, Alter und Einkommen verläuft. Oliver Hinkelbein (2007:94) erweitert diese um die Merkmale "kulturelle Herkunft" und "Sprachfähigkeit", die den Stand der Deutschkenntnisse kennzeichnet. Nach Hinkelbein nehmen Migrantinnen und Migranten zurzeit nur unzureichend an der Informationsgesellschaft teil.
Deutschland sei ein digitales Entwicklungsland, was die Integration von Migrantinnen und Migranten betrifft (Hinkelbein 2004: 9ff.). Es fehle an quantitativen und qualitativen Erkenntnissen zur Internetnutzung und an entsprechenden Politikstrategien. Verglichen mit klassischen Einwanderungsländern fehlt in Deutschland ein breites und sprachlich vielfältiges Medienangebot für Migrantinnen und Migranten, das ihre Lebenswelten repräsentiert. Dies trifft insbesondere für Institutionen des Staates zu, die kaum mehrsprachige Informationen zu ihren Angeboten und Leistungen auf ihren Websites haben. Wenn mehr Migrantinnen und Migranten mit E-Government-Angeboten erreicht werden sollen, so müsse auf die spezifischen Bedürfnisse der verschiedenen Gruppen eingegangen werden.
Barrieren der Internetnutzung
Aus den Erfahrungen verschiedener Projekte werden drei Barrieren für die Internetnutzung von Migrantinnen und Migranten als wesentlich erkannt:
- fehlende Medienkompetenz
- geringe deutsche Sprachkompetenz
- die Nichtberücksichtigung spezifischer Bedürfnisse der Menschen mit Migrationshintergrund bei Angeboten und Maßnahmen
Medienkompetenz ist eine zentrale Grundlage zur Integration in die Informationsgesellschaft. Viele Migrantinnen und Migranten waren und sind in Arbeitsfeldern tätig, in denen digitale Medien entweder keine oder nur eine geringe Rolle spielen, so dass sie darüber keine Möglichkeit haben und hatten, sich Medienkompetenzen anzueignen (Hinkelbein 2007: 95). Geringe deutsche Sprachkompetenz spielt auf der Ebene der Inhalte und deren Vermittlung eine Rolle (Hinkelbein 2007: 94).
Um spezifische Zugangsbarrieren identifizieren zu können, ist es nötig, die Lebenswelten der betroffenen Menschen zu kennen. Hier bedarf es weiterer Forschung. Die Herkunft der Menschen lässt nicht auf eine Milieuzugehörigkeit und umgekehrt auch eine Milieuzugehörigkeit nicht auf die Herkunft schließen, so das zentrale Ergebnis der Sinus-Studie „Migranten in Deutschland“ von Sinus Sociovision. Das legt den Schluss nah, dass nicht die kulturelle Herkunft, sondern das Milieu über die Internetnutzung entscheidet. Die Sinus-Studie „Migranten in Deutschland“ ist eine repräsentative, qualitative Vorstudie. Darin enthalten sind einige Ergebnisse zur Mediennutzung sowie Ausstattung der Migranten mit Computer und Internet. Ergebnissse der neuen Sinus-Milieustudie "Lebenswelten von Migranten" wurden im Dezember 2008 vorgestellt.
Mediennutzung von Jugendlichen
Jugendkultur und Medien sind untrennbar miteinander verbunden. Dabei geht es nicht um einzelne Medien, sondern um ein Medienensemble. Die Ausstattung von Jugendlichen mit Computern und Internet wird als Vollversorgung betrachtet. 94 Prozent der Haushalte, in denen Jugendliche leben, besitzen einen Computer (JIM-Studie 2002).
Der Umgang mit Medien trägt zur Identitätsbildung und zur Geschlechteridentität bei. Spielt der Austausch der Medien in der Familie und der Gruppe der Gleichaltrigen ("Peergroup") eine wichtige Rolle für Geborgenheit, Wohlbefinden und Zusammengehörigkeitsgefühl, so unterstützen die Medien in der Pubertät die Abgrenzung zur Welt der Erwachsenen (Billes-Gerhart 2003: 2f.).
Ausstattung mit Computer und Internet: Hauptschülerinnen und -schüler mit Migrationshintergrund sind geringer ausgestattet als diejenigen ohne Migrationshintergrund. Mädchen verfügen über eine noch geringere Ausstatung an Computern und Internet als die Jungen derselben Gruppe (Billes-Gerhart 2003, Treibel 2006 + 2007, Yilmaz 2006).
Entscheidendere Auswirkungen auf die Computer- und Internetnutzung als das Geschlecht ist die besuchte Schulform der Jugendlichen mit Migrationshintergrund (Treibel 2006:229). Ebenso korrelliert die Internetnutzung der Jugendlichen mit dem Bildungsniveau der Eltern. In Elternhäusern mit einem höheren Bildungsniveau wird das Internet vermehrt genutzt; dagegen verfügen Haushalte mit niedrigem Bildungsniveau oft nicht einmal über einen Computer (Yilmaz 2006: 13). Gründe dafür sehen Treibel und Yilmaz (2006: 14) in der ökonomischen Situation der Familien. Eine höhere Erwerbslosigkeit und Altersarmut verhindern die Anschaffung eines Computers oder auch eines Internetanschluss'.
Über die Rolle der Eltern gibt es unterschiedliche Sichtweisen: Eltern kennen die Relevanz der neuen Medien für die schulische und berufliche Entwicklung und fördern und unterstützen ihre Kinder im Hinblick auf Computer- und Intenetnutzung (Treibel 2006:229). Dagegen steht die These, dass unzureichende Kenntnisse der Eltern über das Medium eine Rolle spielen; Eltern müssten erst noch von der Wichtigkeit des Internet überzeugt werden (Yilmaz 2006:11ff.).
Zugänge: Junge Migrantinnen und Migranten suchen häufiger als Jugendliche ohne Migrationshintergrund Internetzugangsorte außerhalb der Familie auf. Dabei gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede:
- Mädchen nutzen das Internet zu 59 Prozent zu Hause, zu 50 Prozent bei Freunden und zu 36,6 Prozent in der Schule.
- Die Jungen bevorzugen die Schule als Nutzungsort mit 67,7 Prozent, gefolgt von der Nutzung bei Freunden mit 54,3 Prozent und an dritter Stelle die Nutzung zu Hause mit 48,3 Prozent (Billes-Gerhart 2003: 13f.).
Mehr Internetzugänge für Jugendliche zu schaffen kann mit öffentlich zugänglichen Internetplätzen mit einer Betreuung in Schulen oder in verschiedenen Vereinen der Migrantenselbstorganisationen erreicht werden (Yilmaz 2006: 14). Treibel kommt zu dem Ergebnis, dass Medienkompetenz bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund nur bedingt vorhanden ist. Die Motivation, sie weiter auszubauen, ist nicht besonders groß.
„In ihrer Reaktion auf die Anforderungen bzw. Zumutungen im Hinblick auf Medienkompetenz zeigen die Hauptschülerinnen und Hauptschüler insgesamt eine Haltung, die zwischen den Polen Pragmatismus und Resignation angesiedelt ist“ (Treibel 2007: 20).
Fazit: Die Migrantenjugendlichen haben seltener Zugang zu Computer und Internet. Festzustellen sind viele geschlechtsspezifische Unterschiede im Zugang zu Computer und Internet, bei den Zugangsorten, in der Nutzungshäufigkeit und bei den genutzten Anwendungen.
- Die weiblichen Migrantenjugendlichen haben nochmals einen deutlich niedrigeren Zugang zu Computer und Internet.
- Gründe für die geringere Ausstattung liegen in der ökonomischen Situation der Familien.
- Es gibt geschlechtsspezifische Präferenzen bei den Zugangsorten. Mädchen nutzen das Internet häufiger zu Hause und selten in der Schule. Bei den Jungen steht an erster Stelle die Nutzung in der Schule, dann folgen Freunde und dann das Elternhaus.
Migrantinnen und Migranten in der Medienforschung: Jugendliche
Jugendliche haben eine höhere emotionale Bindung zum Internet als andere Generationen. Ihre Medienwelt zeichnet sich durch einen konvergenten Umgang mit verschiedenen Medien aus, in der das Internet eine zentrale Schaltstelle darstellt (Theunert 2007). Die Ausstattung von Jugendlichen ist im Vergleich zu den Erwachsenen und Älteren generell gut. Gleichzeitig ist aber die Ausstattung von Computer und Internet in Migrantenhaushalten geringer als in einheimischen Haushalten (Theunert 2007).
Die Mediennutzung des Internet von Jugendlichen ist stark beeinflusst vom Bildungsstand der Familie und der Heranwachsenden selbst. Die größte Differenz besteht zwischen Jugendlichen, die in bildungsbevorzugten Milieus aufwachsen und Jugendlichen aus einem gering gebildeten familiären Umfeld. Theunert stellt fest, dass die digitale Kluft nicht zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund verläuft, sondern zwischen den Bildungsmilieus. Der Migrationshintergrund kann zusätzliche und je nach Herkunftskultur spezifische Akzente setzen, wofür derzeit nur sehr rudimentäre empirische Belege vorliegen (Theunert 2007: 4).
Medienverhalten: Die Bildung wird als zentrales Merkmal für die Mediennutzung angesehen (Theunert 2007:17). Der Umgang mit dem Medium Internet ist abhängig vom Bildungsgrad. Jugendliche aus hohem Bildungsmilieu haben einen vielfältigen Mediengebrauch, der über eine rezeptionsorientierte Nutzung hinausgeht und einen kreativen, interaktiven und wissensorientierten Umgang mit Medien einschließt. Kommunikativ wird das Medium zum Austausch mit jugendkulturellen Szenen und für politische Aktivitäten genutzt (Theunert 2007: 8f.). Jugendliche aus bildungsbenachteiligten Milieus haben in der Regel einen eher rezeptions- und konsumorientierten Medienumgang. Ihnen fehlen häufig die Motivation und die Medienkompetenz das Internet als Informations- und Wissenslieferant zu gebrauchen und Möglichkeiten und Chancen das Internet mit all seinen Kommunikations- und Partizipationsmöglichkeiten für sich zu nutzen. Einige haben problematische Gewohnheiten und risikoreiche Vorlieben (Theunert 2007: 9)
Die Familie, so die Medienforschung, spielt bei der Heranführung der Medien eine große Rolle. Jedoch fallen bei Jugendlichen aus niedrigen Bildungsschichten häufig die Familien als Orte des Kompetenzerwerbs heraus. Dessen ungeachtet werden pragmatisch und lösungsorientiert andere Orte für die Mediennutzung aufgesucht. Kinder in Migrantenfamilien sind besser ausgestattet als der Rest der Familie. Die Familien fördern und ermutigen ihre Kinder zur Auseinandersetzung mit dem Computer. Durch hohe Bildungserwartungen der Eltern können schlechtere Ausgangsbedingungen für die Nutzung neuer Medien ausgeglichen werden. Zum Teil fungieren die Jugendlichen mit Migrationshintergrund als Türöffner zu den neuen Medien für die Eltern. Sie werden zu Expertinnen und Experten für Informations- und Kommunikationstechniken (Theunert 2007: 10).
Potenziale der Medienarbeit: Die Funktion der Identitätsbildung von neuen Medien hat bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund eine besondere Bedeutung. Die Jugendlichen stehen in einem Balanceakt bei der Ausformung ihres eigenen Wertesystems zwischen den herkunftskulturellen Wertvorstellungen und den Werten der Gleichaltrigen und der hiesigen Gesellschaft. Durch die Förderung von Medienkompetenzen lassen sich vielfältige Potenziale nutzen, die verschiedene Dimensionen umfassen. Neben medienbezogenen Qualifikationen werden soziale Schlüsselqualifikationen gefördert, die für die gesellschaftliche Partizipation wichtig sind. Weiter können inhaltliche Auseinandersetzungen zu Themen stattfinden, die im Spannungsfeld zwischen der Aufnahmegesellschaft und der Herkunftskultur liegen und zur eigenen Positionierung und Identitätsbildung beitragen. Die identitäts- und integrationsrelevanten Reflexionen können innerhalb einer Gruppe mit verschiedenen Perspektiven zur eigenen und zu anderen Kulturen stattfinden. Dadurch kann die interkulturelle Kompetenz von einzelnen oder einer Gruppe gefördert werden (Theunert 2007: 16).
Für medienpädagogische Maßnahmen empfiehlt Theunert, Zugänge zu ermöglichen, die auf sozio-kulturelle Milieubedingungen zugeschnitten sind, die unabhängig vom Migrationshintergrund wirksam werden. Damit wird die Defizitperspektive verlassen, um „die Bedeutung transnationaler Kulturmuster und Werthaltungen für den Mediengebrauch sichtbar zu machen“ (Theunert 2007: 18). Ein Handlungsbedarf besteht in der Forschung und bei integrativen Zugängen, die milieuspezifisch angelegt sind und Geschlechterunterschiede berücksichtigen (Theunert 2007: 17).
Geschlechtsspezifische Unterschiede
Geschlechtsspezifische Unterschiede bestehen bei Computer und Internet bei den Vorerfahrungen, beim Zugang zum Computer und bei der eigenen Einschätzung der Computer- und Technikkompetenz sowie bei der Anwendung der Kompetenzen. Diese beginnen, wie wir gesehen haben, schon in der Grundschule und wirken auch im späteren Lebensalter. Es gibt Unterschiede bei der Nutzungsintensität. Mädchen sind zu 80 Prozent und Jungen zu 85 Prozent täglich oder mehrmals in der Woche im Netz (vgl. JIM 2007). Bei den Anwendungen gibt es auch Präferenzen. Mädchen nutzen stärker die kommunikativen Anwendungen und der Anteil der Jungen ist bei den Spielen höher. Viele Erkenntnisse über geschlechtsspezifische Unterschiede bei Migrantinnen und Migranten liegen hauptsächlich für Mädchen und Jungen vor.
- Beim Zugang zu Computer und Internet besitzen Mädchen mit Migrationshintergrund schlechtere Zugangsmöglichkeiten (vgl. Theunert 2007).Beide Geschlechter haben geringere Zugangsmöglichkeiten zum Internet, wenn sie eine geringere Schullaufbahn einschlagen.
- Bei der Erschließung alternativer Zugänge gibt es unterschiedliche Präferenzen.
- Mädchen finden diese in Institutionen (Schulen, Moscheen) oder im Familienumfeld.
- Jungen suchen öffentliche Räume (Internetcafés) oder Jugendzentren auf oder gehen zu Freunden (Theunert 2007: 10f.).
Bei der Vorbereitung von Maßnahmen sollten geschlechtsspezifische Aspekte berücksichtigt werden. Auch die Bereitstellung reiner Frauenangebote erscheinen sinnvoll und ist von einigen Frauen erwünscht.
Fazit: Bei der Betrachtung der Forschungslage in der Medienforschung fällt insgesamt auf, dass es einige Studien zu der Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund gibt. Noch schlechter sieht die Lage bei Erwachsenen oder Älteren aus. Bei den Untersuchungen zur Herkunft überwiegen die Studien zur Internetnutzung türkischer Migrantinnen und Migranten. Danach folgen meist Untersuchungen für Personen mit postsowjetischem Migrationshintergrund. Für viele weitere Gruppen gibt es keine Untersuchungen.
Ergebnisse aus der Migrations- und Medienforschung
Ungeklärt ist die Frage, ob die kulturelle Herkunft ein Merkmal der digitalen Spaltung ist. Sicher ist jedoch, dass Bildung, Alter und Geschlecht auch bei der migrantischen Bevölkerung Merkmale sind, die erheblichen Einfluss nehmen auf die Nutzung bzw. Nichtnutzung des Internet. Weitere Barrieren für die Internetnutzung von Migrantinnen und Migranten sind
- mangelnde Medienkompetenzen
- mangelnde deutsche Sprachkompetenzen und die
- Nichtberücksichtigung der spezifischen Bedürfnisse von Menschen mit Migrationshintergrund.
Geschlechtsspezifische Unterschiede bestehen beim Zugang, bei der Nutzungsintensität, bei der Zuschreibung eigener Technikkompetenzen, bei der Wahl von alternativen Zugängen und auch bei den Interessen. Das Internet stellt für die Migrantinnen und Migranten und auch für die Aufnahmegesellschaft enorme Potenziale dar. Es ist ein Gestaltungsraum, in dem mit Gleichgesinnten über Themen gesprochen und diskutiert wird, die insbesondere Migrantinnen und Migranten interessieren und in den Massenmedien keinen Eingang finden. Gleichzeitig stellt das Internet eine virtuelle Heimat dar, in der der Migrationshintergrund ein verbindendes Element ist und die Möglichkeit bietet, eine Vielzahl von Öffentlichkeiten mit vielen kulturellen Ausdrucksformen zu kreieren.
Die Funktion der Identitätsbildung ist nicht nur für Jugendliche wichtig, sondern kann unabhängig vom Alter für alle Menschen mit Migrationshintergrund übertragen werden. Wie das Beispiel der deutschtürkischen Migrantinnen und Migranten zeigt, ist der virtuelle Raum ein Medium zur Gestaltung einer selbstbewussten deutschtürkischen Identität, der sich entwickelt und ein Teil der öffentlichen Meinungsbildung in Deutschland darstellt (Kissau 2008: 9).
3. Präsentation Susanne Eggert:
4. Präsentation, Dr. Kemal Bozay:
5. Ergebnisbericht
Der Workshop wurde von Susanne Eggert und Dr. Kemal Bozay geleitet, die aufgrund ihrer Expertise zu diesem Thema ausgewählt wurden. Sie führten in die Themenstellung ein. Anschließend erfolgte die Diskussion anhand der Leitfragen sowie die Formulierung von Thesen, die im Abschlussplenum vorgestellt wurden.
Susanne Eggert fasst in ihrem Vortrag die Funktion der Medien, insbesondere des Internet, für Kinder und Jugendliche zusammen. Unterhaltung und Stimmungsmanagement, Orientierung, Information und Kommunikation werden als wichtigste Medienfunktionen genannt. Sie führt allgemeines Mediennutzungsverhalten von Jugendlichen an und spezifiziert die besonderen Funktionen des Internet für Mädchen und Jungen mit Zuwanderungsgeschichte. Als beeinflussende Faktoren bezüglich der Funktion von Medien stellt sie Persönlichkeits- sowie soziokulturelle Faktoren, Alter, Geschlecht, soziale Herkunft und Bildungshintergrund heraus.
Dr. Kemal Bozay referiert über die Bedeutung der virtuellen Räume in der interkulturellen Jugendkommunikation. Die WDR-Studien „Zwischen den Kulturen“ (2006) und „Migranten und Medien“ (2007) bestätigen, dass für die 14- bis 29-Jährigen mit Migrationshintergrund das Internet das wichtigste Medium ist und eine bedeutende Informations- und Kommunikationsfunktion übernimmt. Jugendliche nutzen Online-Medien für die eher schlagzeilenorientierte Nachrichtenrezeption, zur Unterhaltung (Spiele, Musik) sowie für die Kommunikation mit Freunden und Familienangehörigen. Auch ältere Familienangehörige können teilweise dafür gewonnen werden. Die Online-Mediennutzung fokussiert auf den Community-Gedanken, z. B. beim Besuch von Portalen wie vaybee.de (türkisch-deutsches Angebot zur Kommunikation, Information und Unterhaltung), auf die Nutzung von gemischten Portalangeboten und Web 2.0-Elementen. Dr. Bozay stellte in seinem Vortrag zudem das von Schulen-ans-Netz initiierte Projekt „mixopolis.de – Interkulturelles Jugend-Online-Portal“ vor, das sich an Jugendliche mit einer Affinität zu webbasierten Kommunikations- und Bildungsangeboten sowie Akteurinnen und Akteuren aus Beruf und Bildung wendet.
Gesammelte Schlagworte auf den Stellwänden:
- Nutzenfrage
- Bildungshintergrund
- Kommunikationsbedürfnis
- Jugendliche dort abholen, wo sie sind
- An vorhandenen Angeboten aufbauen
- Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen aufgreifen
- Handlungsbedarf
- Potenziale der Jugendlichen ausschöpfen
- Stärkere Sensibilisierung der Eltern
- Curriculum: interkulturelle Medienkompetenz (Schule)
- Chancen der digitalen Partizipation von Jugendlichen fördern
Diskussionsergebnisse zu den Leitfragen:
1. Welchen Nutzen hat das Internet für diese spezielle Gruppe mit Migrationshintergrund?
Der Großteil der Jugendlichen zeigt eine hohe Affinität zum Internet. Durch das Kommunizieren in der Mutter- sowie in der Landessprache („code-switching“) birgt es die Möglichkeit des Auslebens von „hybriden Identitäten“ und bietet zudem die Möglichkeit einer Brückenfunktion zwischen dem Aufnahme- und Heimatland, indem ein Austausch mit „Schicksalsgenossinnen und –genossen“ stattfindet und Kontakte ins Heimatland aufrecht erhalten werden. Viele Jugendsubkulturen weisen zudem verbindende Elemente (Musik, Kultur, "Lifestyle") auf, mit denen Gemeinsamkeiten betont, eine interkulturelle Community geschaffen und der medialen/virtuellen Segregation entgegengewirkt werden kann. In Hinblick auf Themenfelder wie Lebens- und Berufsorientierung für Jugendliche mit Migrationshintergrund können Online-Angebote helfen, interkulturelle und berufliche Potenziale und Kompetenzen zu stärken, die die Ausbildungsbeteiligung junger Migrantinnen und Migranten erhöhen.
2. Welche Erkenntnisse über spezifische Merkmale der Nutzung, Nicht-Nutzung und Art der Nutzung liegen vor?
Mädchen und Jungen nutzen das Internet zur Information, zur Orientierung bei der Suche nach ihrer sozialen und geschlechtlichen Identität, zur Kommunikation, Unterhaltung und zum Stimmungsmanagement, z. B. durch die Rezeption von Musik. Hierbei verdeutlichen die Ausführungen von Frau Eggert, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund ein Zusammengehörigkeitsgefühl durch die gemeinsame Nutzung nationaler – insbesondere musikalischer – Medienangebote entwickeln. Es hat sich zudem gezeigt, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund oftmals eine andere Einstellung zu medialer Gewalt haben als einheimische Mädchen und Jungen. Problematisch ist, dass Altersfreigaben im Internet meist problemlos umgangen werden können. Die Darstellung von Migrantinnen und Migranten in den Medien wird von Jugendlichen mit Migrationshintergrund genau beobachtet. Fehlende Medienkompetenz kann dabei zu fragwürdigen Orientierungen führen und u. U. problematische Rollenzuschreibungen, insbesondere in Hinblick auf Sexualität, provozieren.
3. Welche Hemmnisse oder Barrieren lassen sich für diese Gruppe identifizieren?
Ein geringer Bildungshintergrund ist als Hemmnis für den Erwerb von Online-Kompetenz zu werten. Jugendliche aus höher gebildeten Milieus zeigen ein deutlich differenzierteres Mediennutzungsverhalten als ihre Altersgenossinnen und -genossen aus einem niedriger gebildeten Umfeld. Diese sind eher auf direkte Bezüge zu ihrem eigenen Umfeld fixiert, während höher gebildete Jugendliche auch „über den Tellerrand“ hinausblicken und sich für politische Themen sowie das aktuelle Weltgeschehen interessieren. Die Partizipation im Internet von höher gebildeten Jugendlichen ist also stärker.
4. Worin besteht der Handlungsbedarf für diese Gruppe und wie können gezielte Maßnahmen aussehen?
Einigkeit herrscht darüber, dass die Defizitperspektive verlassen werden muss. Kinder und Jugendliche zeigen ein großes Potenzial in Hinblick auf den Umgang mit digitalen Medien. Dieses Potenzial muss genutzt und gestärkt werden. Zu den Wegen, die diesbezüglich beschritten werden sollen, gibt es unterschiedliche Ansätze und Ansichten. Ist es sinnvoller, ein zielgerichtetes Angebot/Portal für Jugendliche zu schaffen, oder die Jugendlichen direkt, auf entsprechenden Community-Seiten anzusprechen, auf denen sie sich ohnehin bewegen?
Betont wird in der Diskussion, dass sich das Erlernen von Medienkompetenz nicht auf eine bestimmte (migrantische) Zielgruppe unter den Heranwachsenden beschränken sollte, sondern es sich um eine generell für alle Kinder und Jugendlichen zu erwerbende Kompetenz handelt. In diesem Zusammenhang taucht die Frage auf, ob der Erwerb von Medienkompetenz in das schulische Curriculum eine sinnvolle Forderung ist. Dafür sprechen Erfahrungen aus skandinavischen Ländern, in denen Medienerziehung ein selbstverständlicher Teil der schulischen Lehrpläne ist. Dagegen spricht, dass die Schülerinnen und Schüler dem Lehrpersonal zumeist bezüglich der Anwendungen des Web 2.0 überlegen sind. Zum anderen zeigen Erfahrungen der Expertinnen und Experten aus der Praxis, dass es sinnvoll ist, die Jugendlichen zielgruppenspezifisch anzusprechen, d. h. Zugänge zu ihnen über für sie relevante Themen (z. B. Musik, „Lifestyle“) zu finden, um Themen wie Lebens- und Berufsorientierung aufzugreifen.
Das anglo-amerikanische Modell der „peer education“ – Bildung und Erziehung von Gleichaltrigen durch Gleichaltrige – das auch in anderen europäischen Ländern mehr und mehr an Bedeutung gewinnt, könnte auch im Zusammenhang mit Online-Kompetenz eine denkbare Zugangsmöglichkeit darstellen. Web 2.0-Elemente können eine identitätsstiftende Wirkung entfalten. Es gibt jedoch auch kritische Stimmen in der Diskussion, die es nicht unproblematisch finden, Jugendliche zur Nutzung dieser Anwendungen zu animieren.
Es wird infrage gestellt, ob die Elemente des Web 2.0 wirklich zur Identitätsfindung beitragen oder ob sie als pubertäres Spiel und Experiment genutzt werden mit Folgen, die mitunter später bitter bereut werden? Die Förderung der Internetnutzung von Heranwachsenden sollte nur in Verbindung mit entsprechendem Kinder- und Jugendschutz erfolgen. In diesem Zusammenhang taucht die Frage nach der Rolle der Eltern auf. Herr Dr. Bozay verweist in seinem Vortrag darauf, dass die Jugendlichen durch ihre Eltern ermutigt werden, Internet und Computer für sich zu nutzen. Eltern – insbesondere aus bildungsbenachteiligten Milieus – verfügen vermutlich jedoch nicht über entsprechende Medienkompetenz und sollten deshalb in Hinblick darauf stärker sensibilisiert werden. Nicht zuletzt sollte der Heterogenität der Migrantinnen und Migranten in Deutschland Rechnung getragen werden und innerhalb dieser Gruppe stärker differenziert werden.
6. Thesen des Workshops
Es haben sich zwei wichtige Themenschwerpunkte herauskristallisiert:
- Die Defizitperspektive muss verlassen werden. Kinder und Jugendliche zeigen Potenzial in Hinblick auf den Umgang mit digitalen Medien; diese müssen gestärkt werden
- Die Eltern spielen eine wichtige Rolle hinsichtlich des Medienumgangs der Heranwachsenden. Eltern mit migrantischem Hintergrund müssen für den Medienumgang ihrer Kinder sensibilisiert werden
7. Downloads
Thematische Einführung WS-Leiste 1 [386,60 kB | pdf]
WS Kinder und Jugendliche: Ergebnis [350,65 kB | pdf]
WS Kinder und Jugendliche: Eggert [61,38 kB | pdf]
WS Kinder und Jugendliche: Bozay [123,28 kB | pdf]
Ältere Frauen und Männer
Für den intensiven fachlichen Austausch zu Einzelaspekten der Bestandsaufnahme wurden zwei Workshoprunden durchgeführt. In jeder Workshoprunde fanden vier Workshops mit bis zu 15 geladenen Expertinnen und Experten parallel statt. Für die erste Workshoprunde bildeten die klassischen Merkmale der digitalen Spaltung „Alter und Geschlecht“ die Ausgangspunkte. Für alle Workshops bildete die Genderperspektive eine wichtige Grundlage. Im Abschlussplenum wurden die Ergebnisse aus den Workshops zusammengeführt und diskutiert.
1. Teilnehmerinnen und Teilnehmer
- Peter Enste (Leitung)
- Cornelia Lins (Leitung)
- Bettina Kloppig
- Christin Cieslak
- Hans-Gerit Damm
- Tatjana Daskevic
- Dr. Andreas Wojcik
- PhD Rita Zaltsmann
2. Ergebnisse der Bestandsaufnahme
Im Rahmen des Projektes wird eine Bestandsaufnahme von Primär- und Sekundärstudien zur Online-Kompetenz von Migrantinnen und Migranten durchgeführt. Ausgangspunkt sind die vom Statistischen Bundesamt im Mikrozensus 2005 vorgelegte Definition von „Migrationshintergrund“ und der nationale Integrationsplan, der in den neuen Medien Computer und Internet erhebliche Potenziale für die Integration sieht. Die Bestandsaufnahme umfasst neben den Ergebnissen der Internet-, Migrations- und Medienforschung auch eine Übersicht der Internetportale für Migrantinnen und Migranten sowie Beispiele guter Praxis.
Digitale Integration in der Migrationsforschung
In der Informationsgesellschaft Deutschland gibt es eine digitale Spaltung, die entlang der demografischen Merkmale Bildung, Geschlecht, Alter und Einkommen verläuft. Oliver Hinkelbein (2007:94) erweitert diese um die Merkmale "kulturelle Herkunft" und "Sprachfähigkeit", die den Stand der Deutschkenntnisse kennzeichnet. Nach Hinkelbein nehmen Migrantinnen und Migranten zurzeit nur unzureichend an der Informationsgesellschaft teil.
Deutschland sei ein digitales Entwicklungsland, was die Integration von Migrantinnen und Migranten betrifft (Hinkelbein 2004: 9ff.). Es fehle an quantitativen und qualitativen Erkenntnissen zur Internetnutzung und an entsprechenden Politikstrategien. Verglichen mit klassischen Einwanderungsländern fehlt in Deutschland ein breites und sprachlich vielfältiges Medienangebot für Migrantinnen und Migranten, das ihre Lebenswelten repräsentiert. Dies trifft insbesondere für Institutionen des Staates zu, die kaum mehrsprachige Informationen zu ihren Angeboten und Leistungen auf ihren Websites haben. Wenn mehr Migrantinnen und Migranten mit E-Government-Angeboten erreicht werden sollen, so müsse auf die spezifischen Bedürfnisse der verschiedenen Gruppen eingegangen werden.
Barrieren der Internetnutzung
Aus den Erfahrungen verschiedener Projekte werden drei Barrieren für die Internetnutzung von Migrantinnen und Migranten als wesentlich erkannt:
- fehlende Medienkompetenz
- geringe deutsche Sprachkompetenz
- die Nichtberücksichtigung spezifischer Bedürfnisse der Menschen mit Migrationshintergrund bei den angebotenen Maßnahmen
Medienkompetenz ist eine zentrale Grundlage zur Integration in die Informationsgesellschaft. Viele Migrantinnen und Migranten waren und sind in Arbeitsfeldern tätig, in denen digitale Medien entweder keine oder nur eine geringe Rolle spielen, so dass sie darüber keine Möglichkeit haben und hatten, sich Medienkompetenzen anzueignen (Hinkelbein 2007: 95).
Geringe deutsche Sprachkompetenz spielt auf der Ebenen der Inhalte und deren Vermittlung eine Rolle (Hinkelbein 2007: 94). Um spezifische Zugangsbarrieren identifizieren zu können, ist es nötig, die Lebenswelten der betroffenen Menschen zu kennen. Hier bedarf es weiterer Forschung.
Die Herkunft der Menschen lässt nicht auf eine Milieuzugehörigkeit und umgekehrt auch eine Milieuzugehörigkeit nicht auf die Herkunft schließen, so das zentrale Ergebnis der Sinus-Studie „Migranten in Deutschland“ von Sinus Sociovision. Das legt den Schluss nah, dass nicht die kulturelle Herkunft, sondern das Milieu über die Internetnutzung entscheidet. Die Sinus-Studie „Migranten in Deutschland“ ist eine repräsentative, qualitative Vorstudie. Darin enthalten sind einige Ergebnisse zur Mediennutzung sowie Ausstattung der Migranten mit Computer und Internet. Ergebnissse der neuen Sinus-Milieustudie "Lebenswelten von Migranten" wurden im Dezember 2008 vorgestellt.
Mediennutzung von Älteren
Im Jahr 2002 wurden im Rahmen einer Studie zur „Erschließung der Seniorenwirtschaft für ältere Migrantinnen und Migranten“ von der Stiftung Zentrum für Türkeistudien Daten zum Computerbesitz von Älteren erhoben. Danach besitzen 33 Prozent der türkeistämmigen Haushalte mit Personen von 55 Jahren und älter einen Computer. Die Jüngeren der 18 bis 54-Jährigen sind dagegen mit 59 Prozent ausgestattet. Der „hohe Anteil “ der Älteren wird darauf zurückgeführt, dass ältere türkischstämmige Migrantinnen und Migranten vielfach in Mehrgenerationen-Haushalten leben. Es wird jedoch vermutet, dass es zwar einen Zugang zu einem Computer gibt, dieser aber nicht unbedingt von den Älteren genutzt wird und sie somit nicht über eigene Medienerfahrungen und Medienkompetenzen verfügen.
Der fünfte Altenbericht beschreibt die Situation der älteren Migrantenbevölkerung: Ältere Migrantinnen und Migranten der ersten Generation aus den Anwerbeländern gehören zu den bildungsfernen Gruppen und verfügen über mittelmäßige bis schlechte Deutschkenntnisse. Durch die Verrentung nehmen nicht nur die Kontakte zu Einheimischen ab, sondern auch die erworbenen Deutschkenntnisse der Älteren über 64 Jahre (Deutsches Zentrum für Altersfra-gen o.J.: 2).
Geschlechtsspezifische Unterschiede
Nach den Untersuchungen vom Zentrum für Türkeistudien wird das Internet für die Informationsbeschaffung mehr von Männern als von Frauen genutzt. Ein weiteres Ergebnis zu älteren Migrantinnen greift die Frage auf, wie Maßnahmen aussehen sollten, die auf die Lebensbedingungen der älteren Frauen abgestimmt sind.
Ältere Migrantinnen: Ellerbrock hat die Lebensbedingungen von älteren türkischstämmigen Frauen analysiert und Handlungsempfehlungen für Angebote mit älteren Migrantinnen entwickelt. Sinnvoll sind Angebote von Frauen für Frauen. Die Maßnahmen sollten generationsübergreifend, themenorientiert und Kultur angemessen konzipiert sein und Angebote in der Muttersprache einschließen.
Bei dem Aspekt Zeit, sollte berücksichtigt werden, dass Frauen unabhängig vom Alter für die Familienarbeit verantwortlich sind. Hier bieten sich Angebote ohne zeitliche Befristung an in Form eines ständigen Treffpunkts. Familienarbeit heißt auch, dass Kinder oder Enkelkinder von den Frauen betreut werden. Außerdem sollte auf die Erreichbarkeit der Angebote durch öffentliche Verkehrsmittel beachtet werden (Ellerbrock 2003).
Fazit: In der Migrationsforschung liegt der Schwerpunkt bei den Jugendlichen und hier insbesondere bei Hauptschülerinnen und Hauptschülern. Untersuchungen zu Erwachsenen und Älteren finden sich kaum. Die meist untersuchte Bevölkerungsgruppe ist die der türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten.
Die Expertinnen und Experten haben als Merkmale der digitalen Spaltung
- die Bildung
- das Geschlecht und
- das Alter
ausgemacht.
Weitere Barrieren sind
- die deutsche Sprachkompetenz und
- die Nichtberücksichtigung von Lebenslagen der Migrantinnen und Migranten.
Migrantinnen und Migranten in der Medienforschung: Ältere
Es gibt an dieser Stelle keine Zahlen und Einschätzung, wie die Internetnutzung der älteren Migrantinnen und Migranten aussieht. Ein Anhaltspunkt kann die Studie „Migranten und Medien“ geben. Dort liegt die Tagesreichweite der über 50-Jährigen bei 6 Prozent. Ein weiterer findet sich bei der Stiftung Zentrum für Türkeistudien, in der 1,9 Prozent der über 60-Jährigen das deutsche Internet für Informationen aufsucht.
Das erfolgreiche Projekt des Bennohauses Münster zeigt, wie der Abbau von Zugangsbarrieren für ältere Migrantinnen und Migranten zu den Neuen Medien erfolgen kann. Eine wichtige Voraussetzung ist, die Inhalte und Methoden an die Zielgruppe anzupassen. Das Projekt hat sehr unterschiedliche Personengruppen erreicht und mit geschlechtsspezifischen Angeboten auf die Wünsche der Teilnehmerinnen und Teilnehmer reagiert. Als eine Barriere für die Internetnutzung bei Älteren wurden die Sprachkompetenzen erkannt. Ältere besitzen häufiger eine geringere deutsche Sprachkompetenz und je nach Bildungsstand fehlen auch Lese- und Schreibkompetenzen in der Muttersprache (Arbeitskreis Ostviertel 2005). Hier wurde mit zweisprachigen Lehrangeboten auf die Situation reagiert. Weiterhin bestehen außerhalb ihres ethnischen sozialen Netzwerks nur in geringem Maße Kontakt zu Deutschen. Dies bedeutet in der Arbeit mit älteren Migrantinnen und Migranten, dass hier die Ansprache der Zielgruppe viel intensiver und damit auch zeitintensiver betrieben werden muss. Eine aufsuchende Bildungsarbeit, geschlechtsspezifische und zweisprachige Angebote sowie die Integration der Migrantenorganisationen sind wichtige Erfolgsfaktoren des Projekts.
Geschlechtsspezifische Unterschiede
Geschlechtsspezifische Unterschiede bestehen bei Computer und Internet bei den Vorerfahrungen, beim Zugang zum Computer und bei der eigenen Einschätzung der Computer- und Technikkompetenz sowie bei der Anwendung der Kompetenzen. Diese beginnen, wie wir gesehen haben, schon in der Grundschule und wirken auch im späteren Lebensalter.
Viele Erkenntnisse über geschlechtsspezifische Unterschiede bei Migrantinnen und Migranten liegen hauptsächlich für Mädchen und Jungen vor. Beide Geschlechter haben geringere Zugangsmöglichkeiten zum Internet, wenn sie eine geringere Schullaufbahn einschlagen.
Bei der Vorbereitung von Maßnahmen sollten geschlechtsspezifische Aspekte berücksichtigt werden. Auch die Bereitstellung reiner Frauenangebote erscheinen sinnvoll und ist von einigen Frauen erwünscht.
Fazit: Bei der Betrachtung der Forschungslage in der Medienforschung fällt insgesamt auf, dass es einige Studien zu der Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund gibt. Schlechter sieht die Lage bei Erwachsenen oder Älteren aus. Bei den Untersuchungen zur Herkunft überwiegen die Studien zur Internetnutzung türkischer Migrantinnen und Migranten. Danach folgen meist Untersuchungen für Personen mit postsowjetischem Migrationshintergrund. Für viele weitere Gruppen gibt es keine Untersuchungen.
Ergebnisse aus der Migrations- und Medienforschung
Ungeklärt ist die Frage, ob die kulturelle Herkunft ein Merkmal der digitalen Spaltung ist. Sicher ist jedoch, dass Bildung, Alter und Geschlecht auch bei der migrantischen Bevölkerung Merkmale sind, die erheblichen Einfluss nehmen auf die Nutzung bzw. Nichtnutzung des Internet.
Weitere Barrieren für die Internetnutzung von Migrantinnen und Migranten sind:
- mangelnde Medienkompetenzen
- mangelnde deutsche Sprachkompetenzen und
- die Nichtberücksichtigung der spezifischen Bedürfnisse von Menschen mit Migrationshintergrund
Geschlechtsspezifische Unterschiede bestehen beim Zugang, bei der Nutzungsintensität, bei der Zuschreibung eigener Technikkompetenzen, bei der Wahl von alternativen Zugängen und auch bei den Interessen.
Das Internet stellt für die Migrantinnen und Migranten und auch für die Aufnahmegesellschaft enorme Potenziale dar. Es ist ein Gestaltungsraum, in dem mit Gleichgesinnten über Themen gesprochen und diskutiert wird, die insbesondere Migrantinnen und Migranten interessieren und in den Massenmedien keinen Eingang finden. Gleichzeitig stellt das Internet eine virtuelle Heimat dar, in der der Migrationshintergrund ein verbindendes Element ist und die Möglichkeit bietet, eine Vielzahl von Öffentlichkeiten mit vielen kulturellen Ausdrucksformen zu kreieren.
Die Funktion der Identitätsbildung ist nicht nur für Jugendliche wichtig, sondern kann unabhängig vom Alter für alle Menschen mit Migrationshintergrund übertragen werden. Wie das Beispiel der deutschtürkischen Migrantinnen und Migranten zeigt, ist der virtuelle Raum ein Medium zur Gestaltung einer selbstbewussten deutschtürkischen Identität, der sich entwickelt und ein Teil der öffentlichen Meinungsbildung in Deutschland darstellt (Kissau 2008: 9).
3. Präsentation Peter Enste
4. Präsentation Cornelia Lins
5. Ergebnisbericht
Der Workshop wurde von Peter Enste und Cornelia Lins geleitet, die aufgrund ihrer Expertise zu diesem Thema ausgewählt wurden. Sie führten in die Themenstellung ein. Anschließend folgte die Diskussion anhand der Leitfragen sowie die Formulierung von Thesen, die im Abschlussplenum vorgestellt wurden.
Peter Enste hat in seinem Vortrag zum einen darauf aufmerksam gemacht, dass mit zunehmendem Alter die Internetnutzung drastisch abnimmt. In NRW verfügt zwar ein Drittel der Haushalte mit einer Person über 55 Jahren über einen Computer, aber nur 16 Prozent hat auch einen Internetzugang. Die Internetnutzung der über 60-Jährigen ist mit 1 – 2 Prozent sehr gering. Die Internetnutzung der Älteren steigt mit dem Bildungsgrad und mit den Deutschkenntnissen.
Das Internet wird stärker informationsorientiert genutzt. Auch Kommunikation per E-Mail, beispielsweise zum Herkunftsland, findet statt.
Bestehende Barrieren sind in der deutschen Sprachkompetenz zu sehen. Durch eine geringe Ausstattung ist der Zugang zum Internet verwehrt und die Zielgruppe schwer zu erreichen. Wichtig sind Angebote in der Muttersprache.
Cornelia Lins hat die Ergebnisse aus der Bestandsaufnahme zu dem Projekt Bennohaus Münster vorgestellt, da die Mitarbeiterin des Bennohauses verhindert war. Das im Jahr 2005 abgeschlossene Modellprojekt heißt vollständig: Senioren: Medien-Migration-Integration-Partizipation. Gefördert wurde es vom Ministerium für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie des Landes NRW und der Stadt Münster. Insgesamt gab es vier Kooperationspartnerinnen und -partner sowie 13 Migrantenselbstorganisationen mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund. Die Zielsetzung des Projekts war, mit Hilfe der Neuen Medien und den Möglichkeiten des Bürgerfernsehens und des Bürgerfunks ausländische Seniorinnen und Senioren anzuregen, ihre kulturelle Identität neu zu entdecken und öffentlich darzustellen. Neben der Vermittlung von Medienkompetenzen wurde auch die Ziele der Integration und Partizipation verfolgt. Erreicht wurden ältere Migrantinnen und Migranten aus der Türkei, Griechenland, Spanien, Portugal, Polen und der ehemaligen Sowjetunion.
Barrieren wurden in mangelnden deutschen Sprachkenntnissen und auch bei Lese- und Schreibfähigkeiten in der Muttersprache gesehen. Auch die ökonomische Lage und die Erreichbarkeit der Zielgruppe sind aufgrund der soziokulturellen Situation schwierig. Das Bennohaus Münster hat in diesem Projekt entsprechend reagiert und kostenlose sowie zweisprachige Schulungskonzepte angeboten. Um die Zweisprachigkeit anbieten zu können, wurde auch generationsübergreifend gearbeitet. Ein spezielles Angebot für Frauen wurde zudem auf Wunsch der Frauen entwickelt und angeboten.
Die Vernetzung von Vereinen und Institutionen in Münster konnte außerdem durch die Erstellung einer Internetplattform realisiert werden.
Bei der Evaluation wurden Erfolgsfaktoren und Barrieren herausgearbeitet, die auf weitere Projekte übertragbar sind. Die aufsuchende interkulturelle Bildungsarbeit ist ein Erfolgsfaktor, durch den die Ansprache über die Migrantenselbstorganisationen erreicht wurde. Zu berücksichtigen ist, dass der zeitliche Aufwand für die Kontaktaufnahme sehr hoch ist. Weitere Erfolgsfaktoren sind die Netzwerkarbeit mit Einbezug der Migrantinnen und Migranten in der Projektentwicklung und -planung, ein zweisprachiges Schulungsangebot, ein spezielles Angebot für Frauen sowie eine Anpassung der Inhalte und Methoden an die Zielgruppe.
Schwierig war das Finden von muttersprachigen Trainerinnen und Trainern. Dies kann durch die Einbindung von Migrantenselbstorganisationen erleichtert werden. Ein weiteres Problem war, dass die Migrantenselbstorganisationen häufig nicht sehr gut mit Computer und Internet ausgestattet waren.
Gesammelte Schlagworte an den Stellwänden:
Motive
- „Mehrgenerationsnutzen“ in Generationshäusern von Migrantinnen und Migranten - ein Anschluss für alle
- Information
- Kommunikation mit dem Herkunftsland
- Musik aus dem Herkunftsland
- Senkung der technischen Barrieren durch „Online-Shops“
- Web 2.0, nicht nur E-Mail als Kommunikation: Videotreffen in Herkunftsland
- Ergänzung: Treffen über Online-Shops Ruhrgebiet, Köln, Bonn
- Abhängig von Ausstattung im Heimatland, hoher Nutzen
Nutzen
- Beispiel Aussiedlerinen und Aussiedler: Kohortenspezifische Suche nach Bil-dungsangeboten im Netz, Nutzen erkannt
Hemmnisse
- Kohortenspezifisch: mangelnde (Mutter-)Sprachkompetenzen
- Kohortenspezifisch: mangelnde Beschulung, lange bildungsfreie Zeiten
- Ökonomische Situation: Anschaffungskosten zu hoch
- Technikanforderung als hohe Barriere verträgt keine weitere Anforderungser-höhung durch Sprache
Handlungsbedarf
- Service über Hotlines, Berücksichtigung der schwächeren Deutschkenntnisse
Diskussionsergebnisse zu den Leitfragen:
1. Welchen Nutzen hat das Internet für diese spezielle Gruppe mit Migrationshintergrund?
Da viele Migrantinnen und Migranten in Mehrpersonenhaushalten leben, ist ein Zugang zu Computer und Internet für viele möglich.
Das Interesse der Älteren bei der Internetnutzung liegt im Vergleich zu den Jüngeren eher in der Information als in der Kommunikation. Neuere Formen der Kommunikation über Web 2.0 Anwendungen werden eher selten genutzt.
Für diejenigen, die aus rechtlichen Gründen den Ort und das Land nicht verlassen dürfen, ist das Internet die einzig mögliche Form der Kommunikation mit der Familie oder mit Freundinnen und Freunden. Häufig werden dann auch Videokonferenzen abgehalten, vorausgesetzt es gibt eine entsprechende Ausstattung (im Heimatland). Hier zeigt sich:
- Wenn der individuelle Nutzen sehr hoch eingeschätzt wird, dann wird die Angst vor der Technik, die häufig bei Älteren als Barriere gesehen wird, überwunden.
Internetcafés spielen in Großstädten eine wichtige Rolle. Die Internetcafés (z. B. in Köln oder Bonn) sind häufig Orte einer bestimmten Migrationsgruppe mit der Möglichkeit, billig ins Herkunftsland zu telefonieren, häufig auch über das Internet. Dort befinden sich häufig auch Menschen, die schlechte Deutschkenntnisse haben und daher in den auf der Fachtagung vorgestellten Studien gar nicht erscheinen, da sie über deutschsprachige Befragungen nicht erreicht werden. Offen bleibt, ob auch Frauen in den Internetcafés zu finden sind.
Regionale Unterschiede beziehen sich nicht nur auf Stadt und Land, sondern sind auch im Bezug auf die Neuen Bundesländer zu sehen.
In der Diskussion wurde deutlich, wie heterogen die Gruppe der Älteren ist und damit wie unterschiedlich die Motive der Nutzung sind.
2. Welche Erkenntnisse über spezifische Merkmale der Nutzung, Nicht-Nutzung und –art der Nutzung liegen vor
3. Welche Hemmnisse oder Barrieren lassen sich für diese Gruppe identifizieren?
Die Fragen 2 und 3 wurden zusammen beantwortet. In der Diskussion wurden verschiedene Motive der Zielgruppe diskutiert. Bei den Aussiedlerinnen und Aussiedlern wurde die Suche nach Bildungsangeboten beobachtet. Das Beispiel „Homebanking“ wurde diskutiert. Dies wird auch von vielen einheimischen Älteren nicht genutzt, da sie lieber den direkten sozialen Kontakt suchen. Einige Migrantinnen und Migranten haben kaum Kenntnisse vom deutschen Bankwesen und würden aus diesem Grund kein Online-Banking nutzen. Die Interessen und Bedürfnisse der älteren Migrantinnen und Migranten müssten noch näher erforscht werden. Musik, Informationen oder Produkte des Heimatlandes wurden als Stichworte genannt.
Die Hemmnisse für den Erwerb von Online-Kompetenz werden zum einen in der kohorten-spezifischen Bildungsferne gesehen, die häufig begründet ist durch eine kurze Schulzeit und eine lange bildungsfreie Zeit. Aus diesem Grund sind auch die Lese- und Schreibkompetenzen in der Muttersprache eher schlecht. Auch mangelnde deutsche Sprachkompetenzen sind bei Älteren zu verzeichnen und nehmen im Rentenalter sogar weiter ab, etwa durch fehlende Kontakte zu Einheimischen. Gleichzeitig verträgt die Technik keine zusätzlichen weiteren Anforderungen durch Sprache.
4. Worin besteht der Handlungsbedarf für diese Gruppe und wie können gezielte Maßnahmen aussehen?
Die Diskussion zeigte, dass es für die Konzeption von Maßnahmen vorab nötig ist, die jeweilige Zielgruppe unter den älteren Migrantinnen und Migranten zu definieren. Dabei sind folgende Kriterien zu berücksichtigen: Herkunft, deutsche und muttersprachliche Kompetenzen, Lernbiografien und ökonomische Situation. Wichtig ist dabei auch, zu erforschen, worin der individuelle oder auch ein gemeinschaftlicher Nutzen für die Zielgruppe besteht.
Dabei sollte das Internet als Chance betrachtet werden, beispielsweise für die Wiederaufnahme von Bildung oder aber zur Kommunikation zum Herkunftsland.
6. Thesen des Workshops
1. Die jeweiligen Zielgruppen unter den älteren Migrantinnen und Migranten müssen genauer definiert werden, bezogen auf die (Mutter-)Sprachkompetenz, ökonomische Situation, Lernbiographie.
2. Internet als Chance der Wiederaufnahme von Bildung, Kommunikation zum Herkunftsland
7. Downloads
Thematische Einführung WS-Leiste 1 [386,60 kB | pdf]
WS Ältere: Ergebnis [373,81 kB | pdf]
WS Ältere: Enste [328,15 kB | pdf]
WS Ältere: Lins [505,55 kB | pdf]
Frauen und Männer in Erwerbsarbeit und Familie
Für den intensiven fachlichen Austausch zu Einzelaspekten der Bestandsaufnahme wurden zwei Workshoprunden durchgeführt. In jeder Workshoprunde fanden vier Workshops mit bis zu 15 geladenen Expertinnen und Experten parallel statt. Für die erste Workshoprunde bildeten die klassischen Merkmale der digitalen Spaltung „Alter und Geschlecht“ die Ausgangspunkte. Für alle Workshops bildete die Genderperspektive eine wichtige Grundlage. Im Abschlussplenum wurden die Ergebnisse aus den Workshops zusammengeführt und diskutiert.
1. Teilnehmerinnen und Teilnehmer
- Gundel Hessemer
- Oliver Hinkelbein (Leitung)
- Dayna Hirst
- Wolfgang Kirst (Leitung)
- Christiane Lembert-Dobler
- Patrick Melzer
- Isabel Merchan
- Loay Mudhoon
- Cemalettin Özer
- Tülay Polat
- C. Rhode
- Dr. Susanne Schnorr-Bäcker
- Stephan Stötzler-Nottrodt
- Manfred Wittmann
2. Ergebnisse der Bestandsaufnahme
Im Rahmen des Projektes wird eine Bestandsaufnahme von Primär- und Sekundärstudien zur Online-Kompetenz von Migrantinnen und Migranten durchgeführt. Ausgangspunkt sind die vom Statistischen Bundesamt im Mikrozensus 2005 vorgelegte Definition von „Migrationshintergrund“ und der nationale Integrationsplan, der in den neuen Medien Computer und Internet erhebliche Potenziale für die Integration sieht. Die Bestandsaufnahme umfasst neben den Ergebnissen der Internet-, Migrations- und Medienforschung auch eine Übersicht der Internetportale für Migrantinnen und Migranten sowie Beispiele guter Praxis.
Digitale Integration in der Migrationsforschung
In der Informationsgesellschaft Deutschland gibt es eine digitale Spaltung, die entlang der demografischen Merkmale Bildung, Geschlecht, Alter und Einkommen verläuft. Oliver Hinkelbein (2007:94) erweitert diese um die Merkmale "kulturelle Herkunft" und "Sprachfähigkeit", die den Stand der Deutschkenntnisse kennzeichnet. Nach Hinkelbein nehmen Migrantinnen und Migranten zurzeit nur unzureichend an der Informationsgesellschaft teil.
Deutschland sei ein digitales Entwicklungsland, was die Integration von Migrantinnen und Migranten betrifft (Hinkelbein 2004: 9ff.). Es fehle an quantitativen und qualitativen Erkenntnissen zur Internetnutzung und an entsprechenden Politikstrategien. Verglichen mit klassischen Einwanderungsländern fehlt in Deutschland ein breites und sprachlich vielfältiges Medienangebot für Migrantinnen und Migranten, das ihre Lebenswelten repräsentiert. Dies trifft insbesondere für Institutionen des Staates zu, die kaum mehrsprachige Informationen zu ihren Angeboten und Leistungen auf ihren Websites haben. Wenn mehr Migrantinnen und Migranten mit E-Government-Angeboten erreicht werden sollen, so müsse auf die spezifischen Bedürfnisse der verschiedenen Gruppen eingegangen werden.
Barrieren der Internetnutzung
Aus den Erfahrungen verschiedener Projekte werden drei Barrieren für die Internetnutzung von Migrantinnen und Migranten als wesentlich erkannt.
- fehlende Medienkompetenz
- geringe deutsche Sprachkompetenz
- die Nichtberücksichtigung spezifischer Bedürfnisse der Menschen mit Migrationshintergrund bei den angebotenen Maßnahmen
Medienkompetenz ist eine zentrale Grundlage zur Integration in die Informationsgesellschaft. Viele Migrantinnen und Migranten waren und sind in Arbeitsfeldern tätig, in denen digitale Medien entweder keine oder nur eine geringe Rolle spielen, so dass sie darüber kaum Möglichkeiten haben und hatten, sich Medienkompetenzen anzueignen (Hinkelbein 2007: 95).
Geringe deutsche Sprachkompetenz spielt auf der Ebene der Inhalte und deren Vermittlung eine Rolle (Hinkelbein 2007: 94).Um spezifische Zugangsbarrieren identifizieren zu können, ist es nötig, die Lebenswelten der betroffenen Menschen zu kennen. Hier bedarf es weiterer Forschung.
Die Herkunft der Menschen lässt nicht auf eine Milieuzugehörigkeit und umgekehrt auch eine Milieuzugehörigkeit nicht auf die Herkunft schließen, so das zentrale Ergebnis der Sinus-Studie „Migranten in Deutschland“ von Sinus Sociovision. Das legt den Schluss nah, dass nicht die kulturelle Herkunft, sondern das Milieu über die Internetnutzung entscheidet. Die Sinus-Studie „Migranten in Deutschland“ ist eine repräsentative, qualitative Vorstudie. Darin enthalten sind einige Ergebnisse zur Mediennutzung sowie Ausstattung der Migranten mit Computer und Internet. Ergebnissse der neuen Sinus-Milieustudie "Lebenswelten von Migranten" wurden im Dezember 2008 vorgestellt.
Mediennutzung von Erwachsenen
Mit zunehmendem Alter nimmt die Internetnutzung ab. Zu diesem Ergebnis kommt die achte Mehrthemenbefragung von der Stiftung Zentrum für Türkeistudien, die im Auftrag des Ministeriums für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen durchgeführt wurde. In der achten Mehrthemenbefragung wurden 1.000 türkeistämmige Migrantinnen und Migranten in Nordrhein-Westfalen gefragt:
- „Über welche der folgenden deutschen/türkischen Medien informieren Sie sich hauptsächlich?“
Die Frage bezieht sich erstens nur auf die Informationsfunktion der Medien und schließt kommunikative Motive aus. Zweitens wird durch die Frage eine Priorisierung bei der Informationsbeschaffung der Medien angeregt. Im Folgenden wird auch hier das Wort Internetnutzung gewählt, aber mit dem Wissen, dass Internetnutzung mehr als Informationsnutzung beinhaltet.
- Deutschsprachige Internetangebote werden von 29,9 Prozent der türkischstämmigen Bevölkerung genutzt und liegen mit 5 Prozentpunkten vor der Nutzung von türkischen Internetangeboten (24,9 Prozent).
- Von 2001 bis 2006 ist die Nutzung der deutschsprachigen Internetangebote für Informationen von 13,3 Prozent auf 29,9 Prozent gestiegen, die Nutzung der türkischen Angebote von 7,1 bis 24, 9 Prozent.
- Das Internet ist nach Fernsehen und Tageszeitung das drittwichtigste Informationsmedium, egal ob es sich um die Nutzung deutscher oder türkischer Medien handelt. Das Internet hat im Zeitvergleich (2001 – 2006) das Radio als drittstärkstes Medium abgelöst.
- Von 2005 auf 2006 gab es eine enorme Zuwachsrate von 9,9 Prozentpunkten sowohl bei den deutschen als auch den türkischen Internetangeboten.
Die Stiftung Zentrum für Türkeistudien hat für die Bestandsaufnahme eine zusätzliche Auswertung für die Internetnutzung nach soziodemografischen Angaben für das Jahr 2005 und 2006 erstellt. (siehe Abbildung 1)
- Das Internet wird zur Information mehr von Männern als von Frauen genutzt (Differenz 5 PP deutschsprachiges Angebot, 4,2 PP bei türkischem Angebot).
-
Mit zunehmendem Alter nimmt die Internetnutzung ab.
Von den 18 – 29-Jährigen nutzen 49,1 Prozent deutschsprachige und 39,4 Prozent türkischsprachige Angebote als Informationsmedium, bei den 30 – 44-Jährigen sind es noch 30,5 Prozent des deutschsprachigen Angebots und der Wert halbiert sich bei den bis 59 Jährigen auf 16,4 Prozent.
Die Gruppe der 60plus nutzt das deutsche Internet nur noch zu 1,9 Prozent und das türkische zu 1 Prozent. In der Gruppe der Älteren gab es eine Abnahme der Nutzung von 3,1 bzw. 4 PP im Vergleich von 2005 und 2006. -
Je höher der Bildungsabschluss, desto höher liegt die Internetnutzung. Wer keinen Schulabschluss besitzt, informiert sich zu 5,8 Prozent auf deutschsprachigen und zu 9,3 Prozent auf türkischen Internetseiten.
Dagegen liegen die Zahlen der Menschen mit Abitur bei 71,4 Prozent (deutsches Internet) und 60,7 Prozent (türkisches Internet). Schülerinnen und Schüler nutzen das Internet zu 84,2 Prozent . - Je besser die Deutschkenntnisse, desto höher liegt der Anteil derjenigen, der das Internet zur Information nutzt. Werden die Deutschkenntnisse als sehr und eher gut eingestuft, so wird das deutschsprachige Internet von 43,7 Prozent für Informationen aufgesucht, sind sie eher schlecht, so sind es nur noch 5,8 Prozent.
Internetnutzung der Deutschtürkinnen und –türken nach soziodemografischen Merkmalen. Internetnutzung türkischstämmiger Migrantinnen und Migranten in NRW 2006 und 2005 in Prozent
Die hohe Zuwachsrate von 9,9 Prozentpunkten von 2005 zu 2006 ist durch Zuwächse in folgenden Gruppen zustande gekommen:
- Die höchsten Steigerungsraten liegen in den beiden Altersgruppen 18 bis 29 (15,8 PP türkisches Internet) und 30 bis 44 Jahre und bei Frauen (10,7 PP türkisches Internet), bei solchen Befragten, die noch Schüler oder Schülerinnen sind (16 PP deutsches Internet)
- Bei den Schulabschlüssen ist die höchste Steigerungsrate mit 31,7 PP (deutsches Internet) bei der Fachschule und dem Fachabitur zu verzeichnen, gefolgt von Lise mit 25,5 PP. Dagegen gab es beim Ortaokul eine Abnahme von minus 8,2 PP
Die hohe Zuwachsrate bei der Internetnutzung der türkischstämmigen Bevölkerung ist möglicherweise als Nachholbedarf zu sehen, weil sie noch auf einem niedrigeren Niveau liegen als die Einheimischen, so eine Erklärung von Dr. Sauer von der Stiftung Zentrum für Türkeistudien. „Generell hat natürlich das Angebot von Portalen für Migranten in Deutschland in den letzten Jahren zugenommen, darüber hinaus nimmt der Bildungsstand zu und möglicherweise hat auch die Verbreitung von Computern und Internetanschlüssen in den Haushalten zugenommen“ sind weitere Erklärungen.
Geschlechtsspezifische Unterschiede
Nach den Untersuchungen vom Zentrum für Türkeistudien wird das Internet eher von Männern als von Frauen für die Informationsbeschaffung genutzt.
Fazit: In der Migrationsforschung liegt der Schwerpunkt bei den Jugendlichen und hier insbesondere bei Hauptschülerinnen und Hauptschülern. Untersuchungen zu Erwachsenen und Älteren finden sich kaum. Die meist untersuchte Bevölkerungsgruppe ist die der türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten. Die Expertinnen und Experten haben als Merkmale der digitalen Spaltung
- die Bildung
- das Geschlecht und
- das Alter
ausgemacht. Weitere Barrieren sind
- die deutsche Sprachkompetenz und
- die Nichtberücksichtigung von Lebenslagen der Migrantinnen und Migranten.
Migrantinnen und Migranten im Erwachsenenalter
Dem Erwachsenenalter widmet sich eine Studie zu türkischen jungen Erwachsenen (vgl. Westdeutscher Rundfunk 2006). Im Vergleich zu den Jüngeren, nutzen die ab 20-Jährigen das Internet vor allem zur Information und gehen bei der Suche sehr gezielt vor. Deutschsprachige Seiten werden häufiger aufgrund der mangelnden Lese- und Schreibkompetenz in der Muttersprache aufgesucht (Westdeutscher Rundfunk 2006: 11). Die in Deutschland gut integrierten 30 - 49-Jährigen lesen im Internet hauptsächlich türkische Zeitungen, die im Handel nicht erhältlich sind. Ansonsten weisen sie eine klassische Mediennutzung auf; morgens wird Radio gehört und die Tageszeitung gelesen und abends fern gesehen. Nach dieser Studie könnte die These lauten:
- Mit zunehmendem Alter erhöht sich die Bedeutung des Internet als Informationsquelle und die Bedeutung der Kommunikation nimmt ab.
Die folgenden Ergebnisse stammen aus den Untersuchungen des Projekts „Politisches Potenzial des Internet“ der Universität Münster. Die befragten Gruppen der türkischstämmigen und postsowjetischen Migrantinnen und Migranten verfügen über eine hohe Internetaffinität (90 bis 94,1 Prozent sind täglich online).
In der türkischen Gruppe der Befragten ist der Bildungsgrad sehr hoch, der Frauenanteil liegt bei knapp einem Viertel. Bei den Befragten mit postsowjetischem Migrationshintergrund ist das Geschlechterverhältnis ausgeglichen. Das Durchschnittsalter liegt bei 35,9 (türkische Gruppe) und 35,8 Jahren (postsowjetische Gruppe).
Für politische Themen wird das Internet immer wichtiger, dagegen müssen traditionelle Medien einen Bedeutungsverlust als Informationsquelle für politische Informationen hinnehmen. Das Internet dient als Ausgleich zu den „informationellen Defiziten“ der offline angebotenen Massenmedien (Kissau 2008: 5).
Migrantinnen und Migranten sehen sich in den Massenmedien in der Häufigkeit und in der Darstellung schlecht vertreten. Die Besonderheit des Internet wird von den Migrantinnen und Migranten darin gesehen, dass dort Themen angeboten werden, die sie besonders interessieren.
Das Internet als Gestaltungs- und Diskursraum stellt für die Migrantinnen und Migranten eine virtuelle Heimat dar. Hier wird der Migrationshintergrund zu einem verbindenden Element, da der Migrationshintergrund in der ethnischen Gemeinschaft positiv besetzt ist. Das Internet wird zu einem identitätsstiftenden Raum, der die Möglichkeit bietet, eine Vielzahl von Öffentlichkeiten mit vielen kulturellen Ausdrucksformen zu kreieren (Kissau 2008: 6f.).
Websiteangebote von Parteien, Behörden und Regierung: Wie die Studie „E-Commerce“ kommen auch die Untersuchungen des Projekts „Politisches Potenzial des Internet“ zu dem Ergebnis, dass Informationsangebote von Parteien, Behörden und der Regierung bei den postsowjetischen und den türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten eine geringe Relevanz haben. Dass Projekt stellt die These auf, dass die Migrantinnen und Migranten keine Zielgruppe der politischen Akteurinnen und Akteure sind und sie von deren Onlineangeboten nicht angesprochen fühlen (Kissau 2008: 4). Die E-Commerce-Studie sieht die schwer verständliche Fachsprache als Hemmnis an, die nicht nur für Menschen mit geringen deutschen Sprachkenntnissen, sondern auch, unabhängig eines Migrationshintergrundes, für Menschen, die über gute deutsche Sprachkenntnisse verfügen, ein Problem darstellen.
Sprachverwendung im Internet: Viele Migrantinnen und Migranten sind mehrsprachig und setzen dieses Potenzial entsprechend ein. Dabei ist eine Hinwendung zur deutschen Sprache im Internet zu erkennen, wobei auch die Herkunftssprachen auf den Websites zu finden sind. Dies entspricht einem Trend, der auch bei der Verwendung von klassischen Medien in der zweiten und dritten Generation von Migrantinnen und Migranten zu beobachten ist.
Bei den Angeboten für postsowjetische Migrantinnen und Migranten ist der Anteil der verwendeten russischen Sprache höher im Vergleich zur deutschen Sprache.
Bei der türkischen Community überwiegen die Angebote in deutscher Sprache. Interessant ist das Ergebnis, dass türkischstämmige Migrantinnen und Migranten online häufiger deutsch verwenden als offline, sei es im Alltagsgeschehen oder bei politischen Gesprächen (Kissau 2008: 6).
Kommunikation: Bei den Gesprächspartnerinnen und –partnern im sozialen Raum Internet gibt es bei Personen mit türkischstämmigem und postsowjetischem Migrationshintergrund unterschiedliche Präferenzen.
Türkische Migrantinnen und Migranten kommunizieren am häufigsten mit anderen Personen mit türkischem Migrationshintergrund (59 Prozent), dann mit Personen ohne Migrationshintergrund (52 Prozent) und erst an dritter Stelle mit Personen aus der Türkei (41 Prozent).
An erster Stelle stehen bei den postsowjetischen Migrantinnen und Migranten auch Personen mit gleichem Migrationshintergrund (57 Prozent). Doch an zweiter Stelle folgen hier Diskussionspartner und -partnerinnen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion (56 Prozent) und an dritter Stelle folgt die Kommunikation mit Einheimischen (34 Prozent).
Interesse an Themen: Bei den Themen interessieren sich die türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten am meisten für „Migration und Integration“ (29,3 Prozent). Dieses Thema steht für die Menschen mit postsowjetischem Migrationshintergrund erst an vierter Stelle. Für sie ist das Thema "Internationale Beziehungen" mit 46,6 Prozent am wichtigsten.
Themeninteressen von türkischen und postsowjetischen Migrantinnen und Migranten
Politische Partizipation: Das Internet wird von den Migrantinnen und Migranten für den politischen Austausch, zur Meinungsbildung und zur politischen Partizipation genutzt.
68,2 Prozent der türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten haben an einer Unterschriftenaktion und 65,9 Prozent an einer Online-Demo oder einem Abstimmungsverfahren teilgenommen (Kissau 2008).
Die postsowjetischen Migrantinnen und Migranten nahmen zu 46,6 Prozent an einer Online-Abstimmung teil und haben sich mit 35,8 Prozent einer Online-Petition angeschlossen. 61 Prozent der postsowjetischen Migrantinnen und Migranten sind auf den Ebenen „Informationen“, „Diskussion“ und „Partizipation“ aktiv (Kissau 2007).
Ergebnisse aus der Migrations- und Medienforschung
Ungeklärt ist die Frage, ob die kulturelle Herkunft ein Merkmal der digitalen Spaltung ist. Sicher ist jedoch, dass Bildung, Alter und Geschlecht auch bei der migrantischen Bevölkerung Merkmale sind, die erheblichen Einfluss nehmen auf die Nutzung bzw. Nichtnutzung des Internet.
Weitere Barrieren für die Internetnutzung von Migrantinnen und Migranten sind
- mangelnde Medienkompetenzen
- mangelnde deutsche Sprachkompetenzen und die
- Nichtberücksichtigung der spezifischen Bedürfnisse von Menschen mit Migrationshintergrund.
Geschlechtsspezifische Unterschiede bestehen beim Zugang, bei der Nutzungsintensität, bei der Zuschreibung eigener Technikkompetenzen, bei der Wahl von alternativen Zugängen und auch bei den Interessen.
Das Internet stellt für die Migrantinnen und Migranten und auch für die Aufnahmegesellschaft enorme Potenziale dar. Es ist ein Gestaltungsraum, in dem mit Gleichgesinnten über Themen gesprochen und diskutiert wird, die insbesondere Migrantinnen und Migranten interessieren und in den Massenmedien keinen Eingang finden. Gleichzeitig stellt das Internet eine virtuelle Heimat dar, in der der Migrationshintergrund ein verbindendes Element ist und die Möglichkeit bietet, eine Vielzahl von Öffentlichkeiten mit vielen kulturellen Ausdrucksformen zu kreieren.
Die Funktion der Identitätsbildung ist nicht nur für Jugendliche wichtig, sondern kann unabhängig vom Alter für alle Menschen mit Migrationshintergrund übertragen werden. Wie das Beispiel der deutschtürkischen Migrantinnen und Migranten zeigt, ist der virtuelle Raum ein Medium zur Gestaltung einer selbstbewussten deutschtürkischen Identität, der sich entwickelt und ein Teil der öffentlichen Meinungsbildung in Deutschland darstellt (Kissau 2008: 9).
3. Präsentation Oliver Hinkelbein
4. Präsentation Wolfgang Kirst
5. Ergebnisbericht
Der Workshop wurde von Herrn Oliver Hinkelbein und Herrn Wolfgang Kirst geleitet, die aufgrund ihrer Expertise zu diesem Thema ausgewählt wurden. Sie führten in die Themenstellung ein. Anschließend folgte die Diskussion anhand der Leitfragen sowie die Formulierung von Thesen, die im Abschlussplenum vorgestellt wurden.
Oliver Hinkelbein bezeichnet das Thema "Digitale Integration" als Black Box. Die digitale Spaltung existiere weiterhin; die Marginalisierung einzelner Gruppen nehme im Informationszeitalter zu. Digitale Kompetenzen entscheiden zunehmend über sozio-kulturelle, politische und ökonomische Partizipation. Zu den ausgrenzenden Kategorien zählen Alter, Geschlecht, Bildung, ökonomische Stellung, soziale Herkunft, kulturelle Herkunft, Sprachfähigkeiten und Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben. Hierbei sind laut Hinkelbein die Sprachfähigkeit und die Kulturtechniken von besonderer Bedeutung.
Hinkelbein bezeichnet die digitale Integration als eine notwendige politische Strategie, um Wege aus dem gesellschaftlichen und beruflichen Abseits aufzuzeige, in der Hoffnung, dass sie auf allen Ebenen die Nutzung fördern soll. Sie beinhaltet alle Praktiken von Personen, Nicht-Regierungsorganisationen und staatlichen Einrichtungen, die darauf abzielen, digitale Kompetenzen zu vermitteln. Digitale Kompetenz umfasst zum einen das Einschätzungsvermögen, wo und wie sich Informationen finden lassen sowie die Fähigkeit, den Nutzen von Informationen erschließen zu können. Zum anderen ist die Kompetenz gemeint, die Qualität von Informationen einordnen und interpretieren zu können. Nicht zuletzt beinhaltet der Begriff die Befähigung, bestehende Ressourcen im eigenen Umfeld mit dem Werkzeug IKT zu erschließen und sich über Entwicklungen im Lebensumfeld informieren zu können.
In seinem Vortrag stellte Wolfgang Kirst hat das Projekt „buerger-gehen-online – Mit Bürgerengagement zu mehr Medienkompetenz“ vorgestellt. In diesem Projekt wurden bestehende PC-Räume für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht und neue Räume geschaffen. Zentraler Bestandteil des Projekts ist der Einsatz von ehrenamtlich tätigen Mentorinnen und Mentoren. Diese begleiten und unterstützen die Neulinge beim Einstieg in die Nutzung des Internet und stehen als Ansprechpartnerinnen und -partner zur Verfügung. Sie ermutigen zum "ausprobieren" und "selber machen" am Computer und fördern damit selbst organisiertes und selbst gestaltetes Lernen interessierter Bürgerinnen und Bürger. Insgesamt existieren 20 Zugangsorte für unterschiedliche Zielgruppen mit rund 90 ehrenamtlichen Mentorinnen und Mentoren, die im gesamten Stadtgebiet verteilt sind. Die Mentorinnen und Mentoren haben teilweise einen Migrationshintergrund, die Tendenz ist hierbei steigend.
Für Personen mit Migrationshintergrund existieren innerhalb des Projektes „buerger-gehen-online“ Unterprojekte. Dazu zählen die „Internationale Gruppe“ im Referat für Migration und Integration, das Projekt „Chancen“, ein Integrationskurs für Frauen mit Computerqualifizierung oder auch die Erstellung eines Kochbuchs für das internationale Frauenkaffee. An Eltern richten sich die Angebote der PC-Nutzung während der muttersprachlichen Beratung im Mütterzentrum und das Projekt „Internet? – aber sicher! Reinwachsen ins Medienzeitalter“, welches die Sensibilisierung von Eltern zu Chancen und Risiken beinhaltet. Das Projekt „Zweisprachige PC-Lotsen“ ist für mehrsprachige Jugendliche gedacht, die auf eine Mentorentätigkeit an den PC-Zugangsorten vorbereitet werden sollen, um als Brückenbauer fungieren zu können.
Die Erfahrungen des Projekts zeigen, dass ein großes Potenzial an bürgerschaftlich Engagierten existiert. Sie bringen sich gerne in unterschiedlichste Bildungsangebote mit Migrantinnen und Migranten ein. Als ein Erfolgsfaktor konnte die „Geselligkeit“ bei den offenen Treffen ausgemacht werden. Transparenz in den Angeboten senkt die Zugangsbarrieren. Manch guter Einfall ist plötzlich und zufällig entstanden.
Es wurde aber auch festgestellt, dass gute Ansätze verschwinden, weil Finanzmittel aufgrund von Projektbeendigung oder Kürzungen fehlen oder weil sich der rechtliche Rahmen ändert. Außerdem müssen Vernetzungsmöglichkeiten von muttersprachlichen Angeboten zu anderen Angeboten gefunden werden.
Gesammelte Schlagworte auf den Stellwänden:
- „Basisfähigkeiten“ - Zugang zu diesen Techniken erleichtern und Wissen über Nutzen
- Chancen und Risiken transparent
- Definition von „eindeutigen“ Zielgruppen
- (Kurs-)Angebote, die auf berufliche Anforderungen vorbereiten
- Bedarfserfassung und Orientierung
- Spezielle Zugangsmöglichkeiten und Angebote mit internetfernen Gruppen entwickeln, die an ihren Interessen ansetzen, verknüpft mit öffentlichem Interesse.
Diskussionsergebnisse zu den Leitfragen:
1. Welchen Nutzen hat das Internet für diese spezielle Gruppe mit Migrationshintergrund?
Umfangreiche digitale Kompetenzen erhöhen Arbeitsplatzchancen auch in weniger qualifizierten Betätigungsfeldern, erweitern die Nutzungsmöglichkeiten staatlicher und privater Dienstleistungen, schaffen Chancengleichheit in der Ausbildung, tragen zur Medienerziehung in der Familie bei und vergrößern die Teilhabe am soziokulturellen und politischen Leben.
2. Welche Erkenntnisse über spezifische Merkmale der Nutzung, Nicht-Nutzung und –art der Nutzung liegen vor?
In der Diskussion wurde ein Projektbeispiel genannt, welches sehr offen war, da es keinen bestimmten Inhalt hatte und jeder Teilnehmer seinen spezifischen Inhalt selbst bestimmen konnte. Dieses Angebot hatte jedoch kein dauerhaftes Potenzial, da es nicht gut angenommen wurde: insbesondere bildungsferne Personen konnten nicht einbezogen werden.
Bestehende Angebote werden oftmals nicht von bildungsfernen Personen genutzt; es existiert ein Kreis von Personen der sich dagegen verwehrt. In der Diskussion wurde hinterfragt, ob Online-Kompetenz für alle sinnvoll ist. Kinder vermitteln häufig ihren Eltern Wissen über das Internet und stärken somit ihre Online-Kompetenz.
Es existieren Kursangebote, die von bildungsfernen Personen mit Migrationshintergrund angenommen werden. In der Diskussion wurde ein Beispiel genannt, in dem Frauen mit Migrationshintergrund das Internet über Suchmaschinen nähergebracht wurde. Hier konnten die Teilnehmerinnen nach persönlich relevanten Themen recherchieren und sie anschließend in der Gruppe diskutieren, ohne sich über die eigene Situation in Bezug auf dieses Thema auslassen zu müssen. Damit Internetkurse wahrgenommen werden, sollten spezifische Interessen mit dem Internet verknüpft werden.
Der Frauenanteil ist in Projekten, die die Online-Kompetenz fördern, wesentlich höher als der Anteil an Männern. Warum dies so ist und wie auch Männer mit Migrationshintergrund erreicht werden können, blieb offen.
3. Welche Hemmnisse oder Barrieren lassen sich für diese Gruppe identifizieren?
Die Zielgruppe Frauen und Männer in Erwerbsarbeit und Familie ist sehr heterogen und umfasst insgesamt eine große Anzahl von Personen. Aus diesem Grund ist es schwierig für diese Gruppe ein konkretes Konzept für Internetkurse zu entwickeln. In bestimmten Berufsgruppen ist Online-Kompetenz im Berufsleben nicht nötig. Daher besteht hier wenig Eigeninteresse, diese zu erwerben. Ein gewisses Eigeninteresse ist aber notwendig für die Motivation, an Internetkursen teilzunehmen.
Zu den Barrieren digitaler Integration zählen auf der einen Seite geringe Lese- und Schreibkompetenz und mangelnde sprachliche Fähigkeiten, schlechte Erfahrungen mit „Integrationsangeboten“ sowie andere Schwerpunkte im Lebensalltag, insbesondere bei bildungsfernen Personen. Auf der anderen Seite sind die Nichtberücksichtigung spezifischer Bedürfnisse von Personen mit Migrationshintergrund und schlechte Kenntnisse der Lebenswelten von Migrantinnen und Migranten hinderlich.
4. Worin besteht der Handlungsbedarf für diese Gruppe und wie können gezielte Maßnahmen aussehen?
Bei Kursangeboten sollten die Interessen der bildungsfernen Personen berücksichtigt werden. Dazu müssen die Interessen von bildungsfernen Personen recherchiert und innerhalb der Gruppe der Frauen und Männer im Erwachsenenalter noch einmal einzelne Zielgruppen definiert werden, um auf ihre individuellen Bedürfnisse eingehen zu können.
Zusätzlich sollte insbesondere mehr qualitative Forschung zur Identifizierung von Zugangsbarrieren betrieben werden. Der Bottom-up-Ansatz, der die Beteiligten auf allen Ebenen des Entscheidungsfindungsprozesses mit einbindet, sollte bei der Erstellung von Kursangeboten zum Einsatz kommen. Der Zugang und das Wissen um die Nutzung des Internet sollte in den Kursangeboten vermittelt werden. Außerdem sollte die Technik als ein Alltagsmittel angesehen werden, aber zusätzlich müssten die Risiken des Internet aufgezeigt werden, denn es benötigt viel Übung, das Gute vom Schlechten trennen zu können. Dabei sollte jede Bürgerin und jeder Bürger die Möglichkeit haben, Kompetenzen zu erwerben.
Die Kurse sollten nicht nur in Schulen etc. angeboten werden, sondern an informelleren Orten, die z. B. auch in der Freizeit gerne besucht werden. Bildungsferne Personen könnten möglicherweise durch Institutionen, an denen sie negative Erfahrungen gemacht haben, abgeschreckt werden und dort angesiedelte Kursangebote ablehnen.
Außerdem sollten Migrantenselbstorganisationen bei der Erstellung von Kursangeboten einebezogen werden.
6. Thesen des Workshops
Zwei Fragen kristallisierten sich heraus:
- „Wer braucht denn eigentlich was?“
- „Welche speziellen Zielgruppen und Bedürfnisse existieren?“
Spezielle Zugangsmöglichkeiten und Angebote sollten gemeinsam mit internetfernen Gruppen entwickelt werden. Wie kann man diesen Gruppen spezielle Zugangsmöglichkeiten eröffnen? Dabei sollten die Interessen dieser Gruppe als Orientierung verwendet werden. Zielgruppen müssen hier noch einmal eindeutiger definiert werden, da die Gruppe der bildungsfernen Personen keine eindeutige Zielgruppe darstellt. Zielgruppen müssen bekannt sein, wenn spezielle Zugangmöglichkeiten entwickelt werden sollen.
7. Downloads
Thematische Einführung WS-Leiste 1 [386,60 kB | pdf]
WS Erwachsene: Ergebnis [357,31 kB | pdf]
WS Erwachsene: Hinkelbein [434,18 kB | pdf]
WS Erwachsene: Kirst [3,16 MB | pdf]
Mädchen und Frauen
Für den intensiven fachlichen Austausch zu Einzelaspekten der Bestandsaufnahme wurden zwei Workshoprunden durchgeführt. In jeder Workshoprunde fanden vier Workshops mit bis zu 15 geladenen Expertinnen und Experten parallel statt. Für die erste Workshoprunde bildeten die klassischen Merkmale der digitalen Spaltung „Alter und Geschlecht“ die Ausgangspunkte. Für alle Workshops bildete die Genderperspektive eine wichtige Grundlage. Im Abschlussplenum wurden die Ergebnisse aus den Workshops zusammengeführt und diskutiert.
1. Teilnehmerinnen und Teilnehmer
- Handan Aksünger
- Prof. Dr. Ursula Boos-Nünning
- Dr. Ines Braune
- Claudia Camp von der Gathen
- Melanie Dombek
- Prof. Dr. Maisha M. Eggers
- Virginia Wangare Greiner
- Angelika Heßling
- Ute Kempf
- Dr. Martina Seveker
- Prof. Dr. Annette Treibel-Illian (Leitung)
- Birsen Ürek (Leitung)
2. Ergebnisse der Bestandsaufnahme
Im Rahmen des Projektes wird eine Bestandsaufnahme von Primär- und Sekundärstudien zur Online-Kompetenz von Migrantinnen und Migranten durchgeführt. Ausgangspunkt sind die vom Statistischen Bundesamt im Mikrozensus 2005 vorgelegte Definition von „Migrationshintergrund“ und der nationale Integrationsplan, der in den neuen Medien Computer und Internet erhebliche Potenziale für die Integration sieht. Die Bestandsaufnahme umfasst neben den Ergebnissen der Internet-, Migrations- und Medienforschung auch eine Übersicht der Internetportale für Migrantinnen und Migranten sowie Beispiele guter Praxis.
Digitale Integration in der Migrationsforschung
In der Informationsgesellschaft Deutschland gibt es eine digitale Spaltung, die entlang der demografischen Merkmale Bildung, Geschlecht, Alter und Einkommen verläuft. Oliver Hinkelbein (2007:94) erweitert diese um die Merkmale "kulturelle Herkunft" und "Sprachfähigkeit", die den Stand der Deutschkenntnisse kennzeichnet. Nach Hinkelbein nehmen Migrantinnen und Migranten zurzeit nur unzureichend an der Informationsgesellschaft teil.
Deutschland sei ein digitales Entwicklungsland, was die Integration von Migrantinnen und Migranten betrifft (Hinkelbein 2004: 9ff.). Es fehle an quantitativen und qualitativen Erkenntnissen zur Internetnutzung und an entsprechenden Politikstrategien. Verglichen mit klassischen Einwanderungsländern fehlt in Deutschland ein breites und sprachlich vielfältiges Medienangebot für Migrantinnen und Migranten, das ihre Lebenswelten repräsentiert. Dies trifft insbesondere für Institutionen des Staates zu, die kaum mehrsprachige Informationen zu ihren Angeboten und Leistungen auf ihren Websites haben. Wenn mehr Migrantinnen und Migranten mit E-Government-Angeboten erreicht werden sollen, so müsse auf die spezifischen Bedürfnisse der verschiedenen Gruppen eingegangen werden.
Barrieren der Internetnutzung
Aus den Erfahrungen verschiedener Projekte werden drei Barrieren für die Internetnutzung von Migrantinnen und Migranten als wesentlich erkannt:
- fehlende Medienkompetenz
- geringe deutsche Sprachkompetenz
- die Nichtberücksichtigung spezifischer Bedürfnisse der Menschen mit Migrationshintergrund bei den angebotenen Maßnahmen
Medienkompetenz ist eine zentrale Grundlage zur Integration in die Inormationsgesellschaft. Viele Migrantinnen und Migranten waren und sind in Arbeitsfeldern tätig, in denen digitale Medien entweder keine oder nur eine geringe Rolle spielen, so dass sie darüber keine Möglichkeit haben und hatten, sich Medienkompetenzen anzueignen (Hinkelbein 2007: 95).
Mangelnde deutsche Sprachkompetenzen spielen auf den Ebenen der Inhalte und deren Vermittlung eine Rolle (Hinkelbein 2007: 94). Um spezifische Zugangsbarrieren identifizieren zu können, ist es nötig, die Lebenswelten der betroffenen Menschen zu kennen. Hier bedarf es weiterer Forschung.
Die Herkunft der Menschen lässt nicht auf eine Milieuzugehörigkeit und umgekehrt auch eine Milieuzugehörigkeit nicht auf die Herkunft schließen, so das zentrale Ergebnis der Sinus-Studie „Migranten in Deutschland“ von Sinus Sociovision. Das legt den Schluss nah, dass nicht die kulturelle Herkunft, sondern das Milieu über die Internetnutzung entscheidet. Die Sinus-Studie „Migranten in Deutschland“ ist eine repräsentative, qualitative Vorstudie. Darin enthalten sind einige Ergebnisse zur Mediennutzung sowie Ausstattung der Migranten mit Computer und Internet. Ergebnissse der neuen Sinus-Milieustudie "Lebenswelten von Migranten" wurden im Dezember 2008 vorgestellt.
Geschlechtsspezifische Unterschiede
In den Studien zu Jugendlichen mit Migrationshintergrund wurde der Genderaspekt berücksichtigt und Unterschiede in der Ausstattung, bei den Zugängen, bei den genutzten Anwendungen herausgearbeitet. Außerdem wurde festgestellt, dass die subjektive Selbsteinschätzung der Medienkompetenz bei Mädchen signifikant negativer ist als bei Jungen (Billes-Gerhart 2003: 6). Nach den Untersuchungen vom Zentrum für Türkeistudien wird das Internet für die Informationsbeschaffung mehr von Männern als von Frauen genutzt. Ein weiteres Ergebnis zu älteren Migrantinnen greift die Frage auf, wie sollten Maßnahmen aussehen, die auf die Lebensbedingungen der älteren Frauen abgestimmt sind.
Ältere Migrantinnen: Ellerbrock hat die Lebensbedingungen von älteren türkischstämmigen Frauen analysiert und Handlungsempfehlungen für Angebote mit älteren Migrantinnen entwickelt. Sinnvoll sind Angebote von Frauen für Frauen. Die Maßnahmen sollten generationsübergreifend, themenorientiert und Kultur angemessen konzipiert sein und Angebote in der Muttersprache einschließen. Bei dem Aspekt Zeit, sollte berücksichtigt werden, dass Frauen unabhängig vom Alter für die Familienarbeit verantwortlich sind. Hier bieten sich Angebote ohne zeitliche Befristung an in Form eines ständigen Treffpunkts. Familienarbeit heißt auch, dass Kinder oder Enkelkinder von den Frauen betreut werden. Außerdem sollte auf die Erreichbarkeit der Angebote durch öffentliche Verkehrsmittel beachtet werden (Ellerbrock 2003).
Fazit: In der Migrationsforschung liegt der Schwerpunkt bei den Jugendlichen und hier insbesondere bei Hauptschülerinnen und Hauptschülern. Untersuchungen zu Erwachsenen und Älteren finden sich kaum. Die meist untersuchte Bevölkerungsgruppe ist die der türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten. Die Expertinnen und Experten haben als Merkmale der digitalen Spaltung
- die Bildung
- das Geschlecht und
- das Alter
ausgemacht. Weitere Barrieren sind
- die deutsche Sprachkompetenz und die
- Nichtberücksichtigung von Lebenslagen der Migrantinnen und Migranten.
Migrantinnen und Migranten in der Medienforschung
Geschlechtsspezifische Unterschiede bestehen bei Computer und Internet bei den Vorerfahrungen, beim Zugang zum Computer und bei der eigenen Einschätzung der Computer- und Technikkompetenz sowie bei der Anwendung der Kompetenzen. Diese beginnen, wie wir gesehen haben, schon in der Grundschule und wirken auch im späteren Lebensalter.
Es gibt Unterschiede bei der Nutzungsintensität. Mädchen sind zu 80 Prozent und Jungen zu 85 Prozent täglich oder mehrmals in der Woche im Netz (vgl. JIM 2007).
Bei den Anwendungen gibt es auch Präferenzen. Mädchen nutzen stärker die kommunikativen Anwendungen und der Anteil der Jungen ist bei den Spielen höher.
Viele Erkenntnisse über geschlechtsspezifische Unterschiede bei Migrantinnen und Migranten liegen hauptsächlich für Mädchen und Jungen vor.
- Beim Zugang zu Computer und Internet besitzen Mädchen mit Migrationshintergrund schlechtere Zugangsmöglichkeiten (vgl. Theunert 2007).
- Beide Geschlechter haben geringere Zugangsmöglichkeiten zum Internet, wenn sie eine geringere Schullaufbahn einschlagen.
Bei der Erschließung alternativer Zugänge gibt es unterschiedliche Präferenzen.
- Mädchen finden diese in Institutionen (Schulen, Moscheen) oder im Familienumfeld.
- Jungen suchen öffentliche Räume (Internetcafes) oder Jugendzentren auf oder gehen zu Freunden (Theunert 2007: 10f.).
Bei der Vorbereitung von Maßnahmen sollten geschlechtsspezifische Aspekte berücksichtigt werden. Auch die Bereitstellung reiner Frauenangebote erscheinen sinnvoll und ist von einigen Frauen erwünscht.
Fazit: Bei der Betrachtung der Forschungslage in der Medienforschung fällt insgesamt auf, dass es einige Studien zu der Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund gibt. Schlechter sieht die Lage bei Erwachsenen oder Älteren aus. Bei den Untersuchungen zur Herkunft überwiegen die Studien zur Internetnutzung türkischer Migrantinnen und Migranten. Danach folgen meist Untersuchungen für Personen mit postsowjetischem Migrationshintergrund. Für viele weitere Gruppen gibt es keine Untersuchungen.
Ergebnisse aus der Migrations- und Medienforschung
Ungeklärt ist die Frage, ob die kulturelle Herkunft ein Merkmal der digitalen Spaltung ist. Sicher ist jedoch, dass Bildung, Alter und Geschlecht auch bei der migrantischen Bevölkerung Merkmale sind, die erheblichen Einfluss nehmen auf die Nutzung bzw. Nichtnutzung des Internet.
Weitere Barrieren für die Internetnutzung von Migrantinnen und Migranten sind:
- mangelnde Medienkompetenzen
- mangelnde deutsche Sprachkompetenzen und die
- Nichtberücksichtigung der spezifischen Bedürfnisse von Menschen mit Migrationshintergrund.
Geschlechtsspezifische Unterschiede bestehen beim
- Zugang
- bei der Nutzungsintensität
- bei der Zuschreibung eigener Technikkompetenzen
- bei der Wahl von alternativen Zugängen und auch
- bei den Interessen
Das Internet stellt für die Migrantinnen und Migranten und auch für die Aufnahmegesellschaft enorme Potenziale dar. Es ist ein Gestaltungsraum, in dem mit Gleichgesinnten über Themen gesprochen und diskutiert wird, die insbesondere Migrantinnen und Migranten interessieren und in den Massenmedien keinen Eingang finden. Gleichzeitig stellt das Internet eine virtuelle Heimat dar, in der der Migrationshintergrund ein verbindendes Element ist und die Möglichkeit bietet, eine Vielzahl von Öffentlichkeiten mit vielen kulturellen Ausdrucksformen zu kreieren.
Die Funktion der Identitätsbildung ist nicht nur für Jugendliche wichtig, sondern kann unabhängig vom Alter für alle Menschen mit Migrationshintergrund übertragen werden. Wie das Beispiel der deutschtürkischen Migrantinnen und Migranten zeigt, ist der virtuelle Raum ein Medium zur Gestaltung einer selbstbewussten deutschtürkischen Identität, der sich entwickelt und ein Teil der öffentlichen Meinungsbildung in Deutschland darstellt (Kissau 2008: 9).
3. Präsentation Birsen Ürek
4. Ergebnisbericht
Der Workshop wurde von Frau Prof. Dr. Annette Treibel-Illian und Frau Birsen Ürek geleitet, die aufgrund ihrer Expertise zu diesem Thema ausgewählt wurden. Sie führten jeweils mit einem Input in die Themenstellung ein. Anschließend erfolgte die Diskussion unter Berücksichtigung der Leitfragen sowie die Formulierung von Thesen, die im Abschlussplenum vorgestellt wurden.
Frau Prof. Dr. Treibel-Illian stieg mit einer Diskussionsführung anhand von Karten in die Arbeit des Workshops ein.
Birsen Ürek stellt die Arbeit des Begegnungs- und Fortbildungszentrums muslimischer Frauen (BFMF) e.V. mit Sitz in Köln vor. Zielgruppe sind Mädchen und Frauen mit Migrationshintergrund und die Vermittlung von Medienkompetenz, die zur Partizipation und Integration in Schule, Beruf und Gesellschaft wichtig ist, steht im Vordergrund der Arbeit.
Angebote
Das BFMF bietet bedarfsorientierte Angebote wie Einführung in den Umgang mit PC, Office-Software, Internet- und E-Mail-Nutzung, Lernsoftware, Online-Lernprogramme, Spiele, Schreibmaschinen- und Bewerbungstraining. Diese Inhalte werden in unterschiedlichen Formaten wie EDV-Kursen, Integrationskursen oder im Internet-Café angeboten.
Zielgruppe
Die Mädchen und Frauen, die Angebote des BFMF nutzen, haben zur Hälfte einen niedrigen Bildungsstand, zu je einem Viertel einen mittleren bzw. hohen Bildungsstand. Die Besucherinnen sind zu 40 Prozent Türkinnen, zu je 20 Prozent Araberinnen, Deutsche und Angehörige anderer Ethnien. Jährlich nehmen ca. 150 Frauen an den Angeboten teil, Kurse werden in Deutsch und Türkisch angeboten. Die meisten Besucherinnen sind zwischen 20 und 35 Jahre alt.
Motivation
Die Teilnehmerinnen wollen sicher und unabhängig PC und Internet nutzen können, Briefe und E-Mails verfassen, Online-Lernprogramme z. B. für Mathematik nutzen, Präsentationen erstellen und Informationen recherchieren. Insbesondere wollen Mütter mit ihren schulpflichtigen Kindern mithalten, um sie zu unterstützen und zugleich in Bezug auf Internetinhalte die Kontrolle zu behalten.
Internetnutzung
Das Internet zur Recherche zu nutzen ist für die Frauen ein wichtiges Anliegen. Gesucht werden Informationen zu Aus- und Weiterbildung, zu Berufen und Arbeitsstellen, zu Wohnungen und Hobbys. Einbürgerungsformulare, Führerscheinstelle, Eignungstests sind weitere Themen, nach denen recherchiert wird. Informationen über Kultur, Religion und Politik werden ebenfalls gesucht.
Infrastruktur
Das BFMF gilt als zielgruppen- und bedarfsorientiert mit seinen Bildungs- und Beratungsangeboten. Es strahlt eine freundlich-warme Atmosphäre aus, es gewährleistet Kinderbetreuung parallel zu den Angeboten, es gibt für Interessierte offene Türen und ein Begegnungscafé sowie qualifizierte Mitarbeiterinnen mit ähnlichem kulturellen Hintergrund. Barrieren: Fehlende Kontinuität des Angebots, veraltete technische Ausstattung des Anbieters sowie die Kosten der Kurse stellen Hemmnisse für die Frauen dar, die Angebote wahrzunehmen.
Gesammelte Schlagworte auf den Stellwänden:
- Ertrag der Ressource Internet für Mädchen und Frauen ist offen.
- Das Internet als Qualifizierungshebel für Mädchen?
- Angebote mit und für Migrantinnen
Diskussionsergebnisse zu den Leitfragen:
Zunächst wurde sehr grundsätzlich diskutiert.
- Über welche Migrantinnen wird eigentlich gesprochen?
- Welche Kategorien sind relevant?
- Migrantin – und was noch?
- Die Fragen nach Ethnie, Geschlecht, Alter, Schichtzugehörigkeit, Religion, Stadt/Land, Gesundheit müssen aus dem Blickwinkel der Betroffenen betrachtet und in die Analyse miteinbezogen werden.
Kritisch hinterfragt wurde auch die Zielsetzung der Fachtagung.
- Wie sieht Online-Kompetenz aus?
- Online-Kompetenz – wofür?
- Wo sind die Orte des Kompetenzerwerbs?
Es bestand keine Einigkeit darüber, ob die Internetnutzung per se sinnvoll ist oder ob nicht immer zugleich auch der Blick auf die Inhalte gerichtet werden muss. Als Afrikanerin, die das Internet sehr viel nutzt, besteht eine doppelte, symbolische Vereinnahmung durch das Internet:
- Es wird angenommen, dass der Nutzer weiß und männlich ist.
Es wird ein Wahrnehmungsfilter von außen übergestülpt. Es wurde konstatiert, dass Mädchen nicht schlecht aufgestellt sind. Es bestehe allerdings ein Gefälle zwischen schulischem und nachschulischem Bereich. Die Hartnäckigkeit des Geschlechterungleichgewichts zeige sich vor allem im nachschulischen Bereich. Es wurde auf Untersuchungen von Mona Granato verwiesen.
1. Welchen Nutzen hat das Internet für diese spezielle Gruppe mit Migrationshintergrund?
Brauchen sie das Internet überhaupt? Die Diskussion wird häufig unter der Prämisse "je mehr Internet, desto gebildeter" geführt: Stimmt sie eigentlich?
2. Welche Erkenntnisse über spezifische Merkmale der Nutzung, Nicht-Nutzung und –art der Nutzung liegen vor?
Mädchen und Frauen nutzen PC und Internet häufig zielgerichteter als ihre männlichen Pendants. "Mädchen machen, Jungen schwätzen." Sie gehen ernsthafter, konzentrierter und weniger spielerisch an das Medium heran. Sie nutzen Internet & PC eher für Schule und Beruf, sodass hier großes Qualifizierungspotenzial besteht. Karriere sei allerdings für viele Mädchen ein Schimpfwort. Mädchen und Frauen interessieren sich besonders für Themen Liebe, Sexualität und Verhütung. Bei der Internetnutzung müssen die Risiken mitbedacht werden. Insbesondere Mütter haben dafür einen Blick. Die Nutzung unterscheidet sich sehr stark nach den Altersgruppen. Zu 70 Prozent haben Mädchen das Internet zu Hause zur Verfügung.
3. Welche Hemmnisse oder Barrieren lassen sich für diese Gruppe identifizieren?
Fehlende Medienkompetenz, fehlender Zugang zu PC und Internet.
4. Worin besteht der Handlungsbedarf für diese Gruppe und wie können gezielte Maßnah-men aussehen?
Wie müssen Online-Informationen für Mädchen aufbereitet werden? Die kulturellen Hintergründe müssen berücksichtigt werden, Angebote müssen kultursensibel aufbereitet werden. Gezielte Maßnahmen müssen unter Einbeziehung der Zielgruppe entwickelt werden: Es muss Kontakt zu den Mädchen hergestellt werden, die Vereine und Verbände, die im direkten Kontakt zur Zielgruppe stehen, sollen einbezogen werden. Welche weiteren Zugangsmöglichkeiten außerhalb der Schule sind für Mädchen relevant? Spezielle Zugangsorte sollten geschaffen werden.
5. Thesen des Workshops
- Der Ertrag, den das Internet für Mädchen und Frauen bietet, muss noch herausgefunden werden.
- Angebote müssen in erster Linie mit der Zielgruppe eruiert werden.
- Das Internet kann als Qualifizierungshebel für Mädchen eingesetzt werden, wenn es darum geht, Bildungserfolge zu erzielen.
6. Downloads
Thematische Einführung WS-Leiste 1 [386,60 kB | pdf]
WS Frauen und Mädchen: Ergebnis [346,99 kB | pdf]
WS Frauen und Mädchen: Ürek [217,52 kB | pdf]
Türkinnen und Türken in Deutschland
Für den intensiven fachlichen Austausch zu Einzelaspekten der Bestandsaufnahme wurden zwei Workshoprunden durchgeführt. In jeder Workshoprunde fanden vier Workshops mit bis zu 15 geladenen Expertinnen und Experten parallel statt. Für die zweite Workshoprunde war die Herkunft Ausgangspunkt der Fragestellung. Für alle Workshops bildete die Genderperspektive eine wichtige Grundlage. Im Abschlussplenum wurden die Ergebnisse aus den Workshops zusammengeführt und diskutiert.
1. Teilnehmerinnen und Teilnehmer
- Handan Aksünger
- Dr. Kemal Bozay
- Beatrix Heilmann
- Angelika Heßling
- Wolfgang Kirst
- Bettina Kloppig
- Ilkay Koparan
- Holger Kruse
- Isabel Merchan
- Tülay Polat
- Daniel Poli
- Nina Reining
- Kirsten Schellack
- Dr. Martina Sauer (Leitung)
- Erk Simon (Leitung)
- Prof. Dr. Annette Treibel-Illian
- Birsen Ürek
- Hakan Uzun
- Hans Weißmann
- Dr. Andreas Wojcik
2. Ergebnisse der Bestandsaufnahme
Im Rahmen des Projektes wird eine Bestandsaufnahme von Primär- und Sekundärstudien zur Online-Kompetenz von Migrantinnen und Migranten durchgeführt. Ausgangspunkt sind die vom Statistischen Bundesamt im Mikrozensus 2005 vorgelegte Definition von „Migrationshintergrund“ und der nationale Integrationsplan, der in den neuen Medien Computer und Internet erhebliche Potenziale für die Integration sieht. Die Bestandsaufnahme umfasst neben den Ergebnissen der Internet-, Migrations- und Medienforschung auch eine Übersicht der Internetportale für Migrantinnen und Migranten sowie Beispiele guter Praxis.
Migrationshintergrund und ethnisch-kulturelle Prägung bzw. Zugehörigkeit
- Internetangebote für Migrantinnen und Migranten
Internet – ein Raum für Diskurse
Bei vielen Migrantinnen und Migranten besteht der Wunsch nach Anerkennung und einer angemessenen Repräsentanz in den Massenmedien. Da aber die Berichterstattung gefühlt oder real diesem Wunsch nicht entspricht, wird das Internet als Diskursraum genutzt, um sich gegen das negative Bild der Migrantinnen und Migranten in den deutschen Massenmedien zu wehren und eine Gegenöffentlichkeit herzustellen.
Die Berichterstattungen in den Massenmedien werden kritisch verfolgt und zwischen den Mitgliedern der Communities diskutiert. Gleichzeitig ist das Internet ein Raum, wo sich Gleichgesinnte auf gleicher Höhe austauschen und diskutieren können.
Androutsopoulus (2005) prägt den Begriff der hybriden Diskursräume, in denen ein Dialog zwischen den Kulturen stattfindet. Die kulturelle Identität ist nicht abgrenzbar zwischen Herkunfts- und Aufenthaltsland, sondern ist in einem ständigen Dialog zwischen den beiden Kulturen zu verstehen, der im Rahmen einer Spannung zwischen der Bewahrung der ethnischen Identität und der Aneignung der Aufnahmekultur stattfindet.
Auch Hugger (2007: 173) thematisiert in seinen Arbeiten die hybride Identität, die als eine Möglichkeit des Auslebens von Mehrfachidentitäten gesehen wird.
Das Aushandeln der gemachten Erfahrungen als Migrantin oder Migrant im virtuellen Raum führt nach Goel (2007) zu einer erhöhten Handlungsfähigkeit.
Eine weitere Ebene der Auseinandersetzung in den Communities bezieht sich nicht nur auf das „wir“ und den „Deutschen“, sondern bezieht sich auch auf die heterogene Zusammensetzung der verschiedenen Individuen in den ethnischen Gruppen. Die Gegenöffentlichkeit versteht sich nicht als eine Form der Abgrenzung, sondern ist in der Vielfältigkeit von Öffentlichkeiten zu sehen. Außerdem werden in der Diskussion von Migrantinnen und Migranten mit Menschen ohne Migrationshintergrund Potenziale gesehen, gegenseitige Vorurteile abzubauen (Murt 2007).
Weiterhin ist es auch ein virtueller Raum, in denen Menschen ohne Migrationshintergrund teilnehmen, z.B. als Interessierte an der Kultur. Dies ist deutlich am Portal Theinder.net zu beobachten, wo mittlerweile 40 Prozent der User Menschen ohne Migrationshintergrund sind.
Für die deutschtürkische Gruppe ist der virtuelle Raum ein Medium zur Gestaltung einer selbstbewussten deutschtürkischen Identität, der sich entwickelt und ein Teil der öffentlichen Meinungsbildung in Deutschland darstellt (Kissau 2008: 9).
Virtuelle Räume befriedigen soziale Bedürfnisse
Immer mehr Migrantenselbstorganisationen weiten ihre Aktivitäten auf das Internet aus. Dadurch werden ihre Anliegen nicht nur für Migrantinnen und Migranten öffentlich gemacht, sondern sie werden auch in die deutsche Öffentlichkeit getragen. Im Internet etablieren sich neben den Migrantenselbstorganisationen neue Formen der Vernetzung. In sogenannten Online-Vereinen sind zum Teil mehr registrierte Mitglieder als durchschnittlich in den klassischen Vereinen der Migrantenselbstorganisationen. Beispielsweise hat das Portal Bizimalem 470.000 registrierte Mitglieder .
Die Besonderheit der Online-Vereine liegt darin, dass sie soziale Bedürfnisse ihrer Mitglieder online lösen. Das Internet schafft so neue virtuelle Räume für flexible, vielleicht auch flüchtige, neue Gefüge von Gemeinschaften (Kissau 2008).
Wer steckt hinter den Ethnoportalen?
Nach den Ergebnissen der Studien zum „Politischen Potenzial des Internet“ (PPI) werden die Webportale für Migrantinnen und Migranten sehr häufig von Vereinen und nicht kommerziellen Organisationen oder von Einzelpersonen betrieben.
Bemerkenswert bei der türkischen Community ist, obwohl sie über einen hohen Organisationsgrad in den Migrantenselbstorganisationen verfügen, werden mehr Angebote von Einzelpersonen als von Vereinen bereitgestellt (vgl. Kissau 2007, 2008; Murt 2007).
Das Potenzial für politische Partizipation
Das Internet hat für politische Informationen eine zentrale Rolle eingenommen, die mit einem Bedeutungsverlust für die klassischen Massenmedien einhergeht. Gleichzeitig hat das Internet zu einer generellen Mobilisierung der türkischstämmigen und auch für einen Teil der postsowjetischen Migrantinnen und Migranten geführt. Dies zeigt sich, dass durch die Nutzung des Internet auch offline eine stärkere Auseinandersetzung mit politischen Themen stattfindet (Kissau 2008, 2007).
Aksünger hebt auch die politische Partizipation und die Erweiterung der kulturellen Vielfalt, die sie als Ressource für Deutschland betrachtet, als Potenzial der ethnischen Internetangebote hervor. Weiteres Potenzial sieht sie in der Integration und in der Stärkung des bürgerschaftlichen und ehrenamtlichen Engagements.
Internetnutzung und Migrationshintergrund
Aus den Erfahrungen verschiedener Projekte hat Hinkelbein drei Barrieren für die Internetnutzung von Migrantinnen und Migranten als wesentlich erkannt. Es sind:
- mangelnde Medienkompetenzen sowie
- deutsche Sprachkompetenzen und die
- Nichtberücksichtigung spezifischer Bedürfnisse der Menschen mit Migrationshintergrund bei den angebotenen Maßnahmen und Internetangeboten
Medienkompetenz ist eine zentrale Grundlage zur Integration in die Informationsgesellschaft. Viele Migrantinnen und Migranten waren und sind in Arbeitsfeldern tätig, in denen digitale Medien entweder keine oder nur eine geringe Rolle spielen, so dass sie kaum Möglichkeiten haben und hatten, sich Medienkompetenzen anzueignen (Hinkelbein 2007: 95).
Geringe deutsche Sprachkompetenzen spielen auf den Ebenen der Inhalte und deren Vermittlung eine Rolle (Hinkelbein 2007: 94).
Um spezifische Zugangsbarrieren identifizieren zu können, ist es nötig, die Lebenswelten der betroffenen Menschen zu kennen. Hier bedarf es mehr Forschungen.
Wird auf die spezifischen Bedürfnisse der Menschen mit Migrationshintergrund eingegangen, so müssten auf jeden Fall Internetkursangebote für Menschen mit geringen oder keinen Deutschkenntnissen angeboten werden und mehr fremdsprachige Internetangebote im Rahmen von eGovernment-Maßnahmen zur Verfügung stehen.
Hinkelbein hat verschiedene Projekte analysiert. Ein Best-Practice ist das Projekt „buerger-gehen-online“ der Stadt Esslingen, das PC-Treffpunkte an öffentlich zugänglichen Orten zur Verfügung stellt. Ausgebildete Mentorinnen und Mentoren bieten bei Bedarf Unterstützung beim Erwerb von Medienkompetenzen an. Es gibt vielfältige Angebote, darunter auch zielgruppenspezifische Kursangebote mit muttersprachlicher Unterstützung und computergestützte Sprachkurse.
Nicht die kulturelle Herkunft, sondern das Milieu entscheidet über Internetnutzung: Hinkelbein hat die These aufgesellt, dass die kulturelle Herkunft ein Merkmal der digitalen Spaltung darstellt, wenn er auch zu Recht auf die Heterogenität der Gruppe hinweist und auch die ökonomische Situation als Merkmal der digitalen Spaltung ansieht.
Einen ganz anderen Hinweis liefert die Sinus-Studie „Migranten in Deutschland“ von Sinus Sociovision. Ein wichtiges Ergebnis der Studie ist, dass die Herkunft nicht auf eine Milieuzughörigkeit und umgekehrt auch eine Milieuzugehörigkeit nicht auf die Herkunft schließen lässt. Das legt den Schluss nah, dass die Internetnutzung eher in den Milieus und nicht in den Ethnien variiert. Dies festzustellen, bleibt weiteren Studien vorbehalten. Die Sinus-Studie „Migranten in Deutschland“ ist eine repräsentative, qualitative Vorstudie. Darin enthalten sind auch Untersuchungen zur Mediennutzung und Ausstattung von Computer und Internet. Die Ergebnisse dieser sind im Dezember 2008 veröffentlicht worden.
Lebenswelten Deutschtürken 2002
Die Studie „Lebenswelten Deutschtürken 2002“ von lab one war lange Zeit die einzige Quelle für die Internetnutzung von türkeistämmigen Migrantinnen und Migranten.
Kernergebnis dieser Studie ist, dass nur 25 Prozent einen Internetzugang haben. Davon nutzen 61,6 Prozent das Internet in deutscher Sprache. „Lebenswelten Deutschtürken 2002“ ist eine Marktstudie und hat Werte, Lebensstile, Einstellungen sowie Konsum- und Mediennutzungsverhalten der Deutschtürkinnen und -türken herausgearbeitet.
Gruppenspezifisch ähnliche Lebenseinstellungen sind zu fünf Gruppen zusammengefasst, die durch unterschiedliche soziale, kulturelle und politische Vorstellungen geprägt sind. Folgende Ergebnisse stammen aus der Studie, die nicht öffentlich zugänglich ist und für die Bestandsaufnahme freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurde (siehe Abbildung 1).
Die Internetnutzung ist unter den Gruppen der Deutschtürkinnen und -türken unterschiedlich ausgeprägt.
- den niedrigsten Internetzugang haben die „Konservativen“ mit 17 Prozent
- den höchsten Wert die „Intellektuellen“ mit 34 Prozent
- den zweithöchsten Wert haben die „Skeptiker“ mit 30 Prozent
- die Gruppe der „Skeptiker“ und die der „Konservativen“ haben gemeinsam, dass die Mitglieder über eine geringe Bildung verfügen. Sie unterscheiden sich aber in ihrer Zusammensetzung beim Geschlecht (Skeptiker 65 Prozent Männer, Konservative 60 Prozent Frauen), in der Altersstruktur und auch im Konsumverhalten.
Abbildung 1:
Lebenswelten Deutschtürken 2002 - Zielgruppensegmente und Internetnutzung
Quelle: Lebenswelten Deutschtürken 2002. Kapitel 1
Die Mediennutzung von türkischen und deutschen Medien hängt von den individuellen Sprachkompetenzen der Migrantinnen und Migranten ab. Die deutsche Sprache stellt einen Hemmnisfaktor dar, wenn sie anspruchsvoll daher kommt. Wenn sie als zu schwierig empfunden wird, dann wird auf Medien mit einfacherer Ansprache oder den Fernseher ausgewichen (Lebenswelten Deutschtürken 2002. Kapitel 1: 16).
Stiftung Zentrum für Türkeistudien
Seit 2001 wird in der im Auftrag des Ministeriums für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen durchgeführten Mehrthemenbefragung die Nutzung deutscher und türkischer Medien erhoben. In der achten Mehrthemenbefragung wurden 1.000 türkeistämmige Migrantinnen und Migranten in Nordrhein-Westfalen gefragt:
- „Über welche der folgenden deutschen/türkischen Medien informieren Sie sich hauptsächlich?“
Die Frage bezieht sich erstens nur auf die Informationsfunktion der Medien und schließt kommunikative Motive aus. Zweitens wird durch die Frage eine Priorisierung bei der Informationsbeschaffung der Medien angeregt. Im Folgenden wird auch hier das Wort Internetnutzung gewählt, aber mit dem Wissen, dass Internetnutzung mehr als Informationsnutzung beinhaltet.
- Deutschsprachige Internetangebote werden von 29,9 Prozent der türkischstämmigen Bevölkerung genutzt und liegen mit 5 Prozentpunkten vor den türkischen Internetangeboten (24,9 Prozent).
- Von 2001 bis 2006 ist die Nutzung der deutschsprachigen Internetangebote für Informationen von 13,3 Prozent auf 29,9 Prozent gestiegen, die Nutzung der türkischen Angebote von 7,1 bis 24, 9 Prozent.
- Das Internet ist nach Fernsehen und Tageszeitung das drittwichtigste Informationsmedium, egal ob es sich um die Nutzung deutscher oder türkischer Medien handelt. Das Internet hat im Zeitvergleich (2001 – 2006) das Radio als drittstärkstes Medium abgelöst.
- Von 2005 auf 2006 gab es eine enorme Zuwachsrate von 9,9 Prozentpunkten sowohl bei den deutschen als auch den türkischen Internetangeboten.
Die Stiftung Zentrum für Türkeistudien hat dankenswerterweise für die Bestandsaufnahme eine zusätzliche Auswertung für die Internetnutzung nach soziodemografischen Angaben für das Jahr 2005 und 2006 erstellt (siehe Abbildung 2).
Abbildung 2:
Internetnutzung der Deutschtürkinnen und –türken nach soziodemografischen Merkmalen. Internetnutzung türkischstämmiger Migrantinnen und Migranten in NRW 2006 und 2005 in Prozent
- Das Internet wird zur Information mehr von Männern als von Frauen genutzt (Differenz 5 PP deutschsprachiges Angebot, 4,2 PP bei türkischem Angebot).
-
Mit zunehmendem Alter nimmt die Internetnutzung ab. Von den 18 – 29-Jährigen nutzen 49,1 Prozent deutschsprachige und 39,4 Prozent türkischsprachige Angebote als Informationsmedium, bei den 30 – 44-Jährigen sind es noch 30,5 Prozent des deutschsprachigen Angebots und der Wert halbiert sich bei den bis 59 Jährigen auf 16,4 Prozent.
Die Gruppe der 60plus nutzt das deutsche Internet nur noch zu 1,9 Prozent und das türkische zu 1 Prozent. In der Gruppe der Älteren gab es eine Abnahme der Nutzung von 3,1 bzw. 4 PP im Vergleich von 2005 und 2006.
- Je höher der Bildungsabschluss, desto höher liegt die Internetnutzung. Wer keinen Schulabschluss besitzt, informiert sich zu 5,8 Prozent auf deutschsprachigen und zu 9,3 Prozent auf türkischen Internetseiten. Dagegen liegen die Zahlen der Menschen mit Abitur bei 71,4 Prozent (deutsches Internet) und 60,7 Prozent (türkisches Internet). Schülerinnen und Schüler nutzen das Internet zu 84,2 Prozent.
- Je besser die Deutschkenntnisse, desto höher liegt der Anteil derjenigen, der das Internet zur Information nutzt. Werden die Deutschkenntnisse als sehr und eher gut eingestuft, so wird das deutschsprachige Internet von 43,7 Prozent für Informationen aufgesucht, sind sie eher schlecht, so sind es nur noch 5,8 Prozent.
Die hohe Zuwachsrate von 9,9 Prozentpunkten von 2005 zu 2006 ist durch Zuwächse in folgenden Gruppen zustande gekommen:
- Die höchsten Steigerungsraten liegen in den beiden Altersgruppen 18 bis 29 (15,8 PP türkisches Internet ) und 30 bis 44 Jahre und bei Frauen (10,7 PP türkisches Internet), bei solchen Befragten, die noch Schüler oder Schülerinnen sind (16 PP deutsches Internet).
- Bei den Schulabschlüssen ist die höchste Steigerungsrate mit 31,7 PP (deutsches Internet) bei der Fachschule und dem Fachabitur zu verzeichnen, gefolgt von Lise mit 25,5 PP. Dagegen gab es beim Ortaokul eine Abnahme von minus 8,2 PP.
- Die hohe Zuwachsrate bei der Internetnutzung der türkischstämmigen Bevölkerung ist möglicherweise als Nachholbedarf zu sehen, weil sie noch auf einem niedrigeren Niveau liegen als die Einheimischen, so eine Erklärung von Dr. Sauer von der Stiftung Zentrum für Türkeistudien. „Generell hat natürlich das Angebot von Portalen für Migranten in Deutschland in den letzten Jahren zugenommen, darüber hinaus nimmt der Bildungsstand zu und möglicherweise hat auch die Verbreitung von Computern und Internetanschlüssen in den Haushalten zugenommen“ sind weitere Erklärungen.
Mediennutzung von Älteren
Im Jahr 2002 wurden im Rahmen einer Studie zur „Erschließung der Seniorenwirtschaft für ältere Migrantinnen und Migranten“ von der Stiftung Zentrum für Türkeistudien Daten zum Computerbesitz von Älteren erhoben. Danach besitzen 33 Prozent der türkeistämmigen Haushalte mit Personen von 55 Jahren und älter einen Computer. Die Jüngeren der 18 bis 54-Jährigen sind dagegen mit 59 Prozent ausgestattet.
Der „hohe Anteil “ der Älteren wird darauf zurückgeführt, dass ältere türkischstämmige Migrantinnen und Migranten vielfach in Mehrgenerationen-Haushalten leben. Es wird jedoch vermutet, dass es zwar einen Zugang zu einem Computer gibt, dieser aber nicht unbedingt von den Älteren genutzt wird und sie somit nicht über eigene Medienerfahrungen und Medienkompetenzen verfügen.
Der fünfte Altenbericht beschreibt die Situation der älteren Migrantenbevölkerung: Ältere Migrantinnen und Migranten der ersten Generation aus den Anwerbeländern gehören zu den bildungsfernen Gruppen und verfügen über mittelmäßige bis schlechte Deutschkenntnisse. Durch die Verrentung nehmen nicht nur die Kontakte zu Einheimischen ab, sondern auch die erworbenen Deutschkenntnisse der Älteren über 64 Jahre (Deutsches Zentrum für Altersfragen o.J.: 2).
Ellerbrock hat die Lebensbedingungen von älteren türkischstämmigen Frauen analysiert und Handlungsempfehlungen für Angebote mit älteren Migrantinnen entwickelt. Sinnvoll sind Angebote von Frauen für Frauen. Die Maßnahmen sollten generationsübergreifend, themenorientiert und Kultur angemessen konzipiert sein und Angebote in der Muttersprache einschließen. Bei dem Aspekt Zeit, sollte berücksichtigt werden, dass Frauen unabhängig vom Alter für die Familienarbeit verantwortlich sind. Hier bieten sich Angebote ohne zeitliche Befristung an in Form eines ständigen Treffpunkts. Familienarbeit heißt auch, dass Kinder oder Enkelkinder von den Frauen betreut werden. Außerdem sollte auf die Erreichbarkeit der Angebote durch öffentliche Verkehrsmittel geachtet werden (Ellerbrock 2003).
Türkischstämmige und postsowjetische Migrantinnen und Migranten
Die folgenden Ergebnisse stammen aus den Untersuchungen aus dem Projekt „Politisches Potenzial des Internet“ der Universität Münster. Dabei ist zu beachten, dass die beiden befragten Gruppen der türkischstämmigen und postsowjetischen Migrantinnen und Migranten über eine hohe Internetaffinität verfügen (90 bis 94,1 Prozent sind täglich online).
In der türkischen Gruppe der Befragten ist der Bildungsgrad sehr hoch , dafür liegt der Frauenanteil bei knapp einem Viertel. Bei den Befragten mit postsowjetischem Migrationshintergrund ist das Geschlechterverhältnis ausgeglichen. Das Durchschnittsalter liegt bei 35,9 (türkische Gruppe) und 35,8 Jahren (postsowjetische Gruppe).
Für politische Themen wird das Internet immer wichtiger, dagegen müssen traditionelle Medien einen Bedeutungsverlust als Informationsquelle für politische Informationen hinnehmen. Das Internet dient als Ausgleich zu den „informationellen Defiziten“ der offline angebotenen Massenmedien (Kissau 2008: 5).
Migrantinnen und Migranten sehen sich in den Massenmedien in der Häufigkeit und in der Darstellung schlecht vertreten. Die Besonderheit des Internet wird von den Migrantinnen und Migranten darin gesehen, dass dort Themen angeboten werden, die besonders Migrantinnen und Migranten interessieren.
Das Internet ist Gestaltungs- und Diskursraum und stellt für die Migrantinnen und Migranten eine virtuelle Heimat dar. In dieser virtuellen Heimat wird der Migrationshintergrund ein verbindendes Element, da im Gegensatz zu der Offline-Welt, der Migrationshintergrund in der ethnischen Gemeinschaft positiv besetzt ist. Das Internet wird zu einem identitätsstiftenden Raum, der die Möglichkeit bietet, eine Vielzahl von Öffentlichkeiten mit vielen kulturellen Ausdrucksformen zu kreieren (Kissau 2008: 6f.).
Websiteangebote von Parteien, Behörden und Regierung: Wie auch die Studie „E-Commerce“ kommen auch die Untersuchungen des Projekts „Politisches Potenzial des Internet“ zu dem Ergebnis, dass Informationsangebote von Parteien, Behörden und der Regierung bei den postsowjetischen und den türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten eine geringe Relevanz haben. Dass Projekt stellt die These auf, dass die Migrantinnen und Migranten keine Zielgruppe der politischen Akteurinnen und Akteure sind und sie von deren Onlineangeboten nicht angesprochen fühlen (Kissau 2008: 4). Die E-Commerce-Studie sieht die schwer verständliche Fachsprache als Hemmnis an, die nicht nur für Menschen mit geringen deutschen Sprachkenntnissen, sondern auch, unabhängig eines Migrationshintergrundes, für Menschen, die über gute deutsche Sprachkenntnisse verfügen, ein Problem darstellen.
Sprachverwendung im Internet: Viele Migrantinnen und Migranten sind mehrsprachig und setzen dieses Potenzial entsprechend ein. Dabei ist eine Hinwendung zur deutschen Sprache im Internet zu erkennen, wobei auch die Herkunftssprachen auf den Websites zu finden sind. Dies entspricht einem Trend, der auch bei der Verwendung von klassischen Medien in der zweiten und dritten Generation von Migrantinnen und Migranten zu beobachten ist. Bei den Angeboten für postsowjetische Migrantinnen und Migranten ist der Anteil der verwendeten russischen Sprache höher im Vergleich zur deutschen Sprache.
Bei der türkischen Community überwiegen die Angebote in deutscher Sprache. Interessant ist das Ergebnis, dass türkischstämmige Migrantinnen und Migranten online häufiger deutsch verwenden als offline, sei es im Alltagsgeschehen oder bei politischen Gesprächen (Kissau 2008: 6) .
Kommunikation: Bei den Gesprächspartnerinnen und –partnern im sozialen Raum Internet gibt es bei Personen mit türkischstämmigem und postsowjetischem Migrationshintergrund unterschiedliche Präferenzen.
Türkische Migrantinnen und Migranten kommunizieren am häufigsten mit anderen Personen mit türkischem Migrationshintergrund (59 Prozent), dann mit Personen ohne Migrationshintergrund (52 Prozent) und erst an dritter Stelle mit Personen aus der Türkei (41 Prozent).
An erster Stelle stehen bei den postsowjetischen Migrantinnen und Migranten auch Personen mit gleichem Migrationshintergrund (57 Prozent). Doch an zweiter Stelle folgen hier Diskussionspartner(innen) aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion (56 Prozent) und an dritter Stelle folgt die Kommunikation mit Einheimischen (34 Prozent).
Themen: Bei den Themen interessieren sich die türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten am meisten für „Migration und Integration“ (29,3 Prozent). Dieses Thema steht für die Menschen mit postsowjetischem Migrationshintergrund erst an vierter Stelle. Für sie ist das Thema "Internationale Beziehungen" mit 46,6 Prozent am wichtigsten (siehe Abbildung 3). Abbildung 3:
Interessensthemen von türkischen und postsowjetischen Migrantinnen und Migranten
Politische Partizipation: Das Internet wird von den Migrantinnen und Migranten für den politischen Austausch, zur Meinungsbildung und zur politischen Partizipation genutzt. Neben der Diskussion haben 68,2 Prozent der türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten an einer Unterschriftenaktion und 65,9 Prozent an einer Online-Demo oder einem Abstimmungsverfahren teilgenommen (Kissau 2008).
Die postsowjetischen Migrantinnen und Migranten nahmen zu 46,6 Prozent an einer Online-Abstimmung teil und haben sich mit 35,8 Prozent einer Online-Petition angeschlossen. 61 Prozent der postsowjetischen Migrantinnen und Migranten sind auf den Ebenen „Informationen“, „Diskussion“ und „Partizipation“ aktiv (Kissau 2007).
Fazit: Das Internet stellt für die Migrantinnen und Migranten und auch für die Aufnahmegesellschaft enorme Potenziale dar. Es ist ein Gestaltungsraum, in dem mit Gleichgesinnten über Themen gesprochen und diskutiert wird, die insbesondere Migrantinnen und Migranten interessieren und in den Massenmedien keinen Eingang finden.
Gleichzeitig stellt das Internet eine virtuelle Heimat dar, in der der Migrationshintergrund ein verbindendes Element ist und die Möglichkeit bietet, eine Vielzahl von Öffentlichkeiten mit vielen kulturellen Ausdrucksformen zu kreieren.
Studien zur Internetnutzung türkischer Migrantinnen und Migranten überwiegen bei Untersuchungen nach Herkunft. Mit Abstand folgt dann die Gruppe der Personen mit postsowjetischem Migrationshintergrund. Für andere Gruppen liegen bis auf die Studie „Migranten und Medien 2007“ keine speziellen Untersuchungen zur Internetnutzung in Deutschland vor. Dort sind Ergebnisse zu italienischen, griechischen, polnischen und ex-jugoslawische Migrantinnen und Migranten zu finden. In der Sekundäranalyse von Billes-Gerhart (2003) stammen 57 Jugendliche aus 18 Nationen: u.a.: türkisch, italienisch, russisch, iranisch, albanisch, kroatisch …
Bei der Gruppe der türkischen Migrantinnen und Migranten sind die klassischen Merkmale der digitalen Spaltung wie Geschlecht, Alter und Bildung wirksam:
- mehr türkische Männer als Frauen, weniger ältere Türkinnen und Türken nutzen das Internet
- je höher der (deutsche oder türkische) Bildungsabschluss, desto stärker wird das Internet genutzt
Als weiteres Merkmal der digitalen Spaltung kommt aber die Kenntnis der deutschen Sprache hinzu:
- je besser die Deutschkenntnisse, desto ausgeprägter die Internetnutzung
Für medienpädagogische Maßnahmen empfiehlt Theunert, Zugänge zu ermöglichen, die auf sozio-kulturelle Milieubedingungen zugeschnitten sind, die unabhängig vom Migrationshintergrund wirksam werden. Damit wird die Defizitperspektive verlassen, um „die Bedeutung transnationaler Kulturmuster und Werthaltungen für den Mediengebrauch sichtbar zu machen“ (Theunert 2007: 18).
Ein Handlungsbedarf besteht in der Forschung und bei integrativen Zugängen, die milieuspezifisch angelegt sind und Geschlechterunterschiede berücksichtigen (Theunert 2007: 17).
3. Präsentation Dr. Martina Sauer
4. Präsentation Erk Simon
5. Ergebnisbericht
Der Workshop wurde von Frau Dr. Martina Sauer und Herrn Erk Simon geleitet, die aufgrund ihrer Expertise zu diesem Thema ausgewählt wurden. Sie führten in die Themenstellung ein. Anschließend erfolgte die Diskussion anhand der Leitfragen sowie die Formulierung von Thesen, die im Abschlussplenum vorgestellt wurden.
Dr. Martina Sauer gibt einen Überblick über die türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten in Deutschland, die die größte Migrationsgruppe in Deutschland darstellen. Dabei geht sie auf den Anteil in der Gesamtbevölkerung ein und stellt Zahlen zu Schulbildung und Deutschkenntnissen vor bevor sie auf die Internetnutzung eingeht.
Die Daten zur Internetnutzung kommen aus der Mehrthemenbefragung, die sich auf türkische Migrantinnen und Migranten in Nordrhein-Westfalen beziehen. Die Nutzung des Internet nach soziodemografischen Merkmalen zeigt, dass männliche türkischstämmige Migranten das Internet mehr nutzen als die weiblichen. Die Nutzung geht mit steigendem Alter zurück. Sie liegt in der Altersgruppe 18 - 29 Jahre bei 52,8 Prozent und sinkt in der Gruppe der über 60-Jährigen auf 1,9 Prozent ab. Schülerinnen und Schüler nutzen das Internet deutlich am häufigsten. Die Nutzung aller Gruppen steigt mit dem Bildungsabschluss. Die Daten zeigen in Hinblick auf die berufliche Stellung, dass mehr als die Hälfte der Angestellten und Selbständigen das Internet nutzen, Arbeiterinnen und Arbeiter nur zu leicht über einem Viertel. Deutschkenntnisse haben Einfluss auf die Internetnutzung:
- Türkischstämmige Migrantinnen und Migranten mit sehr und eher guten aber auch mit mittelmäßige Sprachkenntnisse, besuchen überwiegend deutsche und türkische Internetseiten
- Eher und sehr schlechte Sprachkenntnisse haben zur Folge, dass die Hälfte der Befragten nur türkische Internetseiten besucht, 40 Prozent aber deutsche und türkische Angebote nutzen
Mangelnde deutsche Sprachkenntnisse sind anscheinend kein Grund, nur türkische Internetseiten aufzurufen. Die Internetnutzung von türkischen und deutschen Internetangeboten ist komplementär. Dr. Sauer stellt zahlreiche Forschungslücken fest. Unter anderem zu Motiven, Interessen und Wirkung. Sie plädiert bei der Entwicklung von Maßnahmen das besondere Interesse der Migrantinnen und Migranten sowie die Mischidentitäten zu berücksichtigen.
Erk Simon stellt Ergebnisse aus der WDR-Studie „Zwischen den Kulturen“ (2006) vor, die sich mit der Mediennutzung und Einstellungen junger türkischstämmiger Erwachsener in Nordrhein-Westfalen befasst. Die 30 – 49-Jährigen fühlen sich als „Türken in Deutschland“ recht gut integriert. Gleichzeitig bekennen sie sich zu ihren türkischen Wurzeln und haben eine starke Bindung an die Türkei.
Die jüngeren Befragten (14 - 29 Jahre) sehen sich entschieden als „Türkin“ und „Türken“ und sind stolz darauf. Sie haben nicht den Anspruch, als Deutsche gesehen zu werden. Auch wenn sie die Türkei weniger kennen, definieren sie sich stark über die türkische Kultur sowie über die Religion.
Bemerkenswert ist, dass laut der WDR-Studie Gespräche mit Freundinnen, Freunden und Verwandten hinter dem Fernsehen als die wichtigste Informationsquelle hinsichtlich des aktuellen Geschehens in Deutschland und der Türkei genannt wird. An dritter Stelle folgen Tageszeitungen und schließlich das Internet.
In der Mediennutzung der türkischstämmigen Bevölkerung in Deutschland in Hinblick auf das Fernsehen spiegelt sich die Prägung durch zwei Länder und Kulturen in der Nutzung von deutschem und türkischem Fernsehen wider. Am türkischen Fernsehen wird die Emotionalität geschätzt, die über Spielfilme, und Serien aber auch über Nachrichten und Magazinsendungen vermittelt wird. Türkisches Fernsehen bietet Familienfernsehen im klassischen Sinne: Es thematisiert familiäre Bindungen, betont die Einheit und ermöglicht ein Zusammengehörigkeitsgefühl der Familie vor dem Fernseher. Deutsches Fernsehen steht für Sachlichkeit und Distanz; dies gilt sowohl für Informationsangebote als auch für fiktionale Sendungen. Es gilt als inhaltlich substanzieller und glaubwürdiger.
Gesammelte Schlagworte an den Stellwänden:
Barrieren/Hemmnisse:
- Aufgrund großer Familien immer die Möglichkeit zum Internet keine „natürlichen“ Barrieren
- Ausstattung nicht Hauptproblem
- Bei Jugendlichen hohe Internetkompetenz
- Gleiche Hemmnisse wie bei Menschen ohne Migrationshintergrund - Problem des Bildungssystems/sozioökonomischer Status
Handlungsbedarf
- Eigenethnische Portale einbinden, keine weitere Segregation
- Eigenethnische Portale nicht nur zur Kommunikation, sondern auch Wissen und Transport positiver Vorbilder
- Angebote gehen an Bedarf vorbei
- Interkulturelle Öffnung
- Bedarf bei Migrant(inn)en/Multiplikator(inn)en nachfragen
- Klare Ziele, klare Differenzierung
- Es macht keinen Sinn, alles zu übersetzen
- Mehr Medienexperten mit Migrationshintergrund
- Kompetenz in Internetnutzung besser für Ausbildung und Beruf nutzen
- Zugang für sozial Benachteiligte über Institutionen (Schulen/Organisationen)
- Kompetenz in Schulen stärken, Familien und Kindergarten
- Familien einbeziehen, Erziehungshilfe
Diskussionsergebnisse zu den Leitfragen:
1. Welchen Nutzen hat das Internet für diese spezielle Gruppe mit Migrationshintergrund?
Besonders Jugendliche verfügen über eine hohe Internetkompetenz. Diese Kompetenzen können insbesondere für Ausbildung und Beruf genutzt werden.
2. Welche Erkenntnisse über spezifische Merkmale der Nutzung, Nicht-Nutzung und -art der Nutzung liegen vor?
Türkischstämmige Migrantinnen und Migranten sind in ihrer Mediennutzung komplementär. Deutschsprachige Angebote werden ebenso genutzt wie türkischsprachige, was dem Entwurf der medialen Parallelgesellschaft deutlich widerspricht.
Die Nutzung des Internet steigt stetig, vor allem bei der jüngeren Bevölkerung. In dem Vortag von Dr. Sauer wurde deutlich, dass Geschlecht und Bildungsabschluss eine Rolle beim Nutzungsverhalten spielt. Sie erläuterte kurz das türkische Bildungssystem und wird dabei von Ilkay Koparan ergänzt. Die Schulpflicht in der Türkei ist seit der Erziehungsreform von 1997 von fünf auf acht Jahre erhöht worden, der höchste Abschluss konnte früher bereits nach elf, heute nach zwölf Jahren erreicht werden. Für die Hochschulzugangsberechtigung steht eine gesonderte Prüfung an.
3. Welche Hemmnisse oder Barrieren lassen sich für diese Gruppe identifizieren?
Tülay Polat konstatiert, dass Türkinnen und Türken in Deutschland oftmals in Mehrgenerationenhaushalten leben und somit auch für die Älteren potentiell die Möglichkeit gegeben ist, durch die jüngeren den Zugang zum Internet zu bekommen. Insofern existieren keine „natürlichen“ Barrieren.
Angelika Heßling berichtet von ihrer Erfahrung in der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, dass Menschen aus bildungsfernen Milieus generell sehr schwer zu erreichen seien.
Daniel Poli hält es für problematisch, ein Portal speziell für türkische Jugendliche zu konzipieren. Er betont, dass deutsche Hauptschülerinnen und –schüler die gleichen Probleme haben, wie die türkischen und fordert, entsprechende Angebote an alle Jugendlichen zu wenden, die Probleme im deutschen Bildungssystem haben.
4. Worin besteht der Handlungsbedarf für diese Gruppe und wie können gezielte Maßnahmen aussehen?
Die Menschen, die über keinen „natürlichen“ Zugang zu Internet verfügen, sollten entsprechend gefördert und Familien für das Nutzungsverhalten sensibilisiert werden. Eine entscheidende Rolle für die Konzeption von Maßnahmen spielt dabei der Einbezug von Migrantenselbstorganisationen, die durch ihre Kenntnis der Zielgruppe zur adressatengerechten Gestaltung entsprechender Aktionen beitragen können.
Offensichtlich weist die türkischstämmige Bevölkerung in Deutschland ein Bildungsdefizit auf. Der Blick auf das sehr undurchlässige deutsche Erziehungs- und Bildungssystem darf in diesem Zusammenhang nicht außer Acht gelassen werden. Der Bildungserfolg von Schülerinnen und Schülern ist in Deutschland nach wie vor stark von der sozioökonomischen Herkunft abhängig.
In der Diskussion wird deutlich, dass es sinnvoll wäre, für den Bereich der Online-Kompetenz klare Ziele zu definieren. Multiplikatorinnen und Multiplikatoren sowie Lehrerinnen und Lehrer sollten stärker qualifiziert werden, denn es zeigt sich, dass das Lehrpersonal der jüngeren Generation in punkto Internetnutzung und –kenntnis oft unterlegen ist.
Im Hinblick auf die Medienpädagogik und das Lehramt ist die Beteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund unverzichtbar und sollte stärker forciert werden.
Bezüglich der inhaltlichen Ausrichtung von Internet-Angeboten für migrantische Zielgruppen besteht die Sorge der Ethnisierung dieser Portale. Um der digitalen Segregation Einhalt zu gebieten, sollte die Gemeinschaft gesehen und eher auf Ansprache gesetzt werden, die auf gemeinsamen Interessen, (z.B. Musik, Lifestyle, Kultur etc.) basiert. In die kommerziellen Angebote sollten auch Lerninhalte eingebettet werden.
Es wird zudem angemerkt, dass es keinen Sinn macht, alle Inhalte auf entsprechenden Portalen zu übersetzten, sondern dass Deutsch als gemeinsame Sprache genutzt werden sollte.
Aus den vorhandenen Daten lässt sich schließen, dass sich jüngere Türkinnen und Türken offensiver zu ihrem Türkischsein bekennen, als die ältere Generation. Gerade Jugendliche fühlen sich eigentlich als einen Teil der Gesellschaft, werden jedoch immer wieder mit Ausgrenzungen konfrontiert, sodass Fremdzuschreibungen aus einer Art Protesthaltung letztendlich übernommen werden. Die ältere damalige Gastarbeiter-Generation hingegen ist mit einer anderen Erwartungshaltung nach Deutschland gekommen. Primär ging es darum, Geld zu verdienen. Mit Diskriminierungen oder dem Gefühl „fremd zu sein“ wurde quasi gerechnet.Umso wichtiger ist es, positive Vorbilder für die jüngere Generation zu nutzen und Identifikationsfiguren zu bieten.Besonders die Medien spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie müssen sich interkulturell öffnen und Zugewanderte selbstverständlich und außerhalb von Rollen-Klischees einbeziehen.Der Blick nach Europa zeigt, dass viele Länder Deutschland in diesem Punkt um einige Jahre voraus sind.
6. Thesen des Workshops
Aus den Punkten bezüglich des Handlungsbedarfs wurden zwei Punkte als die wesentlichsten gekennzeichnet:
- Die Medien müssen sich interkulturell öffnen.
- Die Medienkompetenz in Familien, Kindergärten und Schulen muss gestärkt werden.
7. Downloads
Thematische Einführung WS-Leiste 2 [381,47 kB | pdf]
WS Türkei: Ergebnis [358,11 kB | pdf]
WS Türkei: Sauer [42,69 kB | pdf]
WS Türkei: Simon [2,38 MB | pdf]
Migrantinnen und Migranten aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion (GUS)
Für den intensiven fachlichen Austausch zu Einzelaspekten der Bestandsaufnahme wurden zwei Workshoprunden durchgeführt. In jeder Workshoprunde fanden vier Workshops mit bis zu 15 geladenen Expertinnen und Experten parallel statt. Für die zweite Workshoprunde war die Herkunft Ausgangspunkt der Fragestellung. Für alle Workshops bildete die Genderperspektive eine wichtige Grundlage. Im Abschlussplenum wurden die Ergebnisse aus den Workshops zusammengeführt und diskutiert.
1. Teilnehmerinnen und Teilnehmer
- Claudia Camp von der Gathen
- Jutta Croll
- Tatjana Daskevic
- Susanne Eggert
- Prof. Dr. Andreas Hepp
- Gundel Hessemer
- Dr. Kathrin Kissau (Leitung)
- Christiane Lembert-Dobler
- Cornelia Lins
- Patrick Melzer
- Cemalettin Özer
- C. Rhode
- Andreas Scherer (Leitung)
- Dr. Marina Seveker
- Canan Topçu
- Rita Zaltsman
2. Ergebnisse der Bestandsaufnahme
Im Rahmen des Projektes wird eine Bestandsaufnahme von Primär- und Sekundärstudien zur Online-Kompetenz von Migrantinnen und Migranten durchgeführt. Ausgangspunkt sind die vom Statistischen Bundesamt im Mikrozensus 2005 vorgelegte Definition von „Migrationshintergrund“ und der nationale Integrationsplan, der in den neuen Medien Computer und Internet erhebliche Potenziale für die Integration sieht. Die Bestandsaufnahme umfasst neben den Ergebnissen der Internet-, Migrations- und Medienforschung auch eine Übersicht der Internetportale für Migrantinnen und Migranten sowie Beispiele guter Praxis.
Migrationshintergrund und ethnisch-kulturelle Prägung bzw. Zugehörigkeit
- Internetangebote für Migrantinnen und Migranten
Internet – ein Raum für Diskurse
Bei vielen Migrantinnen und Migranten besteht der Wunsch nach Anerkennung und einer angemessenen Repräsentanz in den Massenmedien. Da aber die Berichterstattung gefühlt oder real diesem Wunsch nicht entspricht, wird das Internet als Diskursraum genutzt, um sich gegen das negative Bild der Migrantinnen und Migranten in den deutschen Massenmedien zu wehren und eine Gegenöffentlichkeit herzustellen.
Die Berichterstattungen in den Massenmedien werden kritisch verfolgt und zwischen den Mitgliedern der Communities diskutiert. Gleichzeitig ist das Internet ein Raum, wo sich Gleichgesinnte auf gleicher Höhe austauschen und diskutieren können.
Androutsopoulus (2005) prägt den Begriff der hybriden Diskursräume, in denen ein Dialog zwischen den Kulturen stattfindet. Die kulturelle Identität ist nicht abgrenzbar zwischen Herkunfts- und Aufenthaltsland, sondern ist in einem ständigen Dialog zwischen den beiden Kulturen zu verstehen, der im Rahmen einer Spannung zwischen der Bewahrung der ethnischen Identität und der Aneignung der Aufnahmekultur stattfindet.
Auch Hugger (2007: 173) thematisiert in seinen Arbeiten die hybride Identität, die als eine Möglichkeit des Auslebens von Mehrfachidentitäten gesehen wird. Das Aushandeln der gemachten Erfahrungen als Migrantin oder Migrant im virtuellen Raum führt nach Goel (2007) zu einer erhöhten Handlungsfähigkeit.
Eine weitere Ebene der Auseinandersetzung in den Communities bezieht sich nicht nur auf das „wir“ und den „Deutschen“, sondern bezieht sich auch auf die heterogene Zusammensetzung der verschiedenen Individuen in den ethnischen Gruppen. Die Gegenöffentlichkeit versteht sich nicht als eine Form der Abgrenzung, sondern ist in der Vielfältigkeit von Öffentlichkeiten zu sehen. Außerdem werden in der Diskussion von Migrantinnen und Migranten mit Menschen ohne Migrationshintergrund Potenziale gesehen, gegenseitige Vorurteile abzubauen (Murt 2007).
Weiterhin ist es auch ein virtueller Raum, in denen Menschen ohne Migrationshintergrund teilnehmen, z.B. als Interessierte an der Kultur. Dies ist deutlich am Portal Theinder.net zu beobachten, wo mittlerweile 40 Prozent der User Menschen ohne Migrationshintergrund sind.
Für die deutschtürkische Gruppe ist der virtuelle Raum ein Medium zur Gestaltung einer selbstbewussten deutschtürkischen Identität, der sich entwickelt und ein Teil der öffentlichen Meinungsbildung in Deutschland darstellt (Kissau 2008: 9).
Virtuelle Räume befriedigen soziale Bedürfnisse
Immer mehr Migrantenselbstorganisationen weiten ihre Aktivitäten auf das Internet aus. Dadurch werden ihre Anliegen nicht nur für Migrantinnen und Migranten öffentlich gemacht, sondern sie werden auch in die deutsche Öffentlichkeit getragen. Im Internet etablieren sich neben den Migrantenselbstorganisationen neue Formen der Vernetzung. In sogenannten Online-Vereinen sind zum Teil mehr registrierte Mitglieder als durchschnittlich in den klassischen Vereinen der Migrantenselbstorganisationen. Beispielsweise hat das Portal Bizimalem 470.000 registrierte Mitglieder . Die Besonderheit der Online-Vereine liegt darin, dass sie soziale Bedürfnisse ihrer Mitglieder online lösen. Das Internet schafft so neue virtuelle Räume für flexible, vielleicht auch flüchtige, neue Gefüge von Gemeinschaften (Kissau 2008).
Wer steckt hinter den Ethnoportalen?
Nach den Ergebnissen der Studien zum „Politischen Potenzial des Internet“ (PPI) werden die Webportale für Migrantinnen und Migranten sehr häufig von Vereinen und nicht kommerziellen Organisationen oder von Einzelpersonen betrieben. Bemerkenswert bei der türkischen Community ist, obwohl sie über einen hohen Organisationsgrad in den Migrantenselbstorganisationen verfügen, werden mehr Angebote von Einzelpersonen als von Vereinen bereitgestellt (vgl. Kissau 2007, 2008; Murt 2007).
Das Potenzial für politische Partizipation
Das Internet hat für politische Informationen eine zentrale Rolle eingenommen, die mit einem Bedeutungsverlust für die klassischen Massenmedien einhergeht. Gleichzeitig hat das Internet zu einer generellen Mobilisierung der türkischstämmigen und auch für einen Teil der postsowjetischen Migrantinnen und Migranten geführt. Dies zeigt sich, dass durch die Nutzung des Internet auch offline eine stärkere Auseinandersetzung mit politischen Themen stattfindet (Kissau 2008, 2007).
Aksünger hebt auch die politische Partizipation und die Erweiterung der kulturellen Vielfalt, die sie als Ressource für Deutschland betrachtet, als Potenzial der ethnischen Internetangebote hervor. Weiteres Potenzial sieht sie in der Integration und in der Stärkung des bürger-schaftlichen und ehrenamtlichen Engagements.
Internetnutzung und Migrationshintergrund
Aus den Erfahrungen verschiedener Projekte hat Hinkelbein drei Barrieren für die Internetnutzung von Migrantinnen und Migranten als wesentlich:
- fehlende Medienkompetenz
- geringe deutsche Sprachkompetenz
- die Nichtberücksichtigung spezifischer Bedürfnisse der Menschen mit Migrationshintergrund bei den angebotenen Maßnahmen
Medienkompetenz ist eine zentrale Grundlage zur Integration in die Informationsgesellschaft. Viele Migrantinnen und Migranten waren und sind in Arbeitsfeldern tätig, in denen digitale Medien entweder keine oder nur eine geringe Rolle spielen, so dass sie darüber keine Möglichkeit haben und hatten, sich Medienkompetenzen anzueignen (Hinkelbein 2007: 95).
Geringe deutsche Sprachkompetenz spielt auf der Ebene der Inhalte und deren Vermittlung eine Rolle (Hinkelbein 2007: 94).
Um spezifische Zugangsbarrieren identifizieren zu können, ist es nötig, die Lebenswelten der betroffenen Menschen zu kennen. Hier bedarf es weiterer Forschung.
Wird auf die spezifischen Bedürfnisse der Menschen mit Migrationshintergrund eingegangen, so müssten auf jeden Fall Internetkursangebote für Menschen mit geringen oder keinen Deutschkenntnissen angeboten werden und mehr fremdsprachige Internetangebote im Rahmen von eGovernment-Maßnahmen zur Verfügung stehen.
Hinkelbein hat verschiedene Projekte analysiert. Ein Best-Practice ist das Projekt „buerger-gehen-online“ der Stadt Esslingen, das PC-Treffpunkte an öffentlich zugänglichen Orten zur Verfügung stellt. Ausgebildete Mentorinnen und Mentoren bieten bei Bedarf Unterstützung beim Erwerb von Medienkompetenzen an. Es gibt vielfältige Angebote, darunter auch zielgruppenspezifische Kursangebote mit muttersprachlicher Unterstützung und computergestützte Sprachkurse.
Nicht die kulturelle Herkunft, sondern das Milieu entscheidet über Internetnutzung: Hinkelbein hat die These aufgesellt, dass die kulturelle Herkunft ein Merkmal der digitalen Spaltung darstellt, wenn er auch zu Recht auf die Heterogenität der Gruppe hinweist und auch die ökonomische Situation als Merkmal der digitalen Spaltung ansieht.
Einen ganz anderen Hinweis liefert die Sinus-Studie „Migranten in Deutschland“ von Sinus Sociovision. Ein wichtiges Ergebnis der Studie ist, dass die Herkunft nicht auf eine Milieuzughörigkeit und umgekehrt auch eine Milieuzugehörigkeit nicht auf die Herkunft schließen lässt. Das legt den Schluss nah, dass die Internetnutzung eher in den Milieus und nicht in den Ethnien variiert. Dies festzustellen, bleibt weiteren Studien vorbehalten. Die Sinus-Studie „Migranten in Deutschland“ ist eine repräsentative, qualitative Vorstudie. Darin enthalten sind auch Untersuchungen zur Mediennutzung und Ausstattung von Computer und Internet. Die Ergebnisse sind im Dezember 2008 veröffentlicht worden.
Türkischstämmige und postsowjetische Migrantinnen und Migranten
Die folgenden Ergebnisse stammen aus den Untersuchungen aus dem Projekt „Politisches Potenzial des Internet“ der Universität Münster. Dabei ist zu beachten, dass die beiden befragten Gruppen der türkischstämmigen und postsowjetischen Migrantinnen und Migranten über eine hohe Internetaffinität verfügen (90 bis 94,1 Prozent sind täglich online).
In der türkischen Gruppe der Befragten ist der Bildungsgrad sehr hoch, dafür liegt der Frauenanteil bei knapp einem Viertel. Bei den Befragten mit postsowjetischem Migrationshintergrund ist das Geschlechterverhältnis ausgeglichen. Das Durchschnittsalter liegt bei 35,9 (türkische Gruppe) und 35,8 Jahren (postsowjetische Gruppe).
Für politische Themen wird das Internet immer wichtiger, dagegen müssen traditionelle Medien einen Bedeutungsverlust als Informationsquelle für politische Informationen hinnehmen. Das Internet dient als Ausgleich zu den „informationellen Defiziten“ der offline angebotenen Massenmedien (Kissau 2008: 5).
Migrantinnen und Migranten sehen sich in den Massenmedien in der Häufigkeit und in der Darstellung schlecht vertreten. Die Besonderheit des Internet wird von den Migrantinnen und Migranten darin gesehen, dass dort Themen angeboten werden, die besonders Migrantinnen und Migranten interessieren.
Das Internet ist Gestaltungs- und Diskursraum und stellt für die Migrantinnen und Migranten eine virtuelle Heimat dar. In dieser virtuellen Heimat wird der Migrationshintergrund ein verbindendes Element, da im Gegensatz zu der Offline-Welt, der Migrationshintergrund in der ethnischen Gemeinschaft positiv besetzt ist. Das Internet wird zu einem identitätsstiftenden Raum, der die Möglichkeit bietet, eine Vielzahl von Öffentlichkeiten mit vielen kulturellen Ausdrucksformen zu kreieren (Kissau 2008: 6f.).
Websiteangebote von Parteien, Behörden und Regierung: Wie auch die Studie „E-Commerce“ kommen die Untersuchungen des Projekts „Politisches Potenzial des Internet“ zu dem Ergebnis, dass Informationsangebote von Parteien, Behörden und der Regierung bei den postsowjetischen und den türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten eine geringe Relevanz haben. Dass Projekt stellt die These auf, dass die Migrantinnen und Migranten keine Zielgruppe der politischen Akteurinnen und Akteure sind und sie von deren Onlineangeboten nicht angesprochen fühlen (Kissau 2008: 4). Die eCommerce-Studie sieht die schwer verständliche Fachsprache als Hemmnis an, die nicht nur für Menschen mit geringen deutschen Sprachkenntnissen, sondern auch, unabhängig eines Migrationshintergrundes, für Menschen, die über gute deutsche Sprachkenntnisse verfügen, ein Problem darstellen.
Sprachverwendung im Internet: Viele Migrantinnen und Migranten sind mehrsprachig und setzen dieses Potenzial entsprechend ein. Dabei ist eine Hinwendung zur deutschen Sprache im Internet zu erkennen, wobei auch die Herkunftssprachen auf den Websites zu finden sind. Dies entspricht einem Trend, der auch bei der Verwendung von klassischen Medien in der zweiten und dritten Generation von Migrantinnen und Migranten zu beobachten ist.
Bei den Angeboten für postsowjetische Migrantinnen und Migranten ist der Anteil der verwendeten russischen Sprache höher im Vergleich zur deutschen Sprache.
Bei der türkischen Community überwiegen die Angebote in deutscher Sprache. Interessant ist das Ergebnis, dass türkischstämmige Migrantinnen und Migranten online häufiger deutsch verwenden als offline, sei es im Alltagsgeschehen oder bei politischen Gesprächen (Kissau 2008: 6) .
Kommunikation: Bei den Gesprächspartnerinnen und –partnern im sozialen Raum Internet gibt es bei Personen mit türkischstämmigem und postsowjetischem Migrationshintergrund unterschiedliche Präferenzen.
Türkische Migrantinnen und Migranten kommunizieren am häufigsten mit anderen Personen mit türkischem Migrationshintergrund (59 Prozent), dann mit Personen ohne Migrationshintergrund (52 Prozent) und erst an dritter Stelle mit Personen aus der Türkei (41 Prozent).
An erster Stelle stehen bei den postsowjetischen Migrantinnen und Migranten auch Personen mit gleichem Migrationshintergrund (57 Prozent). Doch an zweiter Stelle folgen hier Diskussionspartner(innen) aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion (56 Prozent) und an dritter Stelle folgt die Kommunikation mit Einheimischen (34 Prozent).
Themen: Bei den Themen interessieren sich die türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten am meisten für „Migration und Integration“ (29,3 Prozent). Dieses Thema steht für die Menschen mit postsowjetischem Migrationshintergrund erst an vierter Stelle. Für sie ist das Thema "Internationale Beziehungen" mit 46,6 Prozent am wichtigsten (siehe Abbildung 3). Abbildung 3: Interessensthemen von türkischen und postsowjetischen Migrantinnen und Migranten Quelle: Kissau, 2007, 2008 Politische Partizipation: Das Internet wird von den Migrantinnen und Migranten für den politischen Austausch, zur Meinungsbildung und zur politischen Partizipation genutzt. Neben der Diskussion haben 68,2 Prozent der türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten an einer Unterschriftenaktion und 65,9 Prozent an einer Online-Demo oder einem Abstimmungsverfahren teilgenommen (Kissau 2008).
Die postsowjetischen Migrantinnen und Migranten nahmen zu 46,6 Prozent an einer Online-Abstimmung teil und haben sich mit 35,8 Prozent einer Online-Petition angeschlossen. 61 Prozent der postsowjetischen Migrantinnen und Migranten sind auf den Ebenen „Informationen“, „Diskussion“ und „Partizipation“ aktiv (Kissau 2007).
Fazit: Das Internet stellt für die Migrantinnen und Migranten und auch für die Aufnahmegesellschaft enorme Potenziale dar. Es ist ein Gestaltungsraum, in dem mit Gleichgesinnten über Themen gesprochen und diskutiert wird, die insbesondere Migrantinnen und Migranten interessieren und in den Massenmedien keinen Eingang finden.
Gleichzeitig stellt das Internet eine virtuelle Heimat dar, in der der Migrationshintergrund ein verbindendes Element ist und die Möglichkeit bietet, eine Vielzahl von Öffentlichkeiten mit vielen kulturellen Ausdrucksformen zu kreieren.
Studien zur Internetnutzung türkischer Migrantinnen und Migranten überwiegen bei Untersuchungen nach Herkunft. Mit Abstand folgt dann die Gruppe der Personen mit postsowjetischem Migrationshintergrund. Für andere Gruppen liegen bis auf die Studie „Migranten und Medien 2007“ keine speziellen Untersuchungen zur Internetnutzung in Deutschland vor. Dort sind Ergebnisse zu italienischen, griechischen, polnischen und ex-jugoslawische Migrantinnen und Migranten zu finden. In der Sekundäranalyse von Billes-Gerhart (2003) stammen 57 Jugendliche aus 18 Nationen: u.a.: türkisch, italienisch, russisch, iranisch, albanisch, kroatisch …
Für medienpädagogische Maßnahmen empfiehlt Theunert, Zugänge zu ermöglichen, die auf sozio-kulturelle Milieubedingungen zugeschnitten sind, die unabhängig vom Migrationshintergrund wirksam werden. Damit wird die Defizitperspektive verlassen, um „die Bedeutung transnationaler Kulturmuster und Werthaltungen für den Mediengebrauch sichtbar zu machen“ (Theunert 2007: 18).
Ein Handlungsbedarf besteht in der Forschung und bei integrativen Zugängen, die milieuspezifisch angelegt sind und Geschlechterunterschiede berücksichtigen (Theunert 2007: 17).
3. Präsentation Dr. Kathrin Kissau
4. Präsentation Andreas Scherer
5. Ergebnisbericht
Der Workshop wurde von Frau Dr. Kathrin Kissau und Herrn Andreas Scherer geleitet, die aufgrund ihrer Expertise zu diesem Thema ausgewählt wurden. Sie führten in die Themenstellung ein. Anschließend folgte die Diskussion anhand der Leitfragen sowie die Formulierung von Thesen, die im Abschlussplenum vorgestellt wurden.
Dr. Kathrin Kissau stellte die Ergebnisse der Befragung von postsowjetischen und türkischen Migrantinnen und Migranten der Universität Münster vor, die sie im Rahmen des Projekts „Politisches Potenzial des Internet“ untersucht hat.
Bei der Betrachtung der beiden Gruppen werden unterschiedliche Nutzungsmuster in der Internetnutzung deutlich. Dies zeigt sich bei der unterschiedlichen Wahl der deutschen und der Herkunftssprache, bei dem Aufsuchen von Webseitentypen und auch bei der inhaltlichen Ausrichtung (Herkunftsland, Deutschland, beides und international).Insgesamt werden die russischsprachigen Migrantinnen und Migranten als sehr internetaffin beschrieben.
Sprachverwendung: Die Internetsphäre von Migrantinnen und Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion ist russischsprachig. Das gilt für Internetangebote als auch bei der Verwendung der Sprache. Über ¾ der postsowjetischen Internetnutzenden verwendet online vorrangig die russische Sprache selbst dann, wenn sie gute Deutsch- oder Englischkenntnisse besitzen.
Kontakte zu anderen: Migrantinnen und Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion bleiben online unter sich. An erster Stelle bestehen Kontakte zu Migrantinnen und Migranten aus dem gleichen Herkunftsland. Dies gilt auch für Befragte mit türkischem Migrationshintergrund. Für die postsowjetischen Migrantinnen und Migranten folgen an zweiter Stelle Kontakte zu Personen aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion und an dritter Stelle zu Deutschen. Für Befragte mit türkischem Migrationshintergrund folgen an zweiter Stelle Kontakte zu Deutschen und dann zu Personen aus der Türkei.
Genutzte Internetangebote: Die Internetsphäre postsowjetischer Migrantinnen und Migranten wird von privaten und kommerziellen Angeboten dominiert. Vereine und staatliche Angebote, die sich auch an diese Zielgruppe richten, gibt es zum einen seltener und werden auch weniger genutzt. Die inhaltliche Ausrichtung der postsowjetischen Migrantinnen und Migranten ist international. Das bedeutet, dass die Internetsphäre weniger auf Deutschland sondern grenzüberschreitend ausgerichtet ist. Türkische Internetangebote haben dagegen einen stärkeren Deutschlandbezug.
Das Besondere des Internet für die Internetnutzerinnen und -nutzer:
- Leichtere Kontaktmöglichkeit zum Herkunftsland
- einfache und günstige Nutzung
- weniger Hemmungen, die eigene Meinungen zu äußern, ohne perfekt sprechen und schreiben zu können
- besondere Angebote, die die Interessen der Migrantinnen und Migranten widerspiegeln und durch die klassischen Massenmedien nicht abgedeckt werden.
Gründe der Nicht-Nutzung:
- Fehlende Medienkompetenz
- hohe Kosten
- es wird kein Mehrwert des Internet für das eigene Leben gesehen.
Dennoch besteht ein grundsätzlich positives, chancenbetonendes Bild des Internet bei den Nicht-Nutzenden.
Andreas Scherer stellte das Projekt Colab vor, das sich an „schwer vermittelbare“ und „leistungsbereite“ Jugendliche aus dem russischsprachigen Raum richtet und ihnen mit einem medienpädagogischen Ansatz Berufsperspektiven bieten möchte. Diese Jugendlichen haben aufgrund der Zuwanderung keinen in Deutschland anerkannten Schulabschluss. Häufiges Problem der Jugendlichen besteht in mangelnden Deutschkenntnissen, die eine große Barriere für passende Bildungsangebote darstellen.
Das Projekt Radio rasik.de bietet postsowjetischen Jugendlichen ein Szeneradio für deutsch- und russischsprachigen Underground HipHop an. Dabei wird die Technik und Gestaltung der Website eigenverantwortlich von den Jugendlichen betrieben. Die Community umfasst etwa 1.000 Mitglieder und die Sendungen werden bis zu 10.000 Mal heruntergeladen.
Durch das Projekt werden Jugendliche über ihr großes Interesse an Musik und Medien angesprochen.
In dem Projekt werden zurzeit 6 Auszubildende und 2 Praktikanten ausgebildet. Potenziale des Projekts sieht Andreas Scherer für die Jugendlichen und die Aufnahmegesellschaft.
Auf der Seite der Jugendlichen erwerben diese durch das Projekt technische, redaktionelle und sprachliche Kompetenzen. Auf der anderen Seite gibt es in Deutschland einen Fachkräftemangel im IT-Bereich, der durch die Potenziale der Migrantinnen und Migranten mit passgenauen Angeboten gemindert werden kann.
Die Finanzierung dieses Projekt ist ein kritischer Erfolgsfaktor.
Gesammlete Schlagworte auf den Stellwänden:
Nutzen
- Hilfe zur Selbsthilfe
- Aus Online werden Offlinekontakte
- Zugang zur Gruppe „Faszination Internet“
Spezifische Merkmale
- Russischsprachig
- Große Heterogenität
- Vorrangig Kontakte untereinander
Nicht Nutzung
- Fehlende Kompetenzen
- Hohe Kosten
- Fehlender persönlicher Mehrwert
- Ablehnung aus religiösen Gründen
Handlungsbedarf
- Interkulturelle Öffnung der Aufnahmegesellschaft/Medien
- Internetaffinität nutzen
- Förderung und Kooperation von/mit Onlineinitiativen von Migrantinnen und Migranten
Diskussionsergebnisse zu den Leitfragen:
1. Welchen Nutzen hat das Internet für diese spezielle Gruppe mit Migrationshintergrund?
Das Internet ist ein Medium zur Selbsthilfe, in dem es Informationen und Austausch für migrationsspezifische Fragen und Bedürfnisse liefert. Alltagshilfe und Austausch mit Gleichgesinnten sind hier wichtige Punkte (zum Beispiel bei Fragen zu zweisprachiger Erziehung der Kinder).
Eine Expertin beobachtet, dass aus langjährigen Internetkontakten innerhalb der postsowjetischen Migrantinnen und Migranten reale Freundschaften mit Treffen entstehen. Der Zugang zur Zielgruppe kann über die Faszination des Internet mit seinen Möglichkeiten und verschiedenen Interessensangeboten erfolgen, wie das Projekt Colab zeigt und auch von der Forschung bestätigt wird.
Für die Jugend ist ein Zugang über das Thema Musik möglich. Er kann allgemein über die eigene Migrationserfahrung sein oder auch über regio-nale Bezüge zum Herkunfts- oder Aufnahmeland. Die Expertinnen und Experten beobachten, dass im Zuge der Globalisierung eine regionale Nostalgie entsteht, wo lokale Kulturen und Identitäten wieder entdeckt oder betont werden (Stichwort Glokalisierung).
2. Welche Erkenntnisse über spezifische Merkmale der Nutzung, Nicht-Nutzung und –art der Nutzung liegen vor?
Bei den postsowjetischen Migrantinnen und Migranten besteht große Heterogenität, die nicht nur über Alter, Geschlecht und Bildung zu erklären ist, sondern über die Vielfalt der verschiedenen Kulturen mit eigener Geschichte, die aus der großen Anzahl von Staaten der ehemaligen Sowjetunion resultieren. Migrationsgründe und Rückkehrabsichten sind weitere Aspekte der Heterogenität. Des Weiteren gibt es jüdische Migrantinnen und Migranten, die nach Deutschland eingewandert sind. Ein verbindendes Element der postsowjetischen Migrantinnen und Migranten ist die russische Sprache obwohl es auch Länder gibt, in denen andere Sprachen gesprochen werden. Ein spezifisches Merkmal ist, dass Internetkontakte von postsowjetischen Migrantinnen und Migranten vorrangig untereinander bestehen.
3. Welche Hemmnisse oder Barrieren lassen sich für diese Gruppe identifizieren?
Für die Nicht-Nutzung werden fehlende Medienkompetenzen, zu hohe Kosten und der fehlende Mehrwert für den eigenen Alltag als Ursachen gesehen. Bei einigen Migrantinnen und Migranten, die bestimmten Freikirchen angehören, werden zusätzlich religiöse Gründe für eine Ablehnung des Internet vorgebracht.
Andreas Scherer betont, dass das Vertrauen der Jugendlichen wichtig sei:
- „Da wir eine Zielgruppe ansprechen, die von anderen schon aufgegeben wurden, ist es wichtig, dass die Jugendlichen Vertrauen fassen in uns. Wenn sie wissen, dass sie sich auf uns verlassen können und wir an sie glauben, verschwindet die Blockade durch negative Erfahrungen und die Jugendlichen zeigen viele Fähigkeiten und Interessen, die vorher verborgen waren. Und dies erreichen wir, in dem wir sie dort abholen, wo sie stehen, und sie ernst nehmen.“
4. Worin besteht der Handlungsbedarf für diese Gruppe und wie können gezielte Maßnahmen aussehen?
Es wird Handlungsbedarf darin gesehen, dass sich die Aufnahmegesellschaft und hier insbesondere die klassischen Massenmedien interkulturell öffnen sollten. Dies wird als langfristiger Prozess betrachtet. Bei Maßnahmen sollte die hohe Internetaffinität der Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion genutzt werden. Die Förderung und Kooperation von/mit Onlineinitiativen von Migranten wird als weitere wichtige Maßnahme gesehen. Damit ist das Fördern von Projekten oder von Migrantenselbstorganisationen gemeint.
6. Thesen des Workshops
Aus zeitlichen Gründen wurden keine Thesen formuliert. Im Abschlussplenum wurden die Punkte des Handlungsbedarfs vorgestellt.
7. Downloads
Thematische Einführung WS-Leiste 2 [381,47 kB | pdf]
WS GUS: Ergebnis [357,77 kB | pdf]
WS GUS: Kissau [1,43 MB | pdf]
WS GUS: Scherer [1,20 MB | pdf]
Frauen und Männer aus der Heimat Afrika
Für den intensiven fachlichen Austausch zu Einzelaspekten der Bestandsaufnahme wurden zwei Workshoprunden durchgeführt. In jeder Workshoprunde fanden vier Workshops mit bis zu 15 geladenen Expertinnen und Experten parallel statt. Für die zweite Workshoprunde war die Herkunft Ausgangspunkt der Fragestellung. Für alle Workshops bildete die Genderperspektive eine wichtige Grundlage. Im Abschlussplenum wurden die Ergebnisse aus den Workshops zusammengeführt und diskutiert.
1. Teilnehmerinnen und Teilnehmer
- Dr. Ines Braune (Leitung)
- Prof. Dr. Maureen Maisha Eggers
- Virginia Wangare Greiner (Leitung)
- Oliver Hinkelbein
- Ute Kempf
- Loay Mudhoon
- Crisje Riewe
- Manfred Wittmann
2. Ergebnisse der Bestandsaufnahme
Im Rahmen des Projektes wird eine Bestandsaufnahme von Primär- und Sekundärstudien zur Online-Kompetenz von Migrantinnen und Migranten durchgeführt. Ausgangspunkt sind die vom Statistischen Bundesamt im Mikrozensus 2005 vorgelegte Definition von „Migrationshintergrund“ und der nationale Integrationsplan, der in den neuen Medien Computer und Internet erhebliche Potenziale für die Integration sieht. Die Bestandsaufnahme umfasst neben den Ergebnissen der Internet-, Migrations- und Medienforschung auch eine Übersicht der Internetportale für Migrantinnen und Migranten sowie Beispiele guter Praxis.
Migrationshintergrund und ethnisch-kulturelle Prägung bzw. Zugehörigkeit
- Internetangebote für Migrantinnen und Migranten
Internet – ein Raum für Diskurse
Bei vielen Migrantinnen und Migranten besteht der Wunsch nach Anerkennung und einer angemessenen Repräsentanz in den Massenmedien. Da aber die Berichterstattung gefühlt oder real diesem Wunsch nicht entspricht, wird das Internet als Diskursraum genutzt, um sich gegen das negative Bild der Migrantinnen und Migranten in den deutschen Massenmedien zu wehren und eine Gegenöffentlichkeit herzustellen.
Die Berichterstattungen in den Massenmedien werden kritisch verfolgt und zwischen den Mitgliedern der Communities diskutiert. Gleichzeitig ist das Internet ein Raum, wo sich Gleichgesinnte auf gleicher Höhe austauschen und diskutieren können.
Androutsopoulus (2005) prägt den Begriff der hybriden Diskursräume, in denen ein Dialog zwischen den Kulturen stattfindet. Die kulturelle Identität ist nicht abgrenzbar zwischen Herkunfts- und Aufenthaltsland, sondern ist in einem ständigen Dialog zwischen den beiden Kulturen zu verstehen, der im Rahmen einer Spannung zwischen der Bewahrung der ethnischen Identität und der Aneignung der Aufnahmekultur stattfindet.
Auch Hugger (2007: 173) thematisiert in seinen Arbeiten die hybride Identität, die als eine Möglichkeit des Auslebens von Mehrfachidentitäten gesehen wird. Das Aushandeln der gemachten Erfahrungen als Migrantin oder Migrant im virtuellen Raum führt nach Goel (2007) zu einer erhöhten Handlungsfähigkeit.
Eine weitere Ebene der Auseinandersetzung in den Communities bezieht sich nicht nur auf das „wir“ und den „Deutschen“, sondern bezieht sich auch auf die heterogene Zusammensetzung der verschiedenen Individuen in den ethnischen Gruppen.
Die Gegenöffentlichkeit versteht sich nicht als eine Form der Abgrenzung, sondern ist in der Vielfältigkeit von Öffentlichkeiten zu sehen. Außerdem werden in der Diskussion von Migrantinnen und Migranten mit Menschen ohne Migrationshintergrund Potenziale gesehen, gegenseitige Vorurteile abzubauen (Murt 2007).
Weiterhin ist es auch ein virtueller Raum, in denen Menschen ohne Migrationshintergrund teilnehmen, z.B. als Interessierte an der Kultur. Dies ist deutlich am Portal Theinder.net zu beobachten, wo mittlerweile 40 Prozent der User Menschen ohne Migrationshintergrund sind.
Virtuelle Räume befriedigen soziale Bedürfnisse
Immer mehr Migrantenselbstorganisationen weiten ihre Aktivitäten auf das Internet aus. Dadurch werden ihre Anliegen nicht nur für Migrantinnen und Migranten öffentlich gemacht, sondern sie werden auch in die deutsche Öffentlichkeit getragen. Im Internet etablieren sich neben den Migrantenselbstorganisationen neue Formen der Vernetzung. In sogenannten Online-Vereinen sind zum Teil mehr registrierte Mitglieder als durchschnittlich in den klassischen Vereinen der Migrantenselbstorganisationen. Beispielsweise hat das Portal Bizimalem 470.000 registrierte Mitglieder .
Die Besonderheit der Online-Vereine liegt darin, dass sie soziale Bedürfnisse ihrer Mitglieder online lösen. Das Internet schafft so neue virtuelle Räume für flexible, vielleicht auch flüchtige, neue Gefüge von Gemeinschaften (Kissau 2008).
Wer steckt hinter den Ethnoportalen?
Nach den Ergebnissen der Studien zum „Politischen Potenzial des Internet“ (PPI) werden die Webportale für Migrantinnen und Migranten sehr häufig von Vereinen und nicht kommerziellen Organisationen oder von Einzelpersonen betrieben.
Das Potenzial für politische Partizipation
Das Internet hat für politische Informationen eine zentrale Rolle eingenommen, die mit einem Bedeutungsverlust für die klassischen Massenmedien einhergeht.
Aksünger hebt auch die politische Partizipation und die Erweiterung der kulturellen Vielfalt, die sie als Ressource für Deutschland betrachtet, als Potenzial der ethnischen Internetangebote hervor. Weiteres Potenzial sieht sie in der Integration und in der Stärkung des bürgerschaftlichen und ehrenamtlichen Engagements.
Internetnutzung und Migrationshintergrund
Aus den Erfahrungen verschiedener Projekte hat Hinkelbein drei Barrieren für die Internetnutzung von Migrantinnen und Migranten als wesentlich erkannt:
- fehlende Medienkompetenz
- geringe deutsche Sprachkompetenz
- die Nichtberücksichtigung spezifischer Bedürfnisse der Menschen mit Migrationshintergrund bei den angebotenen Maßnahmen
Medienkompetenz ist eine zentrale Grundlage zur Integration in die Informationsgesellschaft. Viele Migrantinnen und Migranten waren und sind in Arbeitsfeldern tätig, in denen digitale Medien entweder keine oder nur eine geringe Rolle spielen, so dass sie kaum Möglichkeiten haben und hatten, sich Medienkompetenzen anzueignen (Hinkelbein 2007: 95).
Geringe deutsche Sprachkompetenz spielen auf den Ebenen der Inhalte und deren Vermittlung eine Rolle (Hinkelbein 2007: 94).
Um spezifische Zugangsbarrieren identifizieren zu können, ist es nötig, die Lebenswelten der betroffenen Menschen zu kennen. Hier bedarf es weiterer Forschung.
Wird auf die spezifischen Bedürfnisse der Menschen mit Migrationshintergrund eingegangen, so müssten auf jeden Fall Internetkursangebote für Menschen mit geringen oder keinen Deutschkenntnissen angeboten werden und mehr fremdsprachige Internetangebote im Rahmen von eGovernment-Maßnahmen zur Verfügung stehen.
Hinkelbein hat verschiedene Projekte analysiert.Ein Best-Practice ist das Projekt „buerger-gehen-online“ der Stadt Esslingen, das PC-Treffpunkte an öffentlich zugänglichen Orten zur Verfügung stellt. Ausgebildete Mentorinnen und Mentoren bieten bei Bedarf Unterstützung beim Erwerb von Medien-kompetenzen an. Es gibt vielfältige Angebote, darunter auch zielgruppenspezifische Kursangebote mit muttersprachlicher Unterstützung und computergestützte Sprachkurse.
Nicht die kulturelle Herkunft, sondern das Milieu entscheidet über die Internetnutzung: Hinkelbein hat die These aufgesellt, dass die kulturelle Herkunft ein Merkmal der digitalen Spaltung darstellt, wenn er auch zu Recht auf die Heterogenität der Gruppe hinweist und auch die ökonomische Situation als Merkmal der digitalen Spaltung ansieht.
Einen ganz anderen Hinweis liefert die Sinus-Studie „Migranten in Deutschland“ von Sinus Sociovision. Ein wichtiges Ergebnis der Studie ist, dass die Herkunft nicht auf eine Milieuzughörigkeit und umgekehrt auch eine Milieuzugehörigkeit nicht auf die Herkunft schließen lässt. Das legt den Schluss nah, dass die Internetnutzung eher in den Milieus und nicht in den Ethnien variiert. Dies festzustellen, bleibt weiteren Studien vorbehalten. Die Sinus-Studie „Migranten in Deutschland“ ist eine repräsentative, qualitative Vorstudie. Darin enthalten sind auch Untersuchungen zur Mediennutzung und Ausstattung von Computer und Internet. Die Ergebnisse sind im Dezember 2008 veröffentlicht worden.
Fazit: Das Internet stellt für die Migrantinnen und Migranten und auch für die Aufnahmegesellschaft enorme Potenziale dar. Es ist ein Gestaltungsraum, in dem mit Gleichgesinnten über Themen gesprochen und diskutiert wird, die insbesondere Migrantinnen und Migranten interessieren und in den Massenmedien keinen Eingang finden.
Gleichzeitig stellt das Internet eine virtuelle Heimat dar, in der der Migrationshintergrund ein verbindendes Element ist und die Möglichkeit bietet, eine Vielzahl von Öffentlichkeiten mit vielen kulturellen Ausdrucksformen zu kreieren.
Studien zur Internetnutzung türkischer Migrantinnen und Migranten überwiegen bei Untersuchungen nach Herkunft. Mit Abstand folgt dann die Gruppe der Personen mit postsowjetischem Migrationshintergrund. Für andere Gruppen liegen bis auf die Studie „Migranten und Medien 2007“ keine speziellen Untersuchungen zur Internetnutzung in Deutschland vor. Dort sind Ergebnisse zu italienischen, griechischen, polnischen und ex-jugoslawische Migrantinnen und Migranten zu finden. In der Sekundäranalyse von Billes-Gerhart (2003) stammen 57 Jugendliche aus 18 Nationen: u.a.: türkisch, italienisch, russisch, iranisch, albanisch, kroatisch …
Für medienpädagogische Maßnahmen empfiehlt Theunert, Zugänge zu ermöglichen, die auf sozio-kulturelle Milieubedingungen zugeschnitten sind, die unabhängig vom Migrationshintergrund wirksam werden. Damit wird die Defizitperspektive verlassen, um „die Bedeutung transnationaler Kulturmuster und Werthaltungen für den Mediengebrauch sichtbar zu machen“ (Theunert 2007: 18).
Ein Handlungsbedarf besteht in der Forschung und bei integrativen Zugängen, die milieuspezifisch angelegt sind und Geschlechterunterschiede berücksichtigen (Theunert 2007: 17).
3. Präsentation Dr. Ines Braune
4. Ergebnisbericht
Der Workshop wurde von Frau Dr. Ines Braune und Frau Virginia Wangare Greiner geleitet, die aufgrund ihrer Expertise zu diesem Thema ausgewählt wurden. Sie führten in die Themenstellung ein. Anschließend folgte die Diskussion anhand der Leitfragen sowie die Formulierung von Thesen, die im Abschlussplenum vorgestellt wurden.
Dr. Ines Braune näherte sich unter der Fragestellung "Was ist Internet (in der arabischen Welt)?" dem Thema Internetnutzung von Afrikanerinnen und Afrikanern in der nördlichen Hälfte des Kontinents. Das Internet besitze eine hohe Dynamik in den arabischen Staaten, die sich nicht abbilden lässt anhand von nationalstaatlich erhobenen Zahlen. Auf letztgenannter Ebene ist die Nutzung gering, zugleich hat es für diejenigen, die es nutzen, eine hohe Relevanz. Das Internet ist zentraler Bestandteil des Alltags, es wird 2 bis 3 Mal pro Woche genutzt. Es wird für Bankgeschäfte, zum Chatten und für Anwendungen wie "Facebook" genutzt. Die Internetnutzung findet in Internet-Cafés statt.
In den Golfstaaten (außer dem Libanon) ist die Internetnutzung relativ hoch, in allen anderen arabischen Staaten dagegen eher gering. Die präsentierten Zahlen stammen von der International Telecommunication Union (ITU) und sind von 2004. Die Internetnutzungsrate sowie der Besitz eines Computers ist im Irak am niedrigsten: Sie liegt bei je unter einem Prozent. Mit 32 Prozent Internetnutzung und 12 Prozent Computerbesitz ist der höchste Anteil für die Vereinigten Arabischen Emirate zu verzeichnen. Bestehende Paradigmen werden kritisch hinterfragt: Das technisch Mögliche impliziert nicht notwendigerweise das sozial Wünschenswerte.
- Fördert das Internet Bildung und Demokratie? (Im Libanon besitzen die Menschen ein hohes Bildungsniveau, zugleich sind die Internetnutzung und der Computerbesitz gering).
- Fördert es Integration?
- Es gibt "das Internet" nicht, sondern die Nutzenden bestimmen, was es ist.
Die Internetnutzung ist abhängig von der persönlichen, sozialen und ökonomischen Situation der Nutzenden. Die Diskussion um Begrifflichkeiten, Kategorien und (westlich/europäische) Wertvorstellungen wurde auch hier (vgl. WS 1.4: Mädchen und Frauen) wieder aufgegriffen: So trifft die Kategorie "Alter", wie sie in den europäischen Untersuchungen angewendet wird, auf arabische Jugendliche so nicht zu: Das Ende der Jugendzeit wird mit dem Eintritt in den Ehestand markiert, so dass 12 – 34 Jährige, die zugleich die Hauptnutzenden des Internet sind, als jugendlich gelten (können).
Der Alltag von Jugendlichen ist bestimmt von Grenzen: Grenzen zum anderen Geschlecht, zu den Erwachsenen, geografisch.
Virginia Wangare Greiner:
Die Internetnutzung in Afrika wird häufig unterschätzt: Afrikanerinnen und Afrikaner sind teilweise bei der Internetnutzung in ihren Heimatländern in städtischen Regionen viel weiter als diejenigen, die in Deutschland leben. Afrika bewegt sich schneller, als hierzulande gedacht wird. In den Städten gebe es Internet-Cafés, die als Begegnungsorte stark genutzt werden. Große Unterschiede bestehen zwischen städtischem und ländlichem Raum. Menschen auf dem Lande haben praktisch keinen Zugang zum Internet. Internet-Cafés in Deutschland sind stark wachsende Unternehmen von Afrikanerinnen und Afrikanern.
- Wo bist du, wo bin ich?
- Wo bewegen sich die Menschen?
- Wofür Migrantinnen und Migranten das Internet brauchen, bekommen wir heraus, wenn wir die Menschen ohne Migrationshintergrund fragen.
Anhand der Leitfragen, die für die Workshops gestellt waren, stieg Frau Wangare Greiner gleich in die Diskussion ein. Die Ergebnisse wurden auf den Stellwänden festgehalten.
Die Frage:
1. Welchen Nutzen hat das Internet für diese spezielle Gruppe mit Migrationshintergrund?
formulierte sie um in:
"Welchen Nutzen hat das Internet für dich?"
bzw.
"Wofür nutzt du das Internet?"
und bat die Mitglieder der Arbeitsgruppe, persönliche Antworten darauf auf Moderationskarten festzuhalten. Diese Methode setzt sie für alle Fragen ein.
2. Welche Erkenntnisse über spezifische Merkmale der Nutzung, Nicht-Nutzung und –art der Nutzung liegen vor?
3. Welche Hemmnisse oder Barrieren lassen sich für diese Gruppe (für dich) identifizieren?
4. Worin besteht der Handlungsbedarf für diese Gruppe (für dich) und wie können gezielte Maßnahmen aussehen?
Gesammelte Schlagworte auf den Stellwänden
Zu 1):
- Alltag: Bahntickets, Kontaktpflege, Recherche
- Bildung
- Schnelle, grenzüberschreitende Kommunikation
- Kommunikation mit Freunden
- Fahrplanauskünfte
- Wegbeschreibungen
- Recherche zu allen Themen
- Einkauf: Tickets, CDs, Bücher…
- Information (beruflich)
- Es ist für mich Technologie und Praxis in einem. Ich nutze es zur Kommunikation, Recherche, Publizieren, „Schmökern“
- Kommunikations- und Informationsfunktion
- Informationsquelle
- Kontakt für den Job
Zu 2):
- Kritische Seiten des Internet
- Starke Ausrichtung auf Communitys
- Symbolische Vereinnahmung: Ich bin sehr viel online, es wird angenommen, dass ich ein weißer Mann bin, weil es keine Spezifizierung gibt.
- Begrifflichkeiten?
- Informationsbeschaffung, Kommunikation – wesentliche Arten der Nutzung
- Identitäten
- Keine
- Ich nutze das Internet „vieldimensional“
- Wichtig für Beruf (Kosten und Qualität der Information)
- Ohne Orientierung kein großer Nutzen, Ökonomie
Zu 3):
- Gefühlt keine
- Es gibt Anwendungen, für die ich nicht die entsprechende Technik habe
- Transparenz
- Keine Nennenswerten
- Zugangsschwierigkeit, Zeit für Verwertung
- Nur Sprachbarrieren, wenn es um fremde Anbieter geht
- Fehlende Kenntnisse im Umgang mit PC und Internet, Informationsüberfluss, wie finde ich, was ich suche?
- „Support“ von außen, wenn was nicht funktioniert, Instandhaltung von technischen Voraussetzungen
Zu 4):
- Arbeitsmarktchancen
- Leistungen/Maßnahmen der Politik
- Die genaue Struktur unserer Nutzung und damit unsere Bedürfnisse zu ermitteln, um darüber Aussagen über unsere „virtuelle Realität“/ Positionierung treffen zu können
- Wer will eigentlich was?
- Nutzerfreundlichkeit erhöhen (bspw. durch erklärende Hilfe-Systeme)
- Archivierungssystem
- Bedarfe identifizieren, Angebote zielgruppenspezifisch gestalten
- Ökonomisierung der Internetnutzung!
Diskussionsergebnisse zu den Leitfragen
Zu Frage 1):
Da in Deutschland sehr viele Dokumente gebraucht würden und Afrikanerinnen und Afrikaner häufig ohne Papiere ins Land kommen, nutzen sie das Internet, um sich erforderliche Personaldokumente aus ihrem Heimatland zu beschaffen. Dazu werden vorhandene Papiere eingescannt und in das afrikanische Heimatland als Existenzbeweis verschickt. Die Kommunikation mit einheimischen Behörden sei so viel unkomplizierter und vor allem schneller.
Afrikanerinnen und Afrikaner nutzen das Internet, um Musik aus dem Heimatland herunterzuladen, Waren zu kaufen und mit dem Heimatland zu kommunizieren. Auch zur Überweisung von Geld an die Familien wird das Internet genutzt.
Vorteil des Netzes ist: Es ist günstig und es gibt keine Vorurteile.
Zu Frage 2):
Als spezifisches Merkmal wird die starke Ausrichtung auf die Gemeinschaft betont: Die Kommunikation mit- und der Austausch untereinander mit Freunden, Bekannten und Verwandten in den Heimatländern ist für Afrikanerinnen und Afrikaner sehr wichtig.
Die Bildung vieler Afrikanerinnen und Afrikaner wurde unterbrochen. Um in Deutschland z. B. ein Flugticket über das Internet zu bestellen, muss die Person folgende Voraussetzungen mitbringen: Sie muss lesen können, sie muss die Sprache verstehen, sie muss in der Lage sein, eine Nummer einzutippen und sie muss das Ticket ausdrucken können. Diese Voraussetzungen bestehen nicht immer.
Zu Frage 3):
Barrieren der Internetnutzung werden vor allem in fehlenden Kenntnissen beim Umgang mit PC und Internet gesehen. Im Informationsüberfluss fehlt Orientierung. Fehlende technische Voraussetzung für bestimmte Anwendungen sowie fehlende Unterstützung bei technischen Problemen sind weitere Hemmnisse. Sprachbarrieren bestehen ebenfalls.
Zu Frage 4):
Um Handlungsbedarf zu formulieren, muss die Frage danach, wohin soll es eigentlich gehen, beantwortet werden. Vor allem ist notwendig, die Defizitperspektive zu verlassen und auf die Potenziale zu bauen, die Afrikanerinnen und Afrikaner mitbringen. Starke Vernetzung, Schnelligkeit und Flexibilität sind Stärken der Afrikanerinnen und Afrikaner. Diskussionen müssen auf Augenhöhe geführt werden, nur miteinander lassen sich Maßnahmen entwickeln.
Einerseits nutzen Afrikanerinnen und Afrikaner das Internet für die gleichen Dinge wie die Deutschen, andererseits gibt es spezifischen Bedarf an Maßnahmen: Es müssen Bildungsangebote mit gleichzeitiger Kinderbetreuung gemacht werden. Die Selbsthilfeorganisationen müssen gestärkt werden.
Internet-Cafés in Flüchtlingsheimen könnten vieles erleichtern. Viele gute, bereits bestehende Angebote müssen breiter bekanntgemacht werden. Die Hülle "Integration" muss aufgebrochen werden.
5. Thesen des Workshops
Sichtbarmachen der vorhandenen Ressourcen der Menschen
Afrikanerinnen und Afrikaner in Deutschland brauchen das Internet für die gleichen Dinge wie „Deutsche“
Wir müssen uns fragen, wo wir stehen und wohin wir gemeinsam gehen wollen
Das Internet hat Potenzial, interkulturellen Austausch zu ermöglichen
Afrikanerinnen und Afrikaner brauchen spezifische Maßnahmen
Migration ist eine Mobilitätsoption, (beinhaltet) Veränderungsfähigkeit
6. Downloads
Thematische Einführung WS-Leiste 2 [381,47 kB | pdf]
WS Afrika: Ergebnis [348,94 kB | pdf]
WS Afrika: Braune [39,72 kB | pdf]
Frauen und Männer aus Italien in den Norden
Für den intensiven fachlichen Austausch zu Einzelaspekten der Bestandsaufnahme wurden zwei Workshoprunden durchgeführt. In jeder Workshoprunde fanden vier Workshops mit bis zu 15 geladenen Expertinnen und Experten parallel statt. Für die zweite Workshoprunde war die Herkunft Ausgangspunkt der Fragestellung. Für alle Workshops bildete die Genderperspektive eine wichtige Grundlage. Im Abschlussplenum wurden die Ergebnisse aus den Workshops zusammengeführt und diskutiert.
1. Teilnehmerinnen und Teilnehmer
- Dr. Elisabetta Abbondanza (Leitung)
- Prof. Dr. Ursula Boos-Nünning (Leitung)
- Dr. Christiane Feil
- Dayna Hirst
- Dr. Edith Pichler
- Dr. Susanne Schnoor-Bäcker
2. Ergebnisse der Bestandsaufnahme
Im Rahmen des Projektes wird eine Bestandsaufnahme von Primär- und Sekundärstudien zur Online-Kompetenz von Migrantinnen und Migranten durchgeführt. Ausgangspunkt sind die vom Statistischen Bundesamt im Mikrozensus 2005 vorgelegte Definition von „Migrationshintergrund“ und der nationale Integrationsplan, der in den neuen Medien Computer und Internet erhebliche Potenziale für die Integration sieht. Die Bestandsaufnahme umfasst neben den Ergebnissen der Internet-, Migrations- und Medienforschung auch eine Übersicht der Internetportale für Migrantinnen und Migranten sowie Beispiele guter Praxis.
Migrationshintergrund und ethnisch-kulturelle Prägung bzw. Zugehörigkeit
- Internetangebote für Migrantinnen und Migranten
Internet – ein Raum für Diskurse
Bei vielen Migrantinnen und Migranten besteht der Wunsch nach Anerkennung und einer angemessenen Repräsentanz in den Massenmedien. Da aber die Berichterstattung gefühlt oder real diesem Wunsch nicht entspricht, wird das Internet als Diskursraum genutzt, um sich gegen das negative Bild der Migrantinnen und Migranten in den deutschen Massenmedien zu wehren und eine Gegenöffentlichkeit herzustellen.
Die Berichterstattungen in den Massenmedien werden kritisch verfolgt und zwischen den Mitgliedern der Communities diskutiert. Gleichzeitig ist das Internet ein Raum, wo sich Gleichgesinnte auf gleicher Höhe austauschen und diskutieren können.
Androutsopoulus (2005) prägt den Begriff der hybriden Diskursräume, in denen ein Dialog zwischen den Kulturen stattfindet. Die kulturelle Identität ist nicht abgrenzbar zwischen Herkunfts- und Aufenthaltsland, sondern ist in einem ständigen Dialog zwischen den beiden Kulturen zu verstehen, der im Rahmen einer Spannung zwischen der Bewahrung der ethnischen Identität und der Aneignung der Aufnahmekultur stattfindet.
Auch Hugger (2007: 173) thematisiert in seinen Arbeiten die hybride Identität, die als eine Möglichkeit des Auslebens von Mehrfachidentitäten gesehen wird. Das Aushandeln der gemachten Erfahrungen als Migrantin oder Migrant im virtuellen Raum führt nach Goel (2007) zu einer erhöhten Handlungsfähigkeit.
Eine weitere Ebene der Auseinandersetzung in den Communities bezieht sich nicht nur auf das „wir“ und den „Deutschen“, sondern bezieht sich auch auf die heterogene Zusammensetzung der verschiedenen Individuen in den ethnischen Gruppen.
Die Gegenöffentlichkeit versteht sich nicht als eine Form der Abgrenzung, sondern ist in der Vielfältigkeit von Öffentlichkeiten zu sehen. Außerdem werden in der Diskussion von Migrantinnen und Migranten mit Menschen ohne Migrationshintergrund Potenziale gesehen, ge-genseitige Vorurteile abzubauen (Murt 2007).
Weiterhin ist es auch ein virtueller Raum, in denen Menschen ohne Migrationshintergrund teilnehmen, z.B. als Interessierte an der Kultur. Dies ist deutlich am Portal Theinder.net zu beobachten, wo mittlerweile 40 Prozent der User Menschen ohne Migrationshintergrund sind.
Virtuelle Räume befriedigen soziale Bedürfnisse
Immer mehr Migrantenselbstorganisationen weiten ihre Aktivitäten auf das Internet aus. Dadurch werden ihre Anliegen nicht nur für Migrantinnen und Migranten öffentlich gemacht, sondern sie werden auch in die deutsche Öffentlichkeit getragen. Im Internet etablieren sich neben den Migrantenselbstorganisationen neue Formen der Vernetzung. In sogenannten Online-Vereinen sind zum Teil mehr registrierte Mitglieder als durchschnittlich in den klassischen Vereinen der Migrantenselbstorganisationen. Beispielsweise hat das Portal Bizimalem 470.000 registrierte Mitglieder .
Die Besonderheit der Online-Vereine liegt darin, dass sie soziale Bedürfnisse ihrer Mitglieder online lösen. Das Internet schafft so neue virtuelle Räume für flexible, vielleicht auch flüchtige, neue Gefüge von Gemeinschaften (Kissau 2008).
Wer steckt hinter den Ethnoportalen?
Nach den Ergebnissen der Studien zum „Politischen Potenzial des Internet“ (PPI) werden die Webportale für Migrantinnen und Migranten sehr häufig von Vereinen und nicht kommerziellen Organisationen oder von Einzelpersonen betrieben.
Das Potenzial für politische Partizipation
Das Internet hat für politische Informationen eine zentrale Rolle eingenommen, die mit einem Bedeutungsverlust für die klassischen Massenmedien einhergeht.
Aksünger hebt auch die politische Partizipation und die Erweiterung der kulturellen Vielfalt, die sie als Ressource für Deutschland betrachtet, als Potenzial der ethnischen Internetangebote hervor. Weiteres Potenzial sieht sie in der Integration und in der Stärkung des bürgerschaftlichen und ehrenamtlichen Engagements.
Internetnutzung und Migrationshintergrund
Aus den Erfahrungen verschiedener Projekte hat Hinkelbein drei Barrieren für die Internetnutzung von Migrantinnen und Migranten als wesentlich erkannt:
- fehlende Medienkompetenz
- geringe deutsche Sprachkompetenz
- die Nichtberücksichtigung spezifischer Bedürfnisse der Menschen mit Migrationshintergrund bei den angebotenen Maßnahmen
Medienkompetenz ist eine zentrale Grundlage zur Integration in die Informationsgesellschaft. Viele Migrantinnen und Migranten waren und sind in Arbeitsfeldern tätig, in denen digitale Medien entweder keine oder nur eine geringe Rolle spielen, so dass sie kaum Möglichkeiten haben und hatten, sich Medienkompetenzen anzueignen (Hinkelbein 2007: 95).
Geringe deutsche Sprachkompetenz spielen auf den Ebenen der Inhalte und deren Vermittlung eine Rolle (Hinkelbein 2007: 94).
Um spezifische Zugangsbarrieren identifizieren zu können, ist es nötig, die Lebenswelten der betroffenen Menschen zu kennen. Hier bedarf es weiterer Forschung.
Wird auf die spezifischen Bedürfnisse der Menschen mit Migrationshintergrund eingegangen, so müssten auf jeden Fall Internetkursangebote für Menschen mit geringen oder keinen Deutschkenntnissen angeboten werden und mehr fremdsprachige Internetangebote im Rahmen von eGovernment-Maßnahmen zur Verfügung stehen.
Hinkelbein hat verschiedene Projekte analysiert. Ein Best-Practice ist das Projekt „buerger-gehen-online“ der Stadt Esslingen, das PC-Treffpunkte an öffentlich zugänglichen Orten zur Verfügung stellt. Ausgebildete Mentorinnen und Mentoren bieten bei Bedarf Unterstützung beim Erwerb von Medien-kompetenzen an. Es gibt vielfältige Angebote, darunter auch zielgruppenspezifische Kursangebote mit muttersprachlicher Unterstützung und computergestützte Sprachkurse.
Nicht die kulturelle Herkunft, sondern das Milieu entscheidet über die Internetnutzung: Hinkelbein hat die These aufgesellt, dass die kulturelle Herkunft ein Merkmal der digitalen Spaltung darstellt, wenn er auch zu Recht auf die Heterogenität der Gruppe hinweist und auch die ökonomische Situation als Merkmal der digitalen Spaltung ansieht.
Einen ganz anderen Hinweis liefert die Sinus-Studie „Migranten in Deutschland“ von Sinus Sociovision. Ein wichtiges Ergebnis der Studie ist, dass die Herkunft nicht auf eine Milieuzughörigkeit und umgekehrt auch eine Milieuzugehörigkeit nicht auf die Herkunft schließen lässt. Das legt den Schluss nah, dass die Internetnutzung eher in den Milieus und nicht in den Ethnien variiert. Dies festzustellen, bleibt weiteren Studien vorbehalten. Die Sinus-Studie „Migranten in Deutschland“ ist eine repräsentative, qualitative Vorstudie. Darin enthalten sind auch Untersuchungen zur Mediennutzung und Ausstattung von Computer und Internet. Die Ergebnisse sind im Dezember 2008 veröffentlicht worden.
Fazit: Das Internet stellt für die Migrantinnen und Migranten und auch für die Aufnahmegesellschaft enorme Potenziale dar. Es ist ein Gestaltungsraum, in dem mit Gleichgesinnten über Themen gesprochen und diskutiert wird, die insbesondere Migrantinnen und Migranten interessieren und in den Massenmedien keinen Eingang finden.
Gleichzeitig stellt das Internet eine virtuelle Heimat dar, in der der Migrationshintergrund ein verbindendes Element ist und die Möglichkeit bietet, eine Vielzahl von Öffentlichkeiten mit vielen kulturellen Ausdrucksformen zu kreieren.
Studien zur Internetnutzung türkischer Migrantinnen und Migranten überwiegen bei Untersuchungen nach Herkunft. Mit Abstand folgt dann die Gruppe der Personen mit postsowjetischem Migrationshintergrund. Für andere Gruppen liegen bis auf die Studie „Migranten und Medien 2007“ keine speziellen Untersuchungen zur Internetnutzung in Deutschland vor. Dort sind Ergebnisse zu italienischen, griechischen, polnischen und ex-jugoslawische Migrantinnen und Migranten zu finden. In der Sekundäranalyse von Billes-Gerhart (2003) stammen 57 Jugendliche aus 18 Nationen: u.a.: türkisch, italienisch, russisch, iranisch, albanisch, kroatisch …
Für medienpädagogische Maßnahmen empfiehlt Theunert, Zugänge zu ermöglichen, die auf sozio-kulturelle Milieubedingungen zugeschnitten sind, die unabhängig vom Migrationshintergrund wirksam werden. Damit wird die Defizitperspektive verlassen, um „die Bedeutung transnationaler Kulturmuster und Werthaltungen für den Mediengebrauch sichtbar zu machen“ (Theunert 2007: 18).
Ein Handlungsbedarf besteht in der Forschung und bei integrativen Zugängen, die milieuspezifisch angelegt sind und Geschlechterunterschiede berücksichtigen (Theunert 2007: 17).
3. Ergebnisbericht
Der Workshop wurde von Frau Prof. Dr. Ursula Boos-Nüning und Frau Dr. Elisabetta Abbondanza geleitet, die aufgrund ihrer Expertise zu diesem Thema ausgewählt wurden. Sie führten in die Themenstellung ein. Anschließend folgte die Diskussion anhand der Leitfragen sowie die Formulierung von Thesen, die im Abschlussplenum vorgestellt wurden.
Prof. Dr. Ursula Boos-Nünning bemerkte zu Beginn ihres Vortrags, dass die Datenlage bezüglich der in Deutschland lebenden Personen mit italienischem Migrationshintergrund nicht ausreichend sei. Die Datenlage von italienischen Migrantinnen und Migranten bezüglich des Internet wurde während des Vortrags von Prof. Dr. Boos-Nünning erläutert.
Festzustellen ist, dass die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Internetstammnutzung bei Personen mit italienischem Migrationshintergrund im Vergleich zu anderen in Deutschland lebenden Personen mit Migrationshintergrund am geringsten ist und dass sich das Internetverhalten dieser Personen kaum von dem Internetverhalten Einheimischer unterscheidet.
Spannender ist jedoch die Frage, warum Personen mit italienischem Migrationshintergrund in der Statistik so schlecht abgebildet sind. Dies kann in Zusammenhang stehen mit der Tatsache, dass im Bild der deutschen Allgemeinheit der Stereotyp der Italienerinnen und Italiener positiv belegt ist und diese als vollkommen integriert gelten. Jedoch haben in Deutschland lebende Italienerinnen und Italiener ein niedrigeres Bildungsniveau als Personen ohne Migrationshintergrund.
Außerdem ist die Arbeitslosenquote der italienischstämmigen Bevölkerung unter in Deutschland lebenden Personen mit italienischem Migrationshintergrund überdurchschnittlich hoch. Insgesamt sind Italienerinnen und Italiener schlecht in das deutsche Bildungs- und Berufssystem integriert. Die Vorstellung der vollkommenen Integration von in Deutschland lebenden Personen mit italienischem Migrationshintergrund ist somit nicht korrekt.
Dr. Elisabetta Abbondanza stellte in ihrem Vortrag das Portal www.webgiornale.de vor.
Das Webgiornale ist ein Informationsmedium, das eine Auswahl an tagesaktuellen Nachrichten auf deutsch und italienisch bietet. Die katholische Kirche ist der Träger dieser Internetpräsenz und Dr. Tobia Bassanelli leitet das Webgiornale ehrenamtlich.
Zu den Kernthemen zählen das Leben der Italienerinnen und Italiener in Deutschland, deutsch-italienische Beziehungen, Italienerinnen und Italiener in Europa, Migration von Italienerinnen und Italienern und die Weltnachrichten. Das Webgiornale schafft einen Überblick und bietet eine Auswahl der wichtigsten Nachrichten für die italienischstämmige Bevölkerung in Deutschland und richtet sich an Italienerinnen und Italiener, die seriöse Informationen suchen. Das Webgiornale ist wenig bekannt, da es nicht gezielt beworben wird, jedoch wird es täglich von einigen hundert Personen gelesen.
Gesammlete Schlagworte auf den Stellwänden:
- Zu geringes Wissen über italienische Migrantinnen und Migranten
- Schaffen von Basiswissen über junge Menschen mit italienischem Migrationshintergrund als Grundlage für Internet
- Italienerinnen und Italiener sind integriert? Öffentliche Meinung, Lebenssituation
- Hohe Integration bei fehlendem Bildungserfolg, keine ethnische Community
- Keine italienische Web Community
- Sprache der italienischen Familien
- Bildungsorientierung durch Internet
- An wen die Internetkurse (Zielgruppe)
- Internet in Italien weniger verbreitet
- Nutzen im Internet gesehen
- Fragen sind auf Web und nicht auf Internet ausgerichtet
Diskussionsergebnisse zu den Leitfragen:
1. Welchen Nutzen hat das Internet für diese spezielle Gruppe mit Migrationshintergrund?
Das Internet könnte eine Möglichkeit sein, die schulischen Leistungen von Kindern und Jugendlichen mit italienischem Migrationshintergrund zu verbessern und Wissen zu vermitteln. Das Ziel sollte sein, ihnen zu Bildungsabschlüssen zu verhelfen, die ihnen Horizonte eröffnen. Die Frage dabei ist jedoch, ob durch das Internet überhaupt eine Bildungsorientierung hervorgerufen werden kann.
2. Welche Erkenntnisse über spezifische Merkmale der Nutzung, Nicht-Nutzung und –art der Nutzung liegen vor?
Aus den vorhandenen Daten über Italienerinnen und Italiener in Deutschland ist ersichtlich, dass bei ihnen das Internet weiter verbreitet ist, als bei der in Italien lebenden Bevölkerung. Eine italienische Web-Community existiert nach Angaben der Experten jedoch nicht.
In der Diskussion wurde nachgefragt, ob bei Personen mit italienischem Migrationshintergrund überhaupt ein Handlungsbedarf in Bezug auf digitale Integration besteht.
Eine Besonderheit wird in der italienischen Sprachverwendung gesehen, da in Deutschland lebende Italienerinnen und Italiener ihre regionalen italienischen Dialekte vernachlässigen und in Deutschland das verbindende „Hochitalienisch“ sprechen, welches viele Personen mit italienischem Migrationshintergrund jedoch nicht korrekt beherrschen.
3. Welche Hemmnisse oder Barrieren lassen sich für diese Gruppe identifizieren?
Im Bild der Allgemeinheit werden italienische Migrantinnen und Migranten als in Deutschland vollständig integriert angesehen. Tatsächlich sind sie jedoch schlechter in das deutsche Bildungs- und Berufssystem integriert, als beispielsweise Türkinnen und Türken. So ist die Arbeitslosenquote unter ihnen überdurchschnittlich hoch, ebenso die Quote der Schülerinnen und Schüler an Sonderschulen. Somit ist das Bild der vollkommenen Integration der in Deutschland lebenden Italienerinnen und Italiener nicht korrekt.
4. Worin besteht der Handlungsbedarf für diese Gruppe und wie können gezielte Maßnahmen aussehen?
Angebote sollten zielgruppenspezifisch aufbereitet werden und möglichst früh ansetzen, beispielsweise in der Grundschule.
4. Thesen des Workshops
Es existieren nur geringe Kenntnisse über junge Italienerinnen und Italiener mit Migrationshintergrund und ihre Internetnutzung. Im Bild der Allgemeinheit sind Italienerinnen und Italiener vollständig in Deutschland integriert, dieses lässt sich jedoch nicht durch Daten belegen. Es existiert keine italienische Community, die sich aus Verbänden und informellen Kreisen konzipiert und auch keine italienische Web-Community, so dass eine direkte Ansprache entsprechend schwierig ist.
5. Downloads
Thematische Einführung WS-Leiste 2 [381,47 kB | pdf]
WS Italien: Ergebnis [354,03 kB | pdf]























































































































